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Periodical volume 17. März 1883, Nr. 25

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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bor, weil eine fiskalische Straße, der Kurfürstcndamm, über die 
gesetzlichen Anforderungen hinaus existirt. 
Mein Votum würde sonach dahin gehen, daß von den An 
dauern die Herstellung der üblichen Straßenbreite in vollster Aus 
dehnung gefordert würde, ohne Rücksicht auf das Vorhandensein 
des Kurfürstendammes, so daß letzterer eine exceptionelle Zugabe 
der Straßenbreite bildete. Nur auf diese Weise würde über den 
Thiergarten hinaus eine bequeme Zirkulation der Berliner Bevöl 
kerung in's Freie nach deni Gruncwald hergestellt werden können, 
und nur bei diesem Prinzip wird sich ein ähnlicher Reitweg, 
wie ihn sonst das wenig kavalleristische Frankreich von Paris nach 
dem Bois Boulogne besitzt, schaffen lassen. 
Sollte noch eine Pferde-Eisenbahn in die dortige Straßen 
breite hineingelegt werden, so würde der Luxus- und Feiertags 
verkehr von Wagen und Pferden außerordentlich beengt und ge 
hindert werden. 
Wenn man sich Berlin, welches seit Kurzem von 200,000 
Einwohnern auf 800,000 Einwohner angewachsen ist (eine Ziffer, 
die Paris zur Zeit von Louis Philipp hatte, während es dieselbe 
seitdem mehr wie verdoppelt hat) in demselben Maße weiter zu 
nehmend denkt, und nach den bisherigen Erfahrungen wächst cs 
besonders gegen Charlottenburg und den Grunewald hin, so können 
leicht Verhältniffe eintreten, in welchen man es bereuen wird, eine 
Straßenlinie, welche zur königlichen Verfügung stand, derselben 
nicht erhalten zu haben. Man würde dann vergebens bedauern, 
daß man diese Straße vom Kurfllrstendamn» zu Gunsten verein 
zelter Privatinteressen zu gewöhnlicher Breite hätte einschrumpfen 
lassen. 
Eine Abhilfe wäre aber dann nicht mehr möglich, während 
jene Breite, welche man jetzt für den Reitweg konservirt, bei über 
wiegendem öffentlichen Bedürfniß immer noch chaussirt, und dem 
Fährverkehr übergeben werden kann. 
Mein Antrag würde daher dahin gehen, daß ganz unabhän 
gig von dem fiskalischen Kurfürstendamm, die gesetzlichen Straßen 
breite» aus eigenen Mitteln herzugeben sind, die Pferdebahn-Kon 
zessionäre aber gleichzeitig auf Aufsuchung anderer Wege zu ver 
weisen. 
gez. v. Bismarck. 
2. Abschrift der Kabinets-Ordre Sr. Majestät. „Ich habe 
aus der Mir unterm 16. d. M. eingereichten und hierbei zurück- 
folgenden Eingabe des N. N. zu Klein - Flottbekk zu meiner leb 
haften Befriedigung ersehen, in welcher Weise erstrebt wird, den von 
Mir gehegten Wunsch, daß an Stelle des Kurfürstendammes 
eine Straße im großartigen Stile angelegt werden 
möge, zu realisiren; cs wird Mir zur großen Freude gereichen, 
wenn die Bemühungen Erfolg haben, und werde Ich einer solchen 
Anlage soweit es gesetzlich und finanziell thunlich sein wird, gern 
meine wohlwollende Förderung zuwenden. Berlin,20. April 
1881. gez. Wilhelm. An den Präsidentendes Staatsministeriums 
Fürsten v. Bismarck. 
3. Berlin, den 21. April 1881. In Erwiderung aus das 
gefällige Schreiben vom 31. v. M. gereicht es mir zur Freude, 
Euer Hochwohlgeboren mittheilen zu können, daß Sr. Majestät der 
Kaiser und König von dem von Ihnen vorgelegten Projekte, an 
Stelle des Kurfürstendammes eine Straße in großartigem Stile 
anzulegen, mit lebhafter Befriedigung Kenntniß genommen, und 
einer solchen Anlage, soweit es gesetzlich und finanziell thunlich sein 
lvird. Allerhöchst Ihre wohlwollende Förderung zugesagt haben. 
Es ist mir dieses um so erfieulicher, als bereits vor Jahren Sr. 
Majestät der Kaiser ähnlichen von mir damals angeregten Plänen 
bezüglich der Verbindung der Stadt mit dem Grunewald ein leb 
haftes Interesse zugewandt hat, und die Ausführung des vorlie 
genden'Projektes die Verwirklichung langjähriger Wünsche Sr. 
