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Periodical volume 17. März 1883, Nr. 25

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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Präsidii eine Versammlung der Kursürstendamm-Adjazenten statt, 
in welcher sich eine große Anzahl derselben für den Fall der 
Straßeiiregutirung zur unentgeltlichen Hergäbe des dazu erforder 
lichen Terrains verpflichtete, da aber mehrere mit erheblichem 
Grundbesitze bcthciligte Besitzer den Beitritt verweigerten, so wurde 
der Sache keine weitere Folge gegeben, sondern cs wurde be 
schlossen, die Renitenten auszuhungern. Unter diesen Verhältnissen 
ruhte die Sache, nachdem inzwischen unter deni 2. Juni 1875 
eine andcrtocitige Feststellung der Baufluchten unter Verbreiterung 
der Straße bis auf 53 Meter stattgefunden hatte, trotz aller er 
denklichen Mühe, welche sich der bisher schon als treibende Kraft 
bei den Verhandlungen sungirendc Direktor des Berlin-Charlotten 
burger Bauvereins, Herr Hanke gab, jahrelang, zumal die allge 
meine Grundstückskalamität dazu kam. 
Im Jahre 1875 beabsichtigte die Potsdamer Regierung bc- 
huss Erleichterung der Holzabfuhr die Anlage einer Zweig- 
chaussee von Zehlendorf über Dahlem nach Wannsee. 
Den energischen Bemühungen der Direktion des Berlin-Char- 
lottenburger Bauvcreins aber gelang es, mittelst Vorstellungen bei 
dem Oberpräsidenten und dem Finanzminister eine Abänderung 
dieses Projekts in der Weise durchzusetzen, daß statt dessen die 
jetzt in Verlängerung des Kurfürstendammes bestehende 
Chaussee angelegt wurde, welche an den schönsten Seepar- 
thien des Gruncwaldes vorbeiführt und die besonders eine 
ganz enorme Frequenz erhalten hat, seitdem die König!. Thier- 
garten-Vertvaltung sich in Folge der Hergäbe von Beiträgen 
seitens der Adjazenten und mit Hülfe eines aus der Kaiserlichen 
Privatchatoulle gewährten Beitrages bereit finden ließ, längs des 
alten Kürfürstendammes einen fünf Meter breiten provisorischen 
Pflasterstreifen herzustellen. 
Nachdem in dieser Weise die Möglichkeit des Wagenverkehrs 
geboten war, eröffnete der bekannte Friedrich Wilhelm Richter 
am Eintritte des Kurfürstendammes in den Grunewald das soge 
nannte Wirthshaus am Halensee, inmitten einer ausgedehnten 
Spargelkultur, welche den Beweis dafür lieferte, wie der gute 
warme märkische Sand nur des nöthigen Dungs und einiger Bear 
beitung bedarf, um vielfältige Frucht zu erzeugen. 
Inzwischen gewannen die Ideen des Fürsten Bismark immer 
festeren Boden in weiteren Kreisen, und leider waren es auslän 
dische (englische) Kapitalisten, welche sich zuerst für die Idee der 
Herstellung einer prächtigen Verbindungsstraßc zwischen dem 
Thiergarten resp. Zoologischen Garten und dem Grunewald 
erwärmen ließen. 
Geschickten, ganz im Stillen durgeführten Verhandlungen ge 
lang cs, fast das gcsammte an die Straßen angrenzende Areal zu 
mäßigen Preisen durch Schlußscheine zu sichern und durch Ver 
mittelung des Fürsten Bismarck die besondere Theilnahme des 
Kaisers und Kronprinzen für die Anlage zu erwecken. 
Ja es wurde sogar über alle Erwartungen hinaus möglich, 
in kürzester Frist von der König!. Forstverwaltung die Zusicherung 
der von dem englischen Konsortium beantragten Ueberlassung eines 
größeren Areals vom Grunewald zu erlangen, aus welchem die 
Anlage einer großartigen Rennbahn projektirt wurde. 
Es wird den Meisten erinnerlich sein, welche große Theil 
nahme das für die bauliche Entwickelung Berlins nach dem Westen 
hin, sowie Eharlottenburgs, insbesondere aber für den großen Ver 
gnügungsverkehr so überaus wichtige Projekt damals im Publikum 
fand und wie lebhaft die gestammte Presse dasselbe besprach. 
Unter der Betheiligung hochachtbarer Persönlichkeiten bildete 
sich in London eine Gesellschaft unter der Firma: Kurfürsten 
Avenue Land Company limited (of Berlin), welche für 
die gedachte» Zwecke ei» Aktienkapital von 6 Millionen Mark an 
der Londoner Börse zu emittiren beabsichtigte. 
