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Periodical volume 10. März 1883, Nr. 24

Full text: Der Bär Issue 9.1883

wvhl in bic Wohnungen der Hofgärtner und des Gartenbirektors 
ein unb lernte auf biese Weise bie Frauen berselben kennen; einst 
veranstaltete sie sogar eine Festlichkeit in ben Neuen Kammern, 
zn welcher bie Familien ber Gärtnerei befohlen würben. Besonbers 
waren es Frau Hofgärtner Pleymer unb Frau Obcrhofbaurath 
Schulze, welche von ber Kronprinzessin ausgezeichnet würben. 
Bcibe erhielten stets, so oft Theater gespielt würbe, eine Anzahl 
von Freibillets zur weiteren Vertheilung. Wenn bann bie holb- 
selige hohe Frau in ihrer Loge erschien, verfehlte sie nicht, alle 
Anwesenben mit ihrer herzgewinnenben Freunblichkeit, bekanntere 
Personen, wie Frau Pleymer, welche im zweiten Range eine be- ! 
stimmte Loge hatte, noch vorzugsweise zu begrüßen. Diese Theil 
nahme ging soweit, baß bie Prinzeß gelegentlich sich äußerte, sie 
müsse sich einen Knoten in ihr Taschentuch machen, um nicht zu 
vergessen, bie Pleymer zu grüßen, weil biese sonst eine schlaflose 
Nacht haben würbe. 
Einer gleichen Auszeichnung hatte sich Frau Schulze zu er- ! 
freuen, welche bie Prinzeß, auch noch als Königin, oftmals in 
ihrer Wohnung aufsuchte, sich mit ihr unterhielt unb nicht einmal 
gestattete, baß biese ihr nach bamaligem Brauch bas Kleib küste, 
sonbern ihr einfach bie Hanb zum Kuß reichte, eine Hulb unb 
Gnabe, welche bie Frau wahrhaft beschämte. 
Im Jahre 1795 bezog Graf Brühl (besten Bruber General 
lieutenant unb erster Gouverneur bes Kronprinzen unb ber übrigen 
Prinzen 1788 war) seine Dienstwohnung in Sanssouci, in bem 
Hause, ber bes Schulze gegenüber, als Sommerwohnung zu seinen 
Dienstgeschäften, welche ihn mit diesem in nähere Verbindung 
brachten. Seine Gemahlin, eine geborene von Schleierweber und 
Friedenau aus Maubeuge (gestorben am 3. Mai 1816 zu Ber 
lin), war nur selten mitanwesend, weil sie sein Gut Seifersborf 
bei Dresden bewirthschaftete und ihrem einzigen Sohne, dem da 
maligen Königlichen Jagdjunker und nachmaligen Königlichen 
Schauspiel-Intendanten, Grafen Karl von Brühl, nahe sein 
wollte. Der Letztere hatte seine wistenschaftliche Ausbildung in 
dem Privat-Erziehungs-Jnstitute des Magister Karl Christoph 
Schulze zu Dresden erhalten, eines Bruders des Oberhof-Bau- ! 
raths in Potsdam. — Dieses Verhältniß hatte schon vorzeitig die 
nähere Bekanntschaft des Grafen Moritz mit letzterem eingeleitet 
und das Dienstverhältniß beide nun zu einer innigen Freundschaft 
vereinigt; zudem waren sie Landsleute und stimmten auch in ihren 
Gesinnungen vollkommen überein. 
Uebrigens war der Graf, ein menschenfreundlicher, gesinnungs- ! 
tüchtiger, bescheidener und höchst liebenswürdiger Mann und bei 
Hofe sehr beliebt; König Friedrich Wilhelm II. und nachher König 
Friedrich Wilhelm III. ebenso wie die Königin Louise schenkten ihm 
ihr vollstes Vertrauen. Nach vollbrachter Arbeit, wenn er nicht 
am Hofe beschäftigt war, pflegte Brühl Abends im gewöhnlichen 
Hauskleide, das Tabakspfeifchen in der Hand, zu seinem Lands- 
manne und dessen Gattin herüberzukommen und brachten sie dann 
meist unter der alten Linde vor dem Hause in gemüthlicher Unter 
haltung zu. Beide, leidenschaftliche Raucher, verscheuchten die 
Mücken und ergingen sich in geistreich-traulichen Gesprächen, welche 
durch Bonarpartes Emporkommen veranlaßt, auch oftmals auf 
das politische Gebiet hinüberspielten. Hierbei kam einstmals Frag; | 
Schulze auch auf die Prophezeihungen des Schlostermeisters Rhode 
zu sprechen, für welche der Graf lebhaftes Jntereste nahm, während 
sein Landsmann ein ungläubiger Thomas geheißen wurde, weil er 
von ihnen nichts wissen wollte. 
Nach der Schlacht bei Jena folgte Graf Brühl der König 
lichen Fainilie nach Königsberg und lebte bei berselben als Freund 
und Tröster im Unglück, namentlich der Königin, welche den ehr 
würdigen Greis zu sich bescheiden ließ, selbst wenn sie leidend war 
