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Periodical volume 3. März 1883, Nr. 23

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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Garon Pöllnitz. 
Carl Ludwig Baron von Pöllnitz war am Hofe Friedrichs 
des Großen ohngefähr das, was Gundling am Hofe seines Vaters 
gewesen war. Er war 1691 zu Issum im Stifte Cöln geboren, 
sein Großvater, Gerhard Bernhard, war der Staatsminister, 
Kamnierherr, Generalmajor, Comniandant zu Berlin, Oberster der 
Garde zu Fuß und Ritter des Johannitcrordens, seine Großmutter 
aber Eleonore Gräfin von Nassau, eine natürliche Tochter des zweiten 
Statthalters der Niederlande, Moritz von Oranien. 
Wilhelm Ludwig, 
war Oberst und 
seine Mutter gab 
ihm zwei Stief 
väter, den be 
rühmten Minister 
Franz von Mein- 
ders, der zehn 
Monate nach der 
Heirath starb und 
den Hofniarschall 
von Wensen. 
Seines Vaters 
Schwester war 
die Gemahlin 
des Marquis 
Franpois du Ha 
mei, der als Ge 
neralissimus der 
Republik Venedig 
starb. Er beerbte 
ihn. Pöllnitz fun- 
girte in Berlin 
zuerst als Kam 
merjunker unter 
dem ersten König 
von Preußen. 
Nach der großen 
Reduction des 
Hofstaats unter 
Friedrich Wil 
helm I. ging er 
auf Reisen und 
machte sich durch 
seine Lettres et 
Mernoires, worin 
er seine Bemer 
kungen über die 
vornehmsten Höfe 
Europas mit 
theilte und die 
1727 zum ersten 
male erschienen, 
einen Namen. 
1713 war er unter anderm in Paris und die bekannte Herzogin von 
Orleans fand ihn „all' possirlich, wenn er will, kann wohl reden 
und redt nicht wenig." 1735 erschien die berüchtigte Saxe galante, 
deren Autor Pöllnitz ohnstreitig ist, obgleich er sich nicht nannte. Eben 
so war er anonymer Verfasser der histoire secräte de la princesse 
d’Alteii (Ahlden), der Geliebten des Grafen Königsmark, Kur- 
prinzessin von Hannover, eines Buchs, das 1732 herauskam. Um 
diese Zeit gelang es ihm wieder, unter Friedrich Wilhelm I. als 
Kammerherr angestellt zu werden. Unter Friedrich II. ward er 
premier Chambellan. Friedrich behandelte Pöllnitz, wie derselbe es 
werth war. Des Königs Urtheil, schon als er noch Kronprinz war, 
lautete über Pöllnitz: „ein infamer Kerl, dem man nicht trauen 
muß, divertissant beim Essen, hernach einsperren." 
Ueber die preußischen Memoiren des Baron Pöllnitz, haupt 
sächlich die Zeit des ersten Königs betreffend, urtheilte der König, 
dein er sie im Manuscript überreichte: „0u ecrivez gravement 
et mettez plus d’etoffe dans votre ouvrage ou tenez vous eti 
aux anecdotes que vous ornerez par votre style naturel qui 
est badin et enjoue“ etc. Einst trug Friedrich ihm auf, einige 
Sein Vater, indianische Hühner anzuschaffen. 
Altdeutsche Same. 
Nach dem Gemälde von Fritz Bodenmüller. 
Pöllnitz beeilte sich, sie zu er 
werben und über 
sandte sie, indein 
er sich als geist 
reicher Man» zu 
insinuircn glaub 
te, mit den vier 
Worten: „Voilä 
les dindons 
Sire.“ Darauf 
ließ Friedrich 
einen der ma 
gersten Ochsen 
kaufen, ihm die 
Hörner vergol 
den, ihn vor die 
Wohnung des 
Barons führen 
und dort anbin 
den. Pöllnitz 
wurde dabei ein 
Billet des Königs 
eingehändigt mit 
den vier Worten: 
„Voilä 1 e 
boe.u f Pöll 
nitz.“ 
Er war so 
thöricht, das viele 
Geld, das er 
hatte, vollständig 
durch zu bringen. 
Er kam nicht 
heraus aus den 
Schulden. Im 
Jahre 1744 hoffte 
der Baron eine 
reiche Parthie 
mit einer katho 
lischen Dame in 
Nürnberg machen 
zu können und 
bat deshalb um 
seinen Abschied. 
Der König dic- 
tirte ihn selbst in folgender characteristischcr Fassung, in der sich 
die ganze Verachtung eines Genies über die erbärmliche Charakter 
losigkeit eines Hofmannes so recht mit Behagen ergeht: 
„Wir, Friedrich re., thun kund und zu wissen, daß der Baron 
von Pöllnitz, aus Berlin gebürtig und so viel Uns bekannt, von 
ehrlichen Eltern abstammend. Unserm hochseligen Großvater, preis 
würdigen Andenkens, als Kammerjunker, der Herzogin von Or 
leans in eben diesem Charakter, dem Könige von Spanien als 
Oberster, dem letztverstorbenen Kaiser als Rittmeister, dem Papste 
als Kämmerer, dem Herzoge von Braunschweig als Kammerherr,
        
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