Path:
Periodical volume 24. März 1883, Nr. 26

Full text: Der Bär Issue 9.1883

320 
lange nach Osten geschützt, wußte der Namensträger sie auch nach 
Süden, Westen und Norden zu wahren! 
Niedergeworfen sind die Feinde des Reiches — austhaten sich 
die Pforten des Berges und hervortrat in neuer Pracht der Kaiser! 
Sei nun auch dem Frieden ein 
„kraftvoller Beschützer!" R. Lutter. 
Oster-Eier. 
Volksthümliches von fraß fritiri. 
(Hierzu die Illustration Seite 313.) 
Omiie vitndi ex ovo. 
Wenn die langen Winterstürine schweigen, wenn nach düstern 
Monaten zum ersten Male der Frühling lacht, wenn das erste 
Grün unter dem Reif sich schüchtern hervorwagt und wie's im 
Liede heißt: 
Die Lerche stieg am Osterinorgen 
Empor in'S klarste Luftgebiet, 
Und schmettert, hoch im Blau verborgen, 
Ein freudig Auferstehungslied, 
dann thut die Sonne nach unserm Volksglauben drei Freuden 
sprünge, dann hüpft auch dem Menschenkind das Herz vor Lust 
im Leibe, dann läßt oder ließ doch selbst die ernste Kirchenzucht 
das Osterlachen, den liisus paschalis an geweihter Stelle er 
schallen. So schloß im Jahre des Herrn 1599 zu Eichstädt der 
geistliche Herr nach feierlicher Osterpredigt mit den Worten: „Ehr 
bare christliche Männer, wer von Euch Herr über seine Frau ist, 
der hebe beide Hände hoch auf und rufe juch!" Die ehrbaren 
christlichen Männer guckten ihre ehrbaren christlichen Eheweibchen 
an und blieben stumm. Da hob der Pfarrer selbst beide Arme 
und schrie krästiglich „Juch", nun faßten sich die starken Männer 
ein Herz und riefen ebenfalls ein kräftiges „Oster-Juch". 
Wo man selbst froh ist, will man Andere froh sehen, daher 
bleibt die Sitte, sich Ostern zu beschenken, immer neu, sie wird nie 
abgeschafft, nur umgemodelt und modernisirt werden. Sinnig ist 
es, daß man auch in der elegantesten Atrappen-Verkleidung bei 
uns in Berlin und an vielen Orten die alte Symbolik, den Oster 
hasen und das Osterei, aufrecht erhält. Der Osterhase bringt 
bei uns die Ostereier. Beides, Hase und Ei, Sinnbilder der 
Fruchtbarkeit und des Segens, deutet auf den Kultus der Ostara, 
der Göttin des Frühlings, der Auferstehung des Naturlebens nach 
dem langen Wintertod. Doch muß man mit dem Darreichen 
des Osterei's vorsichtig sein, in Frankreich und Italien z. B. kennt 
man es nicht, und es würde geradezu für höchst unschicklich gelten, 
in Paris oder Rom einem jungen Mädchen ein symbolisches Ei 
zu überreichen. 
In Neuvorpommern kennt man den Osterhasen nicht, dagegen 
hat man ein merkwürdiges Gebäck dort, den Osterwolf, über deffen 
Bedeutung ich im Jahrgang VII S. 395 gesprochen. Im Allge 
meinen ist ferner die symbolische Bedeutung des Ei's als Symbol 
des verborgenen und schlummernden Lebens wohl in allen Zeiten 
lind allen Ländern verbreitet. Für die klassischen Völker bezeugt 
es uns der naturphilosophische Spruch, den wir als Motto voran 
gestellt, bei den Römern noch die Wendung ab ovo „vom Ei an", 
d. h. vom Beginn an. Vollständig lautet dies geflügelte Wort 
ab ovo ad malum und bedeutet „vom Ei bis zum Apfel", indem 
der Römer die Mahlzeit mit Eiern begann und mit Obst beschloß, 
aber es verräth doch einen symbolischen Zug, daß das Mahl 
gerade typisch mit dem Ei beginnen mußte. 
