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Volume 3. März 1883, Nr. 23

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

(Eine Chronik für's Haus 
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Erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch alle Luchhandlungen, Zeitungsspeditionen und Postanstalten für 2 Mark 
IX. Jahrgang. vierteljährlich zu beziehen. - Im Postzeitungs-Eatalog eingetragen unter Nr. 2278. den 3. März 
Nr. 23. Herausgegeben von Emil Dominik. Verlag von Gebrüder Partei in Berlin W. 1883. 
Was wird sie thun? 
Novelle von K. siinsmrf. (Fortsetzung.) 
Alls der Veranda ihrer Villa saß Frau Armgard Entlein. 
Es war der Vorabend ihres Geburtstages, und sie gedachte 
schlvcrcn Herzens an das vergangene Jahr, da Gatte und 
Tochter mit zärtlicher Liebe sie umgaben, da noch feine Ahnung 
des Kommenden ihr Glück trübte. Wie anders jetzt! Wie 
allein ivar sie mit ihrer 
Sehnsucht nach ihren 
Lieben! 
Sie ließ die Hände 
mit der Näharbeit in den 
Schoß sinken und blickte 
hinaus auf die stille, 
graue See, die in der 
Ferne mit dem Horizont 
in eins verschwamm und 
über der sich ein trüber, 
bleierner Himmel wölbte 
— lichtlos, eintönig, 
schwer, wie die Gedanken 
der Einsamen. Ein 
Seufzer entrang sich ihrer 
Brust — da öffnete sich 
hinter ihr die Thür des 
Salons; sie wandte den 
Kopf, und wie eine Er 
scheinung stand Dora im 
Nahmen derselben. Im 
ersten Augenblick bannte 
die Ueberraschung den 
Ruf der Freude auf den 
Lippen der Mutter, dann zog sie die geliebte Tochter an ihr Herz, 
und Kind, theures Kind, ist's möglich, bist du's selbst? Haben 
meine Wünsche dich hergezaubert? rief sie lächelnd und wei 
nend zugleich in ihrer großen Freude. Das ist die schönste 
Geburtstagsfeier, die du für mich ersinne» konntest! Ich dachte 
mir wohl im Stillen, daß du kommen würdest, doch da du 
Nachdruck verboten. 
Gesetz v. n. VI. 70. 
nichts davon schriebst, gab ich endlich, traurig genug, die 
Hoffnung auf! lind nun bist du dennoch da! Meine Tochter, 
mein einzig Kind! 
Der Ausbruch der Zärtlichkeit bei dieser etwas zurück 
haltenden Natur wirkte heute doppelt erschütternd auf Dora, 
und das Lächeln, das sie 
mit so viel Mühe ans 
ihren Lippen festgehalten, 
verschwand unter einem 
Thränenregen. Wie hatte 
sie des Vaters gewohnte 
Zärtlichkeit vermißt, als 
er geschieden war — 
heute erkannte sie, daß 
das Herz der Mutter, 
welches sie kalt gescholten, 
ebenso reiche, ja, vielleicht 
tiefere und reinere Quellen 
der Liebe barg, als das 
des Verstorbenen; sie ge 
stand sich, daß die Liebe 
edler ist, die zu versagen 
weiß, als die, welche 
stets gewährt. 
Laß dich ansehen, 
Kind — bist du auch 
wohl? Du bist blaß, sagte 
Frau Armgard jetzt, lieb 
reich der Tochter Haupt 
in beide Hände fassend. 
Dora lächelte — o, sie konnte lächeln, sie war stark —*, 
freilich mußte sie ihr Uebelbefinden zugeben, doch über dem 
Geständniß, das ihr Erröthen der Mutter machte, vergaß diese 
Angst und Sorge und pries die Tochter glücklich, weil das 
Schicksal ihr diese höchste Gnade gewähre. 
Ueber den mütterlicheu Rathschlägen, die sich hieran 
Qir Kirche von Mkolslroü. 
(Mit dem Eingang zur Fürstcngruft.) 
Originalzcichnung nach einer Photographie des Hofphotographen 
Paul Gelle in Potsdam. (S. Seit« 280.)
	        
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