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Volume 17. Februar 1883, Nr. 21

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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einer Musikkapelle zu hören, öffnet sich dein Vergnügungslustigen in Berlin 
für eine Mark der glänzend erleuchtete Kroll'sche Garten, dem Besucher für 
das geringe Eintrittsgeld nicht blos ein Doppelkonzert, sondern auch eine 
Theatervorstellung bietend, in welcher Wachtel singt oder die Violinvir- 
tuosin Tun spielt. Ja, es giebt in Berlin Kunststätten, in welchen man 
für eine halbe Mark Parterre-Entree eine ganz gut besetzte Oper hören 
und in den Zwischenakten im Garte» promeniren kann," 
Der Südwell lianak. Wir brachten im Bär 1882 Nr. 24 einen 
ausführlichen, orientirenden Artikel über diese» Kanal, der aller Wahr 
scheinlichkeit nach in de» allernächsten Jahren zur Ausführung kommen 
dürfte. In Gegenwart des Kronprinzen hielt der Centralverein für 
Hebung der Deutschen Fluß- und Kanalschifsfahrt zur Berathung dieses 
KanalprojcktS im Sitzungszimmer 4 des Deutschen Reichstages eine sehr- 
zahlreich besuchte Generalversammlung ab, die sich zu einer Art Fest 
sitzung gestaltete. Unter den Anwesenden bemerkte man die Minister 
Or. Lucius, Kriegsminister v. Kämeke, Oberbürgermeister v. Forcken- 
deck, Landesdirektor v. Levetzow, Generallieutenant v. Bülow, Ober 
präsident Dr. Achenbach, Landrath Prinz Handjery, viele Reichs 
tagsmitglieder ». A, Rach Begrüßung des Kronprinzen durch den Vor 
sitzenden Dr. G. v. Bunsen referirte Abg. Dr. Hammacher über das 
neuerdings vom Major a. D. Wagner aufgenommene Projekt eines 
Berliner Südweftkanals und begründete ausführlich folgende, 
schließlich zur Annahme gelangenden Anträge: 
I. Der Ausschluß wolle erklären: 
1. daß das öffentliche Interesse an der Schifffahrt aus den Berlin 
durchschneidenden Wasserstraßen durch die von der Königlichen 
Staatsregierung verfolgten Pläne „der Verbesserung des Land 
wehrkanals" und der „Cvrrektion beziehungsweise Kanalisirung 
der Spree durch die Stadt Berlin und unterhalb derselben bis 
Spandau" vorläufig befriedigt wird; 
2. daß es als eine erhebliche Förderung des Schifffahrtsverkehrs mit 
der untern Havel und Elbe angesehen werden muß, wenn der Weg 
über Spandau durch einen direkt von der Spree bei Berlin nach 
der llnterhavel geführten »anal ersetzt wird; 
3. daß ein, die Bebauungsflächen im Westen und Süden von Berlin 
durchziehender Schifffahrtskanal für die bauliche und sanitäre Ent 
wickelung der Reichshauptstadt und der anstoßenden Gemeinden 
von der höchsten Bedeutung ist; 
4. daß unter den «ab 2 und 3 hervorgehobenen Gesichtspunkten die 
Anregung zum Baue eines „Berliner Südwestkanals," der, von der 
Untcrspree ausgehend, durch den Wannsee die Havel erreicht, von > 
allen Interessenten um so energischer und rascher verfolgt zu werden 
verdient, weil in Folge der Zunahme der Bauten auf den für die 
Kanallinic nothwendigen Grundstücken die Kosten des Kanals sich 
bei längerem Zuwarten erheblich steigern werden; 
4. daß es zunächst Aufgabe der betheiligten Kommunen und Grund 
besitzer ist, dies Unternehmen zu betreiben, und die Unterstützung 
der weiteren Kommunalverbände und des Staates berbeizuführen; 
H. daß, selbst wenn der Südwestkanal nicht sofort, oder ganz gebaut 
wird, aus dem sxb 3 hervorgehobenen Gesichtspunkte die Inter 
essenten in gleicher Weise die Ausführung von Zweigkanälen nebst 
Anlagen zum Ein- und Ausladen der Schiffe aus der Untersprec 
und dem Landwchrkanal nach den zu bebauenden Gemarkungen 
anstreben müssen. 
II. Der Ausschuß wolle demgemäß in, geeigneter Weise darauf hin 
zuwirken suchen, daß 
I. die Stadt Berlin ihr großes Interesse an der von der Staats 
regierung beabsichtigten Korrektion des Spreelaufes durch die 
Uebernahme eines Theiles der Kosten bethätige, und 
2. daß die Grundbesitzer und Vertreter der betreffende!: Gemeinden 
baldigst über die Ausführung des Südweftkanals, bezw. von 
Zweigkanälen sowie von Be- und Entladungsstellen in Berathung 
treten. 
