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Periodical volume 3. März 1883, Nr. 23

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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schloffen, und dem Austausch ihrer Gefühle war's Abend ge 
worden. 
Der Thcetisch im Salon war abgeräumt. Doras Mund 
verstummte; es erschien ihr wie Betrug, die Mutter glauben 
zu lassen, daß sie nur als Geburtstagsgratulautin erschienen 
sei, und sie beschloß, nicht zur Ruhe zu gehen, ohne ihr An 
liegen vorgebracht zu haben. Doch wie beginnen? Ihr Herz 
klopfte stürmisch und ihre zum Sprechen geöffneten Lippen 
schlossen sich immer wieder in tödtlicher Pein. Endlich be 
gann sie mühsam: Ich habe so vieles mit dir 511 sprechen, 
Mutter — schon das erforderte meinen Besuch bei dir. 
Frau Entlein ward aufmcrksain. Noch mehr, mein Kind, 
was hast du? 
Dora schwieg, von Glut übergössen, während die Mutter 
forschend und von unbestimmter Ahnung ergriffen sie 
ansah. 
Es wird dir seltsam erscheinen — doch ich muß dir eine 
große Bitte aussprechen, brachte Dora nach einer Weile 
hervor. 
Die Kommerzienräthin erbleichte, denn sie wußte bestimmt, 
daß jetzt der lange gefürchtete Augenblick gekommen war, wo 
ihr Schiviegersohn Geld fordern werde zur Bezahlung seiner 
Schulden. Dora hatte sich schon verrathen. So ließ sie die 
gefalteten Hände in einer Geberde ohnmächtigen Jainmers 
sinken und fragte nur tonlos: Du willst Geld? 
Die junge Frau neigte bejahend das Haupt; dann schwiegen 
beide. 
Die Sache ist die, begann Dora endlich ruhig, indem sie 
das Beben ihrer Stimme bemeisterte, ich wünsche von dir nichts 
weiter, liebste Mutter, als daß du uns das Kapital, dessen 
Zinsen wir nach des Vaters Testament beziehen, in die Hände 
giebst. Ich will nur das, will nur das Geld, das mir ja 
ohnehin gehört. 
Wie hatte Dora rechnen gelernt in den zwei letzten 
Tagen! Was hatte sie bisher von Zinsen und Kapital ge 
wußt! 
Zu welchem Zweck? fragte Frau Armgard. 
Das kann ich dir nicht sagen. 
Ein Blitz zorniger Entrüstung brach aus den Angen der 
Mutter. Und er sendet dich ;u mir, statt selbst zu kommen? 
O nein, Mutter, fiel Dora ihr fest ins Wort, du irift 
dich ganz und gar. Mein Mann weiß von meiner Bitte 
nichts. Er weiß nur, daß ich zu dir gereist bin, um dich zu 
besuchen — wir haben keine Silbe in unserm Leben über 
diese Geldangelegenheit gewechselt- Ich schwöre es dir! 
Aug' in Auge standen die beiden Frauen sich gegenüber; 
Dora schlug das ihre nicht nieder. Die Mutter, durch die 
Ruhe der Tochter, deren Wahrhaftigkeit sie kannte, unsicher 
gemacht in ihrer Voraussetzung, sagte endlich: So hast du 
auf irgend eine andere Weise erfahren, daß dein Mann — 
Mutter, ich bitte dich, mich nicht zu fragen, ich kan» 
dir keine weitere Auskunft geben. 
Dora! rief Frau Armgard schmerzbewegt, die Hände der 
Tochter ergreifend. Bist du denn nicht mein Kind? Hab ich 
jedes Recht an dein Herz, jeden Anspruch auf dein Vertrauen 
verloren? 
Die junge Frau antwortete nicht, doch die Mutter las 
das „Ja" von den festgeschloffencn Lippen. Sie ließ Doras 
Hände fallen und wandte sich ab, tief gekränkt. Sie ging 
ans Fenster und blickte hinaus auf die schlummernde Sec, 
deren leises Rauschen wie ein Traum ins Ziinmer wehte. 
