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Volume 24. Februar 1883, Nr. 22

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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*) S. Sachse, Gesch. Franks. S. 195. 
*) A. a. O. S. 314. 
Dozenten den Vortritt vor der Ritterschaft, überwies ihrer Biblio 
thek die Doubletten der König!. Büchersammlungen zu Berlin und 
wohnte gern ihren Feierlichkeiten bei. Dem haushälterischen 
Soldatenkönige galt freilich die Frankfurter Hochschule nichts; er 
ließ bei jeder Gelegenheit Professoren und Studirenden seine sehr- 
ungnädigen Gesinnungen fühlen, obwohl er selbst von 1706 bis 
kurz vor seinen Regierungsantritt Ehrenrektor der Universität war. 
Es schwebten düstere Wolken über der Hochschule; ein glück 
licher Stern, das konnte sich Niemand verhehlen, hatte ihr seit 
ihren ersten Jugendjahren nicht mehr geschienen. Trotz aller Sti 
pendien blieb die Anzahl der Studirenden gering. Nach dem Jn- 
scriptionsbuche wurden von 1757—1762 im Durchschnitt nicht 
mehr als 107 Studenten jährlich immatrikulirt. Das Leben der 
Frankfurter Universität war ein trauriges Vegetiren. Da ward 
endlich gar 1810 in Berlin die neue Universität, der Hort der sich 
neu erhebenden vaterländischen Hoffnungen, die geistige Burg des 
seine Fesseln zerbeißenden Deutschland gestiftet. Ihre Gründungs 
urkunde war das Todesurtheil für die Frankfurter Hochschule; denn 
Friedrich Wilhelm 111. beschloß, die Stiftung Joachims nun nach 
Breslau zu verlegen, welche Stadt für die Errichtung eines 
Musensitzes.-um so vaNcnder erschien, als die Einziehung der geist 
lichen Güter in Schlesien dort eine Fülle literarischer Schätze zu 
sammengeführt hatte, und in dm verlassenen Klosterbauten der 
schlesischen Hauptstadt geeignete Lokale in Menge sich darboten. 
Mit Schmerz sahen die Frankfurter die Hochschule scheiden, 
welcher ihre Mauern 305 Jahre eine Heimathsstätte dargeboten 
hatten. Unter der tiefsten und sichtlichen Theilnahme der Ein- 
wohncrschatt gingen die Abschiedsfeierlichkeiten vor sich. Sämmt 
liche 264 Studirende, — 152 Theologen, 85 Juristen, 15 Medi- j 
ziner und 12 Philosophen, — versammelten sich am 10. August 
1811 aus dem Kollegienhofe und zogen von hier aus Nachmittags 
um 4 Uhr vor die Wohnung des derzeitigen Prorektors, Professors 
Wünsch, welchem sie ein „Vivat!" darbrachten. Auf gleiche Weise 
bezeugten sie den übrigen akademischen Lehrern ihre Dankbarkeit 
und dem Brigadegeneral von Kleist ihre Hochachtung.*) Sodann 
nahmen sie von den abgehenden Kandidaten unter Darbringung 
eines Gratulationsgedichtes Abschied. Gegen 11 Uhr Nachts ver 
sammelten sich die Studirenden abermals auf dem Kollegienhose in 
der Gerichtsstraße und begaben sich in ernster feierlicher Stille auf 
den Markt. Die Hautboisten stimmten eine Trauermusik an; die 
in der Stadt garnisonirenden Jäger marschirten sowohl voran als 
auf den Seiten, um den Zug gegen den Andrang der Volksmenge 
zu schützen. Auf beiden Seiten der Studenten gingen Träger 
mit Fackeln. Als sie auf dem Markt angekommen waren, schlossen 
die jungen Männer einen Kreis um eine mit schwarzem Tuch be 
kleidete Rednerbühne. Nach einem wehmüthig-feierlichen Chorge- 
sange bestieg der Eanclickatus theologiae Kriele dieselbe, um eine 
ergreifende Abschiedsrede zu halten. Nachdem er der alten Musen- 
stabt den letzten Gruß zugerufen hatte, begab sich der Zug ge- j 
räuschlos, wie er gekommen war, wieder nach dem Kollegienhofe 
zurück; dort wurden die Fackeln zusammengeworfen und das Lied: l 
„Brüder, reichet euch die Hand" in tiefer Bewegung gesungen. 
Die Studenten drückten sich die Rechte und gingen aus einander, 
ohne einen Commers zu halten. Schon vorher, am 3. August, 
hatte der Studiosus von Bülow in einer öffentlichen Sitzung der 
König!. Gesellschaft der Wissenschaften zu Frankfurt eine Vorlesung 
über die Entstehung, die Schicksale und das Verdienst der Univer 
sität gehalten. Ein eigenthümliches Zusammentreffen! Bischof 
Dietrich von Bülow war der erste Kanzler und hielt der Hoch 
schule die Weiherede, deren Wirken und Früchte ein Sohn desselben 
Hauses bei ihrem Untergange in wehmüthigen Worten schilderte. 
