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Volume 3. März 1883, Nr. 23

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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Mc Krandenburgcr im 30 jährigen Kriege oder das 
Kriegswesen in Srnndenbnrg und Preußen in -er 
ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. 
Von fl. Cuffpr. (Fortsetzung.) 
I. Die Zeit der Brandenburgischen Neutraliät. 
1619 bis 1630. 
Die Berletzung des Majestätsbriefes, der den Böhmen unge 
störte Religionsübung gewährte, brachte das Volk zu offenem Auf 
stande gegen den Kaiser, ja während im August 1619 der jesuitisch 
erzogene Ferdinand zu Frankfurt a. M. zuni Kaiser erwählt wurde, 
erklärte ihn die Reichsversammlung zu Prag des Böhmischen 
Throns verlustig und krönte den reformirten Kurfürsten von der 
Pfalz als Friedrich V. zum König. Sehr bald zeigte sich die 
drohende Gefahr des Krieges auch für Niederdeutschland. Um ihr 
zu begegnen, versammelten sich die Stände des obersächsischen 
Kreises zu Leipzig; als hier aber der Kurfürst von Sachsen in 
lutherischer Eifersucht auf den neuen König von Böhmen und durch 
Kaiserliche Versprechungen gewonnen, sich für den Kaiser erklärte, 
mußte auch der Brandenburgische Kurfürst seiner Neigung für die 
Reformirten entsagen und ließ sowohl zu Leipzig, wie auch auf der 
Zusammenkunft evangelischer Stände zu Mülhausen 1620 die 
strengste Parteilosigkeit erklären. Es war gewiß eine weise Maß 
regel, denn es läßt sich nicht verkennen, daß die wachsende Macht 
des Calvinismus von den deutschen Protestanten mit größerem 
Bedenken, als selbst der Katholicismus angesehen wurde und so zog 
sich denn auch bald die Union von der Böhmischen Sache zurück. 
Den sich selbst überlassenen „Winterkönig" Friedrich von Böhmen 
ereilte das Schicksal schnell. Während Markgraf Johannn George 
von Jägerndorf, der Oheim des Brandenburgischen Kurfürsten, bei 
der Vertheidigung der damals böhmischen Lausitz von den einfal 
lenden Sachsen zurückgedrängt wurde, schlug Kurfürst Maximilian 
von Bayern das böhmische Heer auf dem weißen Berge bei Prag 
am 8. 'November 1620 und der geächtete König floh elend und 
verlassen in die Fremde, um sein Land nie wieder zu sehen. 
Aber auch in der Mark, ungeachtet der Neutralität, ging es 
im Jahre 1620 sehr unruhig zu. Trotz aller offenen Erklärungen 
hatte man doch den Durchzug siemder, den Böhmen zu Hülfe 
ziehenden Schaaren gestattet. So kam ein Regiment des Herzogs 
Wilhelm von Sachsen-Weimar aus den Niederlanden und hausete 
trotz aller Versprechungen Ordnung zu halten, sehr übel im Lande. 
Man genehmigte auch böhmische Werbungen, wobei sieilich im 
streng lutherischen Lande nur ein Paar 100 Mann zusammenge 
bracht wurden. Aber zu sehr bedenklichen Vorgängen gab der 
Durchzug englischer Hülfstruppen unter ihren eigenen Fahnen 
Veranlassung. König Jakob von England, viel zu unentschlossen 
für seinen Schwiegersohn, den Böhmenkönig, offen Partei zu er 
greifen, sah es jedoch nicht ungern, als einige Adlige für die re- 
formirte Sache in seinem Lande zu werben begannen. Freilich 
war cs nur ein zusammengelaufener, zum Theil aus den Kerkern 
rckrutirter Haufe, der endlich unter dem Obersten Grey die Marken 
bei Lenzen betrat. Ein Paar 1000 Mann stark lagerte er im 
Juni bei Spandow. Die lutherischen Hauptstädte Berlin und 
Köln hatten sich schon vorher gegen die calvinistische Regierung 
aufsässig gezeigt, als aber nun die Engländer den Thoren so nahe 
kamen, war die Gährung in den Städten nicht mehr zu halten. 
Wahrscheinlich aus Anstiften der Amtskammer, die wegen des Ver 
hältnisses zu den Ständen mit Lutheranern besetzt war, und unter 
dem Geheimen oder Staatsrath als zweites Landes-Kollegium stand 
— auf Anstiften also einer hohen Staatsbehörde — rottete sich das 
Volk zusammen, um offen der Regierung und den fremden Truppen 
Widerstand zu leisten, da das Gerücht böswillig verbreitet worden 
war, Berlin und Köln sollten von den fremdgläubigen Truppen 
besetzt werden. Der Kurfürst war damals in Preußen, im Schlöffe 
weilten nur die fürstlichen „Frauenzimmer", nämlich die Kursürstin 
Mutter und die regierende Kurfürstin. Es war am 20. Juni. 
