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Periodical volume 24. März 1883, Nr. 26

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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Das Murmel-Spiel (mit gebrannten bunten Thonkügelchen) 
unserer Berliner Kinder ist nichts weiter als eine Abart des wen 
dischen Walkspiels, dauerhafter wegen der Festigkeit der Murmeln 
und geeigneter für Stadtkinder, denen Eier immer eine rarere 
Waare sind. Mit großer Energie halten unsere jugendlichen 
Spreeathener an diesem Spiel fest, das in der ersten Lenzzeit um 
Ostern herum, sonst aber niemals, auf den Straßen gespielt wird. 
An andern märkischen Orten beginnt um dieselbe Zeit das Ball 
spiel. Ei, Kugel, Ball, alles ist ein und dasselbe Symbol für das 
erwachende Lenzesleben, für die neu erwachende, .neubelebende, 
neuschaffende Lenzessonne. Wir schließen mit Geibel's schönen 
Worten: 
Es ist ein inniges Erneuen 
Im Bild des Frühlings offenbart. 
Was dürr war, grünt im Wehn der Lüfte; 
Jung wird das Alte, fern und nah; 
Der Odem Gottes sprengt die Grüfte — 
Wacht auf, der Ostertag ist da! 
Ein Gries Schenlrenstorfs vom 22. Mär; 1814. 
Ist Theodor Körner der Tyrtäus der Freiheitskriege, so ist 
Max von Schenkendorf, dessen hundertjährigen Geburtstag wir 
gerade in diesem Jahre zu feiern haben werden, der Prophet unter 
jenen Dichtern zu nennen: er hat Deutschlands künftige Größe in 
seinen Liedern verkündet. Besonderen Werth hat ein Brief Schenken- 
dorfs vom 22. März 1814, den Hoffmann von Fallersleben aus 
v. Meusebachs Sammlung in seinem Buche „Findlinge zur Ge 
schichte deutscher Sprache und Dichtung" mittheilte. Er ist in 
seiner idealen Auffassung des Krieges ein lebendiges Bild aus 
jenen Tagen zwischen der Schlacht bei Lar sur Aube und der 
Erstürmung des Uontmatrs und enthält genaue Angaben über 
einen sonst weniger aus Zeugnissen bekannten Lebensabschnitt des 
Dichters, vor allem aber erinnert uns das Datum an unsem 
theuren Kaiser, der damals seinen Geburtstag gerade auf jenem 
feindlichen Boden in kriegerischer Ehre an der Seite seines Vaters 
verlebte. 
Wir lassen den Brief mit Beibehaltung seiner Form folgen. 
An den Herrn Hauptmann 
Freiherrn äs la Chevallerie. 
Am 22. März 1814 
in Karlsruh. 
Gott grüße Dich mein theurer Freund und Landsmann! Er 
schenke Dir Kampfeslust und Siegesfteude, und zu dem allen die 
innere Ruhe und Seligkeit, ohne welche doch Alles ein Nichts ist. 
Ich habe mich herzlich gefreut über die hiesigen schönen Nach 
richten von Dir und den Deinigen — ich wünsche Dir auch Glück 
dazu, daß Du bereits gewürdigt bist in so hehrem Kampfe Dein 
Blut zu vergießen. Blut versöhnt, Blut bindet, nur Blut be 
siegelt die Liebe. Darum freue ich mich — wie gesagt — daß 
auch mit Deinem ftommen Blut der vaterländische Boden benetzt, 
und beftuchtet ist für die Freiheit und alle den Segen der im Ge 
folge dieser Himmelstochter kommen wird. 
Mein Geschäft geht hier seinen alten undankbaren Gang fort, 
und die Faulheit wie der böse Wille machen mir viel zu schaffen. 
Während unsrer Trennung bin ich aber auch schon in Frankreich 
bis Chaumont und in Basel, Zürich und am Rheinfall gewesen, 
hab' auch Breisgau und Schwarzwald von zwei Seiten bereiset. 