Die soeben veröffentkichte Helchichtc des Zweiten Garderegi- 
ments z. F. enthält ein Facsimile des folgenden, mit festen, deutlichen 
Zügen verfaßten Schreibens des Kaisers vom 2». November 1879 
an den Commandeur des Regiments, in welchem der Kaiser in liebens 
würdiger Form von seiner Ernennung zum Generalmajor erzählt: 
Berlin, 2«. I I. 79. 
Die Folgen Ihres vortrefflichen Cardinal-Punsches gestern sind doch 
nicht ganz ausgeblieben. Denn, wie ich befürchtete, daß ich Doppeltsehen 
würde" wenn ich zu viel von demselben tränke, ist zwar nicht eingetroffen, 
aber verrechnet habe ich inich doch, als ich von meinem General-Avance 
ment erzählte, und im Vergleich zu dem Sächsischen General, der fein 
40jähriges Generals-Jubiläum feierte, anführte, daß Niemand meines 
nicht nur 60-, sondern sogar 70jährigen Generals-Jubiläums gedacht 
hätte, — habe ich, aber zu spät, di« Folgen jenes Getränkes erkannt. 
Ich hätte statt 60 und 70 sagen müssen, 40 und 60, da ich am 30. März 
1818 General-Major wurde, also 1868 40, und 1878 60 Jahre Ge 
neral war. 
Ich bitte den gestrigen Amvesenden die Verrechnung aufzuklären, 
damit sie weder eine Aufschneiderei meines Dienstalters, noch ein Doppelt 
sehen in Folge des charmanten Diners, für das ich Ihnen und dem j 
Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Emil Dominik in 
Truck: W. Moeser Hofbuchdruckerei in Berlin 8. - 
Offiziercorps nochinals meinen aufrichtigen Dank sage, — erblicken 
mögen. Wilhelm. 
Da ich gerade auf dem rechten Flügel des zweiten Garderegiments 
die Ordre erhielt, die mich zum General ernannte, so lasse ich die Er 
zählung dieses Umstandes in der Anlage beifolgen. 
Am 29. März 1818 fand ein Ball beim König Friedrich Wilhelm III. 
iin Prinzessinnen-Palais statt. Da zum andem Tage, dem 30. März, 
dem Schlachttage von Paris, wie herkömmlich, das große Avancement 
erwartet wurde, so wurden viele, wie immer, Combinationen zu demselben 
gemacht. So wurde zu einer derselben gewettet, ich würde am anderen 
Tage Generalmajor werden. Ich ging die Wette ein; da ich erst am 
30. März 1817 Oberst geworden war und am 28. Februar 1818 Com 
mandeur der 1. Gardebrigade, so konnte ich unmöglich erwarten, schon 
General zu werden, und so tvurden 12 Bvuteillen Champagner als Wett 
preis ausgesetzt. Als am 30. die Berliner Garnison zur großen Parade 
ausrückte und ich zum ersten Male den Degen als Brigacommandeur zog, 
richtete ich vom rechten Flügeloffizier des zweiten Garderegiments (der am 
rechten Latcrnenpfahl des Opernhauses stand) die Points aus, als der 
Generaladjutant v. Witzleben über den damals sehr sandigen Opernplatz 
geritten kam und von hinten durch das «n linie stehende erste Bataillon 
durchbrach, nach des Königs Palais reitend. Er grüßte mich, und un 
gefähr zehn Schritte darauf hielt er sein Pferd an, kehrte um, knöpfte 
die Uniform auf und zog — den wohlbekannten blauen Brief heraus, 
ihn mir übergebend, bedeutungsvoll lächelnd. Da schlug mir doch das 
Herz gewaltig; ich öffnete die Ordre, las sie, — es war die Ernennung 
zum General-Major! Sofort sagte ich dies dem Oberst von Quadt, der 
neben mir hielt, bat den Herzog Carl und den General-Lieutenant von 
Alvcnslebcn, nach dem Palais reiten zu dürfen, um mich beim König zu 
inelden und für die große Gnade zu danken und nahm dann ineinen Platz 
am rechten Flügel des 2. Garde-Regiments ein. Zum Diner sendete mir 
mein Königlicher Vater ein Paar seiner eigenen Epauletts, mit denen ich 
dann Freude strahlend erschien! Daß ich ebenso freudig die Wette (an 
Gl. Gf. Brandenburg) zahlte, versteht sich von selbst. 