Der Kanzler Pruckmann, ein Augenzeuge, berichtet an den Kur 
fürsten: „Das Beste davon war, daß sie uns, die wir von der 
Religion (nämlich der reformirten) waren, ob (wenn) sie unsrer 
ansichtig wurden, einen dermaßen feindlichen Anblick gaben, sam 
(gleichsam, als) wollten sie uns fressen. Wie es des Morgens 3 
schlug, liefen sie von den Wachen ganz ungeberdig, und die 
wiederum an die Wache treten sollten, waren nicht vorhanden. 
Da rannte der Kerl über eine Stunde herum, und machte auf dem 
Kalbsfell ein Gerassel, ehe er Andre wieder zu Haufen bringen 
konnte. Eine andre Rotte dagegen, 70 Personen stark, so gar 
nicht aus Bürgern gewesen, hat sich dahinten aus dem Werder zu 
Haufen rottirt, und haben die ganze Nacht auf dem Dudei (Du 
delsack) spielen lassen, auch eine Wagenburg von Tücherwagen um 
sich geschlagen, (nämlich zur Vertheidigung, da freilich der damals 
ganz offene, spätere Friedrichswerder am ersten angefallen werden 
konnte) und ein übergroßes Platzen und Schießen getrieben, da 
durch auch Ew. Durch!, junges ungetausteS Herrlein (der am 
6. Februar geborene nachherige große Kurfürst), zwier in der Wie 
gen ziemlich erschreckt worden, daß leicht ein andrer Unrath (grö 
ßerer Unfall) daraus entstehen können. Ich glaube, daß der Teufel 
dieses zuvörderst gesucht habe." Diese Schilderung giebt uns ein 
drastisches Licht auch über die damaligen Wehrverhältniffe der 
Städte, kennzeichnet aber vor Allem den tiefen Zwiespalt, der 
zwischen dem lutherischen Volke und der reformirten Regierung 
waltete. In jener unruhigen Nacht lagerten die Engländer bei 
Tempelhof und zogen dann über Köpnick nach der Lausitz, Unord 
nung und Pest in ihrem Gefolge; wenige wohl sahen ihre Heimath 
wieder. Daß dem zügellosen Haufen gegenüber die Sache für die 
Marken noch günstig genug ablief, verdankte man den Unterhand 
lungen des Geheimenraths von Bellin, der, damals ein gewiß 
seltener Fall, der englischen Sprache vollkommen mächtig war. 
Die Aufregung im Lande legte sich aber noch nicht, ja als im 
Spätsommer Munitionstransporte aus märkischen Städten und in 
Schweden bestellte Geschütze durch das Land nach Böhmen gingen, 
in Folge dessen sich die Sachsen rührten und mit einem Einfall zu 
drohen schienen, begrüßte das Land dies Gerücht mit Freuden und 
sah ein Einrücken der lutherischen Völker als eine gerechte Strafe 
für die böhmische Parteinahme seitens der Regierung an. Erschien 
doch dem Volke der ganze Krieg als ein Machwerk der verabscheuungs 
würdigen Calvinisten! 
Betrachten wir nun die bei all diesen Unruhen in den Marken 
getroffenen mililitärischcn Vorkehrungen. Schon im Herbste des 
vergangenen Jahres (1619) hatte der Kurfürst den in Wartegcld 
stehenden Obersten Hildebrand von Kracht, einen alten be 
währten Offizier, der schon seinem Vater in den Jülich Cleve'schen 
Zügen (1609) gedient hatte, mit den Wehrverhältniffe» der Mark 
betraut. Er erhielt zunächst nach Möglichkeit die Mittel, KUstrin, 
die Hauptfestung des Landes, sicher zu stellen. Als die Gefahr mit 
den Durchzügen und den böhmischen Werbungen wuchs, schritt 
man, da das Land, außer in den Festungen, ganz von Truppen 
entblößt war, zu einer bisher noch nie geschehenen Maßnahme. 
Man berief durch das Edikt vom 31. Januar 1620 die gesammte 
waffenfähige Mannschaft der Marken. In dem Edikt hieß es: 
„daß sich ein jeglicher mit guten Rossen, tauglichen Rüstungen und 
Gesinde und andrer Nothdurft, auf so hoch er immer auf 
kommen kann (denn zu den schuldigen Roßdiensten seid ihr ohne 
das verbunden) zur Defension des Vaterlandes (dieweil wir's 
zu Jemandes Ofsension gar nicht meinen) also gefaßt 
halte: damit er auf den erheischenden Nothsall alsobald aufkomme 
und an den Orteit und Stellen, an welche wir ihn bescheiden lassen 
werden, genugsam und ohne allen Tadel ausgerüstet erscheine, dem
	        
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