Uebrigens darf ich jetzt Herr Kamerad zu Dir sagen; denn 
der König hat mich — obgleich ich seit dem 3. Oktober nichts dazu 
gesehen habe, im Februar — zum Volontair-Offizier ernannt. Es 
ist wirklich sonderbar, daß ich jetzt Uniform trage, und den Feld 
zug im bürgerlichen Kleide gemacht habe. Es schmerzt mich freilich 
hier sitzen zu müssen, während die Waffenbrüder das neue Babel 
ängstigen — die Erlaubniß meinen hiesigen Posten zu verlassen 
dürfte auch nicht zugleich mit dem Friedensschlüsse kommen, vor 
dem uns Gott übrigens bewahren wolle! Schande wird der Preu 
ßische Waffenrock übrigens von mir nicht haben. 
Leb recht wohl, Gott schütze Dich, und segne Deine Frau 
und Kinderlein. Er segne uns alle und die ganze Welt. 
Ewig Dein treuer Freund und Bruder 
Max Schenkendorf. 
Zur Erklärung bedarf es nur weniger Worte. Schenkendorf 
war 1813 in das Hauptquartier zu Schweidnitz eingetreten und 
hatte auch der Schlacht bei Leipzig beigewohnt. Nachdem ihn der 
Freiherr von Stein zum Beamten der Verwaltungskommission ge 
macht hatte, wurde er Agent beim Großherzog von Baden für die 
Organisirung der Volksbewaffnung, der König aber ernannte ihn 
durch Kabinetsordre zum Offizier. Jener Brief ist gleichzeitig mit 
Schenkendorfs unvergänglichem „Frühlrngsgrup an das Vaterland" 
entstanden. Mit welchen Empfindungen lesen heute wir die Worte: 
„Wie mir Deine Freuden winken 
Nach der Knechtschaft nach dem Streit, 
Vaterland, ich muß versinken 
Hier in Deiner Herrlichkeit .... 
Aber einmal müßt ihr ringen 
Noch in ernster Geisterschlacht 
Und den letzten Feind bezwingen. 
Der im Innern drohend wacht .... 
Jeder ist dann reich an Ehren, 
Reich an Demuth und an Macht: 
So nur kann sich recht verklären 
Unsers Kaisers heil'ge Pracht." 
H. Draheim. 
Die Prophcseihimgcn des Schlosscrmeijlers Rhode in 
Potsdam. 
Nach den eigenhändigen Aufzeichnungen des am 3. November 1881 zu 
Potsdam im 87. Lebensjahre verstorbenen Frauleins Caroline Schulze 
bearbeitet und herausgegeben 
von Klar mm fflrsfrtif. (Fortsetzung aus Nr. 24.) 
6. Graf Brühl an Frau Schulze. 
Königsberg, den 28. May 1809. 
Da wir nach der allgemeinen Rede noch nicht in Berlin an 
gekommen sind, ich dem zu Folgen Sie nicht besuchen kann, so 
folge ich dem Rathe eines sehr weisen Mannes, der mich ver 
sichert hat, man könne an jeden entfernten Ort schreiben, und der 
Brief würde abgegeben, ohne daß man dazu einen expressen Boten 
brauche. Mit Ihnen, liebe Frau Oberbauräthin, will ich sprechen, 
und nicht mit Ihrem Manne, das ist ein ungläubiger, der glaubt 
die Prophezeihungen nicht eher, als bis daß sie erfüllt sind. Jetzt 
ist der wahre Zeitpunkt, wo Meister Rhode (wenn er nehmlich um 
nähere Erkundigung einzuziehen nicht etwa in die andere Welt 
gereiset ist) uns etwas wichtiges sagen kann; seine Sachen sind 
wirklich nicht so albern, als sie wohl manche auslegen wollen. 
Eins wäre ich doch am neugierigsten zu erfahren; Sie werden 
sich vermuthlich noch besinnen können, daß der alte Eisen-Mann 
uns die Einströmung fremder Völker in unser Land vorher sagte? 
ferner meint er, wir würden flüchten, zuletzt aber würde Preußen 
im Mailändischen ein ganz neues Reich stiften, zu dessen bequemer 
Anlage noch das Mittelländische Meer austrocknen sollte. Was 
mag er wohl jetzt sagen, sollen wir noch nach Mailand? ich 
möchte es gern wissen, um meine Pelze zu verkaufen, was sollen 
sie mir dort? 
Eins fürchte ich immer bey dem, was Meister Rhode spricht: er
        
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