Was ist die herrliche Phönix-Legende anders, als der Kult 
des Osterei's und eine merkwürdige Vereinigung der Naturan- 
schauung der Japhetiten (Jndogermanen re.) mit der der Hamiten 
(Aegypter rc.). Der Phönix, der mit seinem leuchtenden Gefieder 
die Sonne selbst versinnbildlicht, stürzt sich sterbend (im Winter) 
auf die Erde; aus seinem Blute entsteht der junge Phönix (der 
Lenz). Das Junge hüllt den gestorbenen Phönix-Vater in ein 
Ei aus Weyrauch und Myrrhen, das er auf dem Hauptaltar zu 
Heliopolis, der Sonnenstadt, niederlegt. Dies Ei, das geschwundene 
Sonnenjahr, begraben alsdann die Priester feierlich, im Frühling, 
wenn die Sonne in das Sternbild des Widders tritt. So beginnt 
mit dem neuen Sonnenjahr der neue Phönix sein Leben und 
dieses Neujahrsfest ist das Ostern, jenes mumifizirte Phönixei, 
das Osterei der Aegypter schon 5—6000 Jahr vor der Jetztzeit. 
Bunt schildert uns der Plinius den Sonnenvogel, bunt sind 
aller Orten die Ostereier, die dem jungen Lenz und der neuen 
Sonne dargebracht werden. Daß in und bei Berlin die Ostereier 
mit Zwiebelschale gelb oder mit Rothholz roth gefärbt werden, 
paßt in die Symbolik, denn gelb oder roth wird der unsere Erde 
beleuchtende himmlische Feuerball dargestellt. 
Eine reizvolle Variante der Bemalung des Ostereis, von der 
wir in den beigefügten Abbildungen eine Probe geben, nach Eiern, 
wie sie in Schleife bei Muskau gefertigt werden und im 
Märkischen Museum hinterlegt sind, findet sich bei unsern Sorben - 
Wenden erhalten. Wir verdanken die stilvollen, ächt nationalen 
Muster, wie die nachfolgenden Erläuterungen dem hochverdienten 
und unermüdlichen Erforscher der Wenden: Wilibald von Schulen 
burg*). 
Die wendischen Bursche und Mädel tragen mit großer Sicher 
heit mittels Stecknadelknöpfe das Muster der Zeichnung in flüssigem 
Wachs aus das rohe Ei. Alsdann wird der Farbestoff in Wasser 
aufgekocht. In dieses, abgekühlt, werden die Eier hineingethan 
und gekocht, bis das Wachs abfließt und das Muster bleibt. 
Roth wird mit Cochenille, gelb mit Zipollenschale, blau mit Farb- 
holz, schwarz mit Erlenschischken (Kätzchen von Alm« glutinosa) 
gefärbt. Neuerdings werden Eier auch mit Saftgrün bemalt. 
Vollendet künstlerische Darstellungen, so die Erscheinung des Engels, 
welcher den Hirten die frohe Botschaft verkündigt, hat Herr Welan 
erfunden. 
Die Ostereier, wendisch jastrowns jajka, müssen am ersten 
Osterfeiertag gekocht sein, dann wird das Ei nicht stinkig. Von 
den Pathen holen sich die Kinder die „bunten Eier", pisano jajka 
den Pfefferkuchen, paprenc, und die Osterscmmel, jastrowne calta; 
letztere ist länglich rautenförmig mit eingedrückten Verzierungen, 
daher man von einem krummbeinigen („klumpatschigen") Jungen 
sagt, der Junge hat Beine wie eine Ostersemmel. Daran an 
klingend nennt man auch in Berlin schiefe Beine „Semmelbeine".**) 
Die Mädchen, welche in der Nieder-Wendei die noch üblichen 
Osterlieder singen, geben jede zwei Ostereier an die Jungen, die 
im Jahr die vierseitige Bank für die Sängerinnen im Stande 
halten und ausbessern. 
In den Osterfeiertagen wird mit Eiern „gewaleet", walko\va<5, 
auch von ledigen und verheiratheten Erwachsenen. Dazu wird 
eine „Walk" gemacht: eine Bahn, welche schräg in die Erde fährt, 
oben schmal, aber nach unten sich verbreitert. Sind z. B. drei 
Spieler, so „kullert" der erste ein Ei in die Walk hinunter. Trifft 
dann der zweite das erste Ei mit einem zweiten, so ist das erste 
„geschlagen" und kommt in den cyck, eine kleine Vertiefung seit 
wärts neben dem Walk. Das geschlagene Ei zahlt ein oder zwei 
Pfennige an den Treffer, und so wird weiter „gewaleet". 
*) Vgl. sein, allen Freunden „Wendischen Volksthums" bestens 
hiermit empfohlenes Buch gleichen Namens. Berlin 1882, Verlag von 
R. Stricker. 
**) Nicht zu verwechseln mit „Scheinelbeine", „Säbelbeine", ebenfalls 
bipitlieta ornantia für die Krümmung des Unterschenkels, die bei uns 
gebraucht werden.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.