und das Lager hüten mußte. Bei solchen Tröstungen nahm er 
Veranlastung, der Prophezeihungen des Rhode zu erwähnen, für 
welche sich die Königin ebenfalls interessirte und ihn veranlaßte, 
an die Schulze'schen Eheleute zu schreiben, um von diesen ein 
Mehreres in Erfahrung zu bringen. 
Auf diese Korrespondenz kommen wir weiter unten ausführ 
lich zurück, denn die Briefe des Grafen sind nicht allein kultur 
historisch höchst interessant, sonbern auch für ihre Zeit ebenso be 
deutungsvoll wie die Rhobe'schen Prophezeihungen selbst. Nach der 
Heimkehr der Königlichen Familie, Ende des Jahres 1809, besuchte 
auch Graf Brühl die Familie Schulze in Sanssouci wieder, 
legte bald darauf aber sein Amt als General Chausseebau-Jnten- 
dant nieder und kehrte auf sein Gut Seifersborf bei Dresden zu 
rück, woselbst er am 31. Januar 1811 verstarb. 
Als aber der König am 3. Februar 1813 den Aufruf an sein 
Volk erließ, nach welchem jeder männliche Unterthan das Schwert 
an der Seite und die Nationalkokarde an der Kopfbedeckung tragen 
müsse, erfüllte sich Rhode's erste Prophezeihung. 
Die Rhobe'schen Prophezeihungen. 
Die Weissagungen des Schlossermeisters Rhode in Potsdam 
datiren aus den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, be 
treffen die kommenden Vorgänge in den Weltereignisten und er 
strecken sich auf vielleicht noch sehr fernliegende, zukünftige Zeiten; 
sie haben sich zum Theil thatsächlich erfüllt, zum Theil aber steht 
ihre Erfüllung noch in Aussicht. Wir zeichnen sie hier auf,*) wie 
sie uns aus jener Zeit mitgetheilt worden sind und schriftlich vor 
liegen, und zwar in der einfachen Weise, wie sie der alte Mann 
erzählt hatte, ohne Erläuterungen und nur da, wo sie nicht ver 
ständlich erscheinen, gestatten wir uns, einige eigene Einschaltungen 
zu machen; sind wir ja selbst Zeuge seiner Vorhersagungen ge- 
wesen! 
Rhode hat seine Prophezcihungen aus der Offenbarung Jo 
hannis**) unter Bezugnahme von Parallclstellen in der Bibel ge 
schöpft; ein strenger Christgläubiger, war er selbstverständlich ein 
Gegner des überhandnehmenden Rationalismus und muß mit der 
Weltgeschichte wenigstens theilweis vertraut gewesen sein. Indem 
Rhode nun zunächst im Allgemeinen den Unglauben an den Sohn 
Gottes, die Sünden der Welt, die Ungerechtigkeit, die Verbrechen, 
die Betrügereien, die Schmeicheleien :c. rügt — ein Vorwurf, der 
übrigens zu allen Zeiten berechtigt war und dies auch stets sein 
wird — nennt er die einzelnen Gemeinden gen Asien als Vorbild 
und vergleicht sie gegenbildlich in folgender Weise: Offenbar. Joh. 
Kap. 2 und 3 Vers 1: Die Gemeinde Ephesus ist das Vorbild 
für Sachsen: „Ich weiß, daß Deine Werke re. Aber ich habe 
wider Dich, daß Du die erste Liebe verlässest re." d. h. daß Kur 
fürst August das evangelische Glaubensbekenntniß verlässet, um 
König von Polen zu werden. 
Vers 8: Die Gemeinde Smyrna bedeutet das Türkische 
Reich; 
Vers 12: Die Gemeinde PergamuS bedeutet Italien 
oder Rom, in Beziehung auf die römisch-katholische Kirche, in der 
das neue Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes in neuester Zeit 
den Höhepunkt der Abgötterei erlangt hat. 
*) Das noch vor ihrer gänzlichen Erblindung eigenhändig niederge 
schriebene und uns zur Verfügung gestellte Manuskript des Fräuleins Ca 
roline Schulze über diese Aufzeichnungen stammt aus dein Jahre 1876. 
**) Dieses räthselhafte Buch hat bekanntlich zu allen Zeiten den Theo 
logen viel Kopfzerbrechens gemacht und noch heute sind die Akten über 
dasselbe nicht völlig geschlossen; man muß sich aber erinnern, daß man 
es bei ihn» mit einer prophetischen Behandlung der Zeit, in der das Buch 
geschrieben war, zu thun hat und daß, je schroffer der Widerspruch 
zwischen der Wirklichkeit einer gleichartigen Zeitperiode und den nationalen 
Wünschen hervortritt, man sich desto gewaltsamer durch eine prophetische 
Behandlung der jeweiligen Gegenwart über die Misere der Zeit hinweg 
zusetzen stets versucht hat.
        
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