Da legte sich ein Arm um Frau Arnigards Nacken, und 
Dora sprach leise: Mutter, liebst bu Hellmuth? 
Diese zögerte; dann entgcgnete sie: Warum fragst du mich? 
Sag cs mir, bitte! 
Ich möchte ihn lieben, würde ihn lieben, wenn ich dein 
Glück in seinen Händen gesichert wüßte. 
Siehst du, antwortete Dora, das ist's eben. Du liebst 
ihn nicht, ich aber liebe ihn, würde ihn lieben, auch wenn er 
nicht mein Gatte, wenn er ein Verlorener, ein Betrüger wäre. 
Und du verlangst, Mutter, daß meine Liebe deinen Befürch 
tungen das Ohr leiht, du ivürdcst dich sogar freuen, wenn ich 
! zur Anklägerin dessen würde, dem ich inein ganzes Leben ge- 
j geben habe? Du bist grausam! 
O arme Mutter! Sie hatte auf der Welt nichts als 
dieses eine Kind! Wie gilt doch Mutterliebe wenig gegen die 
eine Liebe zwischen Mann und Weib, die so oft sich als ein 
Trug erweist, als eine flüchtige Täuschung. 
Ich grausain gegen dich, Dora, die du mein einzig Glück, 
mein einziger Lebensgewinn bist? sprach Frau Armgard traurig. 
Das will ich nicht sein! Liebe läßt sich nicht messen, es ist 
wahr! Doch wenn du selbst erst ein Kind in deinen Armen 
hältst, wirst du begreifen, daß es nur eine scsbstlose Liebe 
auf Erden giebt, die der Mutter. Und ihr schwerstes Los ist, 
sehen zu müssen, daß das Kind, welches sie so opfcrvoll heran 
gezogen, ihr sein Herz entzieht, um es zu verschenken an einen, 
bei dem sie es nicht sicher gehütet weiß. 
Das glaube ich dir; ist es aber zu ändern, Mutter? 
Und muß nicht eine kluge und gerechte Frau erkennen, daß 
sie ihr Kind näher an ihrem Herzen behält, wenn sie dem 
mächtigen Schicksalsrufe, dem es folgen muß, keine schwache 
Warnung entgegensetzt, sondern es seine Wege ziehen läßt 
und ihm nur liebend zu folgen versucht? Mutter, zieh deine 
Hand nicht von mir! Hilf mir, Mutter! Den Weg, auf dem 
ich wandere, muß ich zu Ende gehen mit dir oder ohne dich. 
Aber ich flehe dich an: bleib bei mir, verlaß mich nicht! 
Es lief ein Zittern durch Doras ganze Gestalt, das Frau 
Armgard aufs tiefste erschreckte. Du bist krank, rief sie be 
sorgt, so nervös, so erregt, du bist der Schonung sehr be 
dürftig! Ich werde deinem Manne schreiben, er muß dich sehr 
in Acht nehmen, alle Aufregungen dir fern halten. 
So beginne du damit, Mutter, indem du meinen Wunsch 
gewährst. Laß mich nicht so von dir gehen! Sage mir, daß 
ich das Geld erhalte. O, dieses eine Mal im Leben gieb nach! 
Erfülle meinen Willen! 
Deines Vaters Testament — 
Sprich nicht vom Vater, unterbrach die Tochter sie leiden 
schaftlich, wenn er lebte — er ließe mich nicht so lange bittend 
vor sich stehen. 
Die bitterir Worte preßten Thränen aus den Augen der 
Kommerzienräthin. O Gott, mein Gott, rathe mir! Was 
soll ich thun? 
Ich glaubte stets, du habest ein großes Herz, rief Dora, 
wie kann es Dir bei deinem Vermögen auf diese Summe 
ankommen. — 
Vergiß dich nicht, fiel Frau Entlein ihr sehr ernst ins 
Wort. Gott weiß, daß meine Seele nur deinethalben schwankt. 
Thue ich recht daran, euch das Kapital zu überantworten?
        
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