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Periodical volume 14. Oktober 1882, Nr. 3

Full text: Der Bär Issue 9.1883

Erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch alle Buchhandlungen, Zeitung-speditionen und Postanstalten für 2 Mark 
IX. Jahrgang. vierteljährlich zu beziehen. - Im Postzeitung--Latalog eingetragen unter Nr. 2198. j,<m 14. Gctober 
Nr. 3. Herausgegeben Von Emil Dominik. Verlag von Gebrüder Paetel in Berlin W. 1882. 
Jungmeister Georg und seine Käthe. 
Eine Erzählung aus dem Jnnungslcben des 17. Jahrhunderts. 
Von iicrmaiin fltlitrufi. (Fortsetzung.) 
Nachdruck verboten. 
Gesetz v. ll. VI. 70. 
Sechstes Kapitel. 
Im Munde der Leute. 
In der Akitte des Marktplatzes stand die Kirche, deren 
hohe Wände und Bogenfenster weit über die Häuser und 
f Festungswerke der Stadt emporragten. Und dern armen, zer- 
: lumpten Kindlein vergleichbar, das zu einer vornehinen Frau 
( aufschaut, und mit ein Al 
mosen bittet; stand am öst- 
■ lichen Giebel der Kirche hart 
am Marktplatz ein kleines 
schlecht erhaltenes Gebäude. 
Dasselbe hatte nach dem 
Marktplätze zu drei Fenster 
luken, die für gewöhnlich 
durch einen Bretterverschlag 
geschlossen waren. Der 
Raum zwischen dem Häus 
chen und der Kirche wurde 
von dem alten Küster in 
jedem Frühjahr mit Blumen 
besät und hieß deshalb kurz 
weg der Küstergarten, aber 
wie es den geistlichen Leuten 
oft geschieht, daß der Feind 
Unkraut unter ihren Samen 
streut, so nahm das Un 
kraut in dem Küstergärtchen 
meist so überhand, daß von 
den Blumen nichts zu sehen 
lvar. Auch ließen es sich 
die Buben, die da ihre 
Spiele ausübten, nicht ver 
bieten, über den Zaun zu klettern und das Gärtchen init argen 
Fußtritten ztt verwüsten. Wenn dann der Küster auf den üblen 
Zustand seines Gärtchens aufmerksam gemacht wurde, so pflegte 
er mit geistlicher Würde zu erwidern: „Das hat der Feind 
Professor vr. Wilhelm Förster, 
Direktor der Berliner Sternwarte. (S. Seite 41.) 
gethan!" Bor dem Häuschen standen täglich die Hökerwciber, 
die da ihre Gemüse, Kirschen, Spillinge und Pflaumen ver 
kauften. 
Das Häuschen hieß: „ Die Semmelbank." Denn jeden 
Morgen um sechs senkten sich die Bretterverschläge, welche die 
Fensterluken verdeckten, und in den offenen Luken erschienen 
drei alte, häßliche Weiber, 
welche den Einwohnen: der 
Beste die gelben, knusperigen 
Semmeln verkauften, die, in 
den warmen Morgenbrei ge 
brockt, ein Lieblingsessen der 
Jungen und Alten waren. 
Dann entspann sich zwischen 
den Semmelweibern in und 
den Hökerfrauen vor der 
Semmelbank eine lebhafte 
Untcrhaltttng über die städ 
tischen Neuigkeiten. 'Nichts 
war diesen Frauen zu fein 
gesponnen, das sie nicht an 
das Licht der Sonne gebracht 
Hütten; ja sie bekamen es 
sogar fertig, Dinge zu wissen 
und mit aller Gewißheit 
auszusprechen, die überhaupt 
nicht vorhanden waren, und 
mancher Unschuldige wurde 
unter ihren bösen Zungen 
zermartert. Da nun die ganze 
Stadt bei ihnen kaufte, und 
die Kunden ab und zu liefen, 
so wurde das, was sie ausgeheckt und ausgesponnen hatten, bald 
in der ganzen Stadt ruchbar, so daß auf die Verwüstungen, 
tvelche sie oft in den Herzen der Einwohner anrichteten, des 
Küsters Worte paßten: „Das hat der Feind gethan!"
        
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