Majestät ermöglichen würde. Die Anlagen Ihres Schreibens haben 
I Sr. Majestät vorgelegen und erfolgen hierbei zurück, gez. v. Bismarck. 
Herrn N. N. Hochwohlgeboren. 
In dem vorher angeführten Vertrage vom 21. Oktober 1850 
gab ein Paragraph zu Differenzen Veranlassung. Der Paragraph 5 
lautete nämlich: 
„Dem königl. Fiskus bleibt es überlassen, den Kurfürsten- 
damm zu planiren, zu verschönern und zu bepflanzen wie er dies 
für angemessen erachtet, ohne daß die Gemeinde Lützow berechtigt 
sein soll, etwas Anderes als die Unterhaltung des Dammes in 
seiner gegenwärtigen Beschaffenheit von dem königl. Fiskus zu 
verlangen. Diese Unterhaltung in seiner gegenwärtigen Beschaffen 
heit übernimmt der königl. Fiskus auf seine alleinige Kosten." 
Daraus entspannen sich — wie bereits erwähnt — hinterher 
mannigfache Kontroversen, indem der Fiskus die Worte „bleibt 
überlassen" so auslegte, als ob es lediglich seinem Belieben über 
lassen geblieben sei, ob er überhaupt etwas am Kurfürstendamme 
thun wolle, während die Gemeinde Lützow der Ansicht war, daß 
nur die Art der Planirung dem Fiskus überlassen worden sei, 
während die Planirung selbst als Aequivalent gegen die Uebergabe 
des Eigenthums habe zugesichert werden sollen. 
Auf eine im Juni 1873 von dem Vorstande der jetzt aus 
gelösten Ackerkommune Lützow deswegen an das Königl. Handels 
ministerium gerichtete Eingabe lief unter dem 13. August 1873 
folgender Bescheid ein: 
Berlin, den 13. August 1873. 
Auf die von dem Herrn Minister für Handel, Gewerbe und 
öffentliche Arbeiten ressortmäßig an »nch abgegebene Eingabe 
vom 29. Mai er., betreffend die Instandsetzung des Kurfürsten 
dammes, eröffne ich dem Vorstande, daß ich die Ausführungen 
desselben bezüglich einer, über die Verbindlichkeit zur Unterhaltung 
des Dammes in seiner ursprünglichen Beschaffenheit hinausgehenden 
Verpflichtung des Fiskus als richtig nicht anzuerkennen vermag. 
Uebrigens wird fiskalischer Seits eine Regulirung und Befestigung 
des Kurfürstendammes beabsichtigt und baldigst in Angriff ge 
nommen werden. 
Der Finanz-Minister. 
Im Auftrage 
gez. von Krantz. 
An den 
Vorstand der Gemeinde Lützow in Charlottenburg. 
Inzwischen hatte der Berlin-Charlottenburger Bau 
verein im Jahre 1872 ein großes Areal zwischen der Leibnitz- 
! straße und dem Grunewalde erworben und bei der Ausstellung 
eines Bebauungsplanes wurde der Verwaltung deffelbcn behörd 
licherseits aufgegeben, in erster Reihe auf die thunlichst geradlinige 
Durchführung des Kurfürstendammes bis zum Grunewald Bedacht 
zu nehmen, da Allerhöchstenorts längs dieser Trace die Verbindnng 
des letzteren mit dem Thiergarten durch eine breite Avenue inten- 
dirt werde. 
Mit großen Opfern bewerkstelligte der Berlin-Charlottenburger 
Bauverein damals die Durchlegung der Straße in einer Breite von 
30 Metern durch eine Reihe von fremden Grundstücken und deren 
fahrbare Herstellung. 
Dagegen wollte es den angestrengten Bemühungen der Direktion 
lange nicht gelingen, die Pflasterung des alten fiskalischen Dammes 
durchzusetzen, trotzdem ihm behördlicherseits bezügliche Zusagen ge 
macht worden waren. 
Im Jahre 1873 wandten sich die Adjazenten des Kurfürsten 
dammes in eorporo mit einem Antrage an das Königl. Polizei- 
Präsidium, ihnen die Herstellung einer fahrbaren Straße längs 
des Kurfürstendammes auf ihre eigene Kosten zu gestatten, wurden 
aber dilatorisch behandelt, da inzwischen die Verbreiterung der 
Baufluchten durch den Fürsten v. Bismarck angeregt worden war. 
Am 14. November 1873 fand auf Vorladung des Polizei-
        
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