Trotz des bereits geschehenen Aufwandes großer Kosten, die 
j sich bei dem großen Apparate, welcher für eine derartige Emission 
in England erforderlich ist, sicher auf mehr als hundertauscnd 
Mark belaufen haben müssen, scheiterte damals das Unter 
nehmen noch in letzter Stunde; — wie die Engländer be 
haupten, weil ihnen gewisse Wünsche nicht schnell genug von der 
hiesigen Forstvcrwaltung gewährt tvurden, nach einer anderen 
Lesart, wegen Mißerfolges der Aktienzcichnung. 
Es war gewiß ein schweres Stück Arbeit gewesen, einige sech 
zig Adjazenten zum Zweck der Landabtrctung zu binden und mußte 
nunmehr darauf verzichtet werden, die Regulirung jemals wieder 
in derselben Weise zu bewerkstelligen wie im vorigen Jahre, lvo 
die Engländer das ganze, überaus lukrative Geschäft in der Hand 
hatten. 
Man mußte cs sich klar machen, daß es für die Folge nur 
noch ein Mittel gab, die Regulirung der Straße durchzusetzen, 
nämlich das der Cooperation der Stadt Charlottenburg, der dor 
tigen Adjazenten und des Berlin-Charlottenburger Bauvereins als 
des Besitzers des von der Wilmersdorf-Charlottenburger Chauffee 
bis an den Grunewald führenden Straßentheils. Nachdem in 
zwischen alle erdenklichen Einflüsse aus die Adjazenten ausgeübt 
worden waren, gelang es fast wider Erwarten im Oktober d. I., 
die Mehrzahl derselben dazu zu veranlassen, daß sie sich mittelst 
Reverses dem Magistrate von Charlottenburg gegenüber verpflich 
teten, für den Fall der durch die Stadtgemeinde zu bewirkenden 
Regulirung schon jetzt diejenigen Beiträge zu zahlen, zu deren 
Zahlung die Adjazenten durch das Ortsstatut für den Fall der Er 
richtung von Neubauten verpflichtet sind. 
Auf Grund dieser Reverse und der bekannten Bestimmungen der 
§§ 9 und 10 des Ortsstatuts hatte sich nun der Direktor Hanke 
Namens der hauptsächlich interessirten Adjazenten, der Gemeinde 
Charlottenburg gegenüber bereit erklärt, als Unternehmer aufzu 
treten und die ortsstatutarische Regulirung zu bewirken, auch mit 
derselben die Anlage einer Pferdebahn zu verbinden. Die 
bezüglichen Verhandlungen sind, wie bekannt, nun zu einem 
günstigen Abschlüsse gekommen. 
Die Herstellung der Straße geschieht entsprechend der Aller 
höchsten Kabinets-Ordre vom 2. Juni 1875 in der Weise, daß 
neben der Mittellinie-ein 5 Meter breiter Reitweg und eine ebenso 
breite Mittelpromenade angelegt wird. Zu beiden Seiten sind je 
10 Meter breite Fahrdämme, 4 Meter breite Bürgersteige und 
7,5 Meter breite Vorgärten projektirt, so daß die Gesammtbreite 
der Straße zwischen den Baufluchten 53 Bieter — 14 Ruthen, 
zwischen den Vorgärten 38 Meter — 10 Ruthen beträgt. Die 
Kosten sind inkl. der Entwässerung auf 120 Mark pro lausenden 
Dieter Straßenfront veranschlagt, bei Anwendung von Asphalt 
natürlich höher. 
Um ein künftiges Sacken des Straßendainms thunlichst zu 
vermeiden, ist bereits vor Erledigung der Verhandlungen für Rech 
nung der Adjazenten mit der Aufschüttung begonnen worden. 
Das Büreau befindet sich am Kurfürstendamm 114 im Sethe- 
schcn Hause und steht unter Leitung des Herrn Schenck. Man 
hofft die Arbeiten so fördern zu können, daß die Regulirung schon 
am 1. Oktober 1883 fertig gestellt ist und die Pferdebahn schon am 
1. April 1884 eröffnet werden kann. 
Daß nach Herstellung der großartigen Straße das frühere 
Projekt der Anlage einer Rennbahn wieder aufgegriffen werden 
wird, steht bei der außerordentlich günstigen Lage des damals dazu 
in Betracht gezogenen Areals wohl in Aussicht und lväre im 
Interesse des Westens zu wünschen. 
In jedem Falle dürfte die parkartige Herstellung des Grune- 
walds, für welche sich bekanntlich die Kronprinzlichcn Herrschaften 
besonders lebhaft interessiren, damit erheblich gefördert werden. 
Vier bis fünf Baumrcihen sollen der in Ausführung begriffenen 
Prachtstraße genügenden Schatten verleihen und der bauliche
        
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