Doch wir haben uns jetzt den Denkmälern der Stadt Frank- 
! surt zuzuwenden, welche ihr gewissermaßen als die Reliquien ihres 
einstmaligen wissenschaftlichen Ruhmes geblieben sind. Des großen 
Kollegienhauses, welches, wie erwähnt, in der Gerichtsstraße sich 
befindet und jetzt die Oberschule sowie die Provinzial-Gewerbe- 
Schule enthält, haben wir bereits gedacht. Aus dem alten, in 
trefflicher Nachbildung mir vorliegenden Holzschnitte in Sebastian 
Münsters „Cosmographia," welches die Jahreszahl 1548 trägt, 
zeigt sich „das große oder das Artisten-Kollegium" als ein go 
thischer Bau mit treppenförmigen Giebeln. Oft, zum Beispiel in 
den Jahren 1693 und 1694, sowie 1823 ist das Gebäude fast 
völlig umgeändert worden. Dasselbe diente zu Lehrvorträgen, 
Disputationen und Promotionen, welche freilich manchmal auch in 
der St. Marienkirche gehalten wurden; auch befand sich hier das 
von dem großen Anatomen Bernhard Albinus im Jahre 1689 
errichtete Theatrum Anatomicum, die Bibliothek und das Archiv 
der Universität. Man hat außer diesem großen Kollegium, be 
richtet Beckmann, „Frankfurt a/O." p. 75, auch etliche kleine 
Häuser oder Eonvent: gehabt, so man Bursas geheißen. Der 
gleichen in den alten Verzeichnissen eine genannt wird Bursa 
Jodoci" — d. h. der patrizischen Familie Jobst von Frankfurt, — 
neben dem großen Collegio südenwärts an der Mauer über, wo 
itzo der Universitätsgarten ist. Noch eine andere Bursa Lindholzii 
ist von dem berühmten Johanne Lrndholz so genannt, welche ein 
langes Gebäude gewesen und in der Kollegiengasse von der Ecke 
gegen den reformirten Thurm angegangen und hinaufwärts nach 
dem Kollegio sich erstrecket, ist aber vor langen Zeiten ganz ein 
gegangen. Man hat auch die Stelle gegen der Friedrichsschule 
über die Bursa zu nennen pflegen, und findet sich in den alten 
Catastris von anno 1558 der Name der Schaumsbursa und 1574 
die Gesellschaft der Burschleute." — Die Schaum waren ein reiches 
Patriziergeschlecht zu Berlin und Frankfurt. In St. Marien zu 
Berlin fand ich ihr Wappen, einen rothen liegenden halben Mond, 
darüber zwei in spitzen Winkel von einander gekehrte Pfeile, auf 
dem Helme einen Pfauenwedel. 
In der Junkergasse befindet sich das sogen. „Königliche Haus." 
Dasselbe stand ebenfalls mit der Universität in engster Verbindung. 
Das Gebäude, nahe der Oder belegen, gehörte Anfangs dem be 
rühmten Grafen Rochus von Lynar, dann einem Joachim von 
Schrabstors, von welchem Joachim Friedrich dasselbe erkaufte. Jo 
hannes Sigismund schenkte das Grundstück unter der Bedingung 
an die Universität, daß einer der Professoren darin wohnen und 
die Hochschullehrer ihre Versammlungen darin halten sollten, sofern 
nicht ein brandenburgischer Prinz selbst aus der Universität sich 
aufhalte und in dem Hause residire. Hier wohnte deshalb z. B. 
George Wilhelm, welcher zu Frankfurt studirte. Von der Zeit des 
30 jährigen Krieges an bis 1681 lag das Haus ganz wüst, der 
Sturmwind warf seine hohen Giebel herab und heulte durch die 
völlig zerfallenen Zimmer, bis der große Kurfürst den alten Bau 
restaurirte. Später wohnte in diesem Herrenhause auch der Ge 
neral von Schwerin, der Sieger von Prag und Mollwitz, der 
Universität aber ging das umfangreiche Grundstück verloren. Von 
den wachsenden Schicksalen des Gebäudes berichtet Hansen und 
namentlich Sachse*) das Nähere; uns interessirt hier nur, daß, so 
oft jugendliche Hohenzollern hier als Musensöhne weilten, auch das 
fröhlich-frische Treiben deutschen Burschenlebens eine Stätte in dem 
altersgrauen, düstern Bau gefunden hat. 
Rechts am Fischmarkte, am Ende der Odergasse und in der 
Nähe des nördlich von der Oderbrücke befindlichen blinden Thores, 
welches später abgerissen worden ist, und wo sich jetzt von der 
breiten Straße her der schöne Blick über die Oder eröffnet, be 
fanden sich die beiden Universitätsgebäude, welche der Frankfurter 
Pfarrherr Matthäus Molter 1508 gründete, das Haus des Ordi-
	        
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