Wilhelm. 20. 11. 1879. 
(Die orthographischen Eigenheiten des Schriftstücks sind genau so im 
Original enthalten.) 
<Lin alter Werlincr Theaterzettel. „Mit allergnädigster Bewilligung. 
Werden heute die von Jhro Königl. Majestät in Preussen pririlegirten 
Hoff - Comoeckianten. Und zwar mit neu - verstärkten Wienerischen Ac- 
teurs, insgleichen einem neuen Tantz - Meister (welche Personagen 
insgesammt noch niemahls hier gesehen worden) prockneiren: Eine 
durch und durch lustige Haupt- Aotion. Betitult: Der verliebte Frantzoß 
in Sachsen. Mit Hanns Wurst, einem abgedanckten Soldaten, gc- 
krohnten Poöten, eurioussn Lufft-Fahrer auf den Blocksberg und endlich 
Bräutigam nach der alten blocke. Componirt von Andreas Weidnern. 
Actores: Otto, von Küstritz, ein reicher Edelmann in Sachsen. Char 
lotte, seine Tochter, verliebt in Wilhelm Baron von Ehrenberg, ein 
Französischer Cavallier. Carl Graf von Crohnfeld, dessen guter Freund. 
Leopold, ein Sächsischer Capitain in Charlotten verliebt. Gridonius, 
ein Dorff-Richter. Symphonins der Cantor. Peter Rund Hut, der Schul 
meister. Grethe sein Weib. Lisette ihre Tochter und Cammer-Mädgen 
bey Charlotten. Ein Hauß-Oküeer und ein Page des Herrn von Küstritz. 
D. Wurst, eines Sauschneiders Sohn ans Saltzburg. Der Scharffrichter. 
Bauren, Hochzeit-Gäste und unterschiedliche Soldaten und Bedienten. 
Etliche in der Aetiou vorkommende Praesentationes: 1. Ein mit schwartzen 
Tuch behängtes Zimmer, worinnen der Herr von Küstritz mit seinen Freunden 
einen Blut-Rath, über seinen Schwiegersohn, den Baron von Ehrenberg, hält. 
2. Des Ehrenbergs ivunderbare Er-rettung, durch den Grafen von Crohnfeld. 
3. Wie H. Wurst einer Hexe, welche durch die Lufft auf den Blocksberg 
fähret, auf einem Besen nachmarehiret. 4. Wie H. Wurst an dein 
Blocksberge von denen Gespenstern bedient wird. 4. Die Kröhnung des 
8. W. zu einem Poeten, unter einer lustigen Voeal- und Instrumental- 
Music. 6. Wie die anwesenden Hochzeit-Gäste, unter gewöhnlichen Spaß 
einen Hahn erschlagen. 7. Der Tantz von dem Schulmeister Richterund 
II. Wurst. Den Schluß machet ein Tantz oder lustige Nach-Comoeckie. 
Die Schau-Bühne ist auf den Königl. Stall-Platz, das Einlage - Geld ist 
in den Logen als Premier-Platz 8 Gr. auf den andere» Platz 6 Gr., 
auf den dritten 4 Gr; und auf den letzte» 2 Gr. Der Anfang ist prae- 
cise um 4 Uhr." Dies der Inhalt eines Theaterzettels ohne Datum. 
Nur der Adler, welcher am Kopfe des Zettels prangt, zeigt durch Insig 
nien und Inschrift an, daß jene „klassische Theateraufführung" zur Zeit 
Friedrich Wilhelm I. stattfand. Wir wissen aus der Biographie 
Eckenberg's, des starken Mannes, daß diese Ausführung unter seiner 
Direktion stattfand, unter dem „Hvf-Comödianten Seiner Majestät 
des Königs" und zwar in der Breitenstraße im Marstallgebäude. Der 
Inhalt des Zettels ist beredter als alle Erklärungen. Originell ist die 
Orthographie des Zettels auf welchem alle Frenidwörter mit lateinischen 
Buchstaben gedruckt sind. A. 0. Kl. 
<£«ut reftament des ve-storöenen Prinzen .stark erbt, wie die Tägl. 
Rundschau hört, Prinz Friedrich Karl 4 Millionen Thaler, jede der Töchter 
zwei Millionen Thaler, je */, Million sind bestimmt zuin Bau eines Re- 
konvaleszentenhauses in Lichterfelde, zu inilden Stiftungen und zur Ver 
fügung des Kaisers zu Legaten rc. Außer diesen Summen hatte der 
Berlin W. — Verlag von Gebrüder Paetel in Berlin W. — 
Nachdruck ohne eingeholte Erlaubniß ist untersagt. 
. |..
	        
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