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Volume 17. März 1883, Nr. 25

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

träumt, sie sei gestorben, und ihre befreite Seele schwang sich 
zum Himmel auf, nachdem sie den Drang des Irdischen abge 
schüttelt. Sie flog über die blaue See, den grünen Wald 
empor und unter ihr lagen die Lande in Morgenschönheit, 
und sie frohlockte — da erwachte sie in der däminerigen 
Krankenstube! Welch ein Kontrast! Sie lebte, Gott hatte sie 
nicht zu sich genommen! Nun tvar die Stunde nah, da sie 
hinaus mußte in die Fremde! O, sie konnte es nicht! Wozu 
sollte sie noch leben? 
Um meines Kindes willen, sagte sie sich, und sie rief nach 
der Mutter, daß man ihr den Sohn bringe, den ihre Augen 
seit der ersten Stunde nicht wieder erblickt. 
Da kam Frau Armgard und gestand ihr endlich, da sie 
sich nicht beruhigen wollte, daß das Kind todt sei. 
auch ohne diese Bitte seiner Frau sein erster Gang in das 
Krankenzimmer. Dora lag still und ernst seiner harrend da. 
Als ihres Gatten hohe Gestalt in der Thür erschien, flog das 
erste schwache Roth über ihre Züge und lange blickte sie in 
das geliebte Antlitz, das Kummer und Sorge gezeichnet hatten- 
Hellmuth war so bewegt, daß er nicht zu sprechen wagte, in 
der Furcht, daß seine Selbstbeherrschung ihn verlaßen werde, 
lind die Mutter hatte ihm doch eingeschärft, jede Aufregung 
Dora fern zu halten. Da richtete sich die junge Frali halb 
empor, schlang die Arme rim ihres Mannes Nacken und zog 
ihn zu sich nieder, indein sie flüsterte: Küsse mich! Von un 
endlichem Glücksgefühl durchströmt — er hatte ihr ja seit dem 
verhängnißvollen Tage nie wieder mit einer Liebkosung nahen 
- dürfen — preßte er seinen Mund auf den ihren, lange, lang 
Hauptgebäude für die Hygiene-Ausstellung in ürrtin 1883. 
(Ansicht der Hauptfront.) S. Seite 310. 
Es überraschte die Mutter, statt des natürlichen Aus 
bruchs des Kummers in Dvras Zügen ettvas vorgehen zu 
sehen, ivas sie sich nicht zu erklären vermochte. Die junge 
Frali lag ganz still mit offenen Augen da, die Hände über 
der Brlist gefaltet und starr, halb lächelnd emporblickend, als 
grüße sie dort in der Höhe das Kind, das ihr entrissen worden. 
Der Arzt, der bald darauf erschien und dem die Mlitter 
den Vorgang mittheilte, meinte, die Baronin sei noch so 
schwach, daß ihr alles gleichgültig sei; der Kummer werde erst 
nachkommen, wenn sie vollends genese. Er empfahl völlige 
Ruhe an lind verbot jede Unterhaltung mit der Kranken. 
Nebrigens möge die Frau Kommerzienräthin jetzt einmal an 
sich selbst denken; sie sehe so blaß und angegriffen aus, daß 
er sie dringend bitten müsse, tvieder eine Nacht zu schlafen; 
es brauche bei Dora niemand mehr zu wachen. Auch Dora 
selbst ersuchte die Mutter darum; sie fühle sich ganz wohl, 
meinte sie, nur »loch sehr matt, lind tvcrde bald weiter 
schlummern; doch wünsche sie zuvor noch ihren Mann zusehen. 
Hellmuth war nicht daheim. Als er zurückkehrte, war 
— dann lösten sich Doras Lippen von den seinen, und sie 
tvinkte Hellmuth mit seltsamem Ausdruck, sie zu verlaffeil. 
Die Nacht kam; die Mutter hatte sich auf Doras Bitten 
zur Ruhe gelegt. Im Nebenzimmer ging eine Thür, dann 
lautlose Stille. Sie schlummerten wohl alle, nur Dora nicht. 
Der matte Schein einer verdeckten Kerze erhellte das Ge 
mach, in dem die junge Frau allein Stunde auf Stunde 
wachend lag und die Summe ihres kurzen Lebens zog. Gott 
wird mir vergeben, dachte sie, mein Kind ruft mich zu sich. 
Das Morphium dort in ihrem Schreibtisch, das sie in 
den vergangenen Monaten häufig gegen heftigen Kopfschmerz 
gebraucht hatte — jetzt mochte es ihr den letzten Dienst er 
weisen, sie erretten vor denl Schicksal, das ihrer harrte, uild 
ihren Gatten befreien. Der Faden, der sie dem Leben ver 
band, war noch so schwach; niemand würde ahnen, daß sic 
selbst ihn zerriffen, wenn man sie am nächsten Morgen fried 
lich entschlummert auf ihrem Lager fand. 
Und nun — ein tiefer Seufzer und dann richtete sie sich 
entschlossen empor — doch was war das! Gerällsch im
	        
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