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Periodical volume 7. Oktober 1882, Nr. 2

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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nicht gewöhnlich gewesen war." Vordem hatte Wohl jeder 
„Ackerbürger" Berlins seine Milchziege. 
Die Menge der jährlich mit der Eisenbahn eingeführten Milch 
ergiebt sich aus den monatlichen Zusammenstellungen der Eisenbahn- 
Direktionen über die Waaren-Einruhr, welche in den städtischen 
statistischen Jahrbüchern mitgetheilt wurden. Danach betrug die 
Einfuhr von Milch 
1875 — 37,744,760 Kilo und pro Kopf der Bevölkerung 79,5 Pfd. 
1876 — 43,841,285 - - - - 89,5 - 
1877 — 50,322,012 - - - - 98,4 - 
1878 — 50,805,825 - - - - 97,5 - 
1879 — 53,779,520 - - - - 100,2 - 
Die statistischen Jahrbücher veranschlagen, nach Abschätzung 
der außerdem zum Verbrauch gelangenden Milch, den Bedarf pro 
Kopf der Bevölkerung noch um V- höher als die vorstehenden 
Zahlen angeben. 
Vis vor Kurzem gelangte die von auswärts eingeführte Milch 
fast ausschließlich in die Hände unzähliger Milchpächter, welche den 
Kleinhandel betrieben. Seit etwa 1V- Jahren geschieht der größte 
Theil des Milchverkaufs durch einige größere Meiereien, von denen 
diejenige von C. Bolle den größten Vertrieb hat. 
Im Kleinhandel, der theils von Fuhrwerken aus, welche von 
.Haus zu Haus fahren, theils in festen Verkaufsstellen (meist in 
Kellern), sogenannten „Milchbureaus" betrieben wird, wird theils 
„Milch" schlechtweg, theils „Milch, wie sie von der Kuh kommt", 
auch wohl „Kindermilch" — wie man die „ganze Milch" bezeichnet, 
theils „Sahne" verkauft. 
Die innerhalb der Stadt bestehenden Molkereien (etwa 
180 an der Zahl) haben nur einen geringen Umfang, und 
es giebt deren Viele, welche nur I bis 2 Kühe halten. Sie ver 
kaufen gewöhnlich nur volle Milch, welche vielfach von den Kunden 
zu den Melkzeiten aus dem Stall abgeholt wird. Die Preise 
schwanken natürlich, doch wird die gewöhnliche Milch etwa zu 
10, 12—15 Pfennigen, die ganze Milch zu 20—30 Pfennigen 
verkauft. Die „Sahne" wird in den Haushaltungen verhältniß- 
mäßig wenig gebraucht und geht hauptsächlich in die Gastwirth 
schaften und Konditoreien. 
Ganz besonders wegen der Kinderernährung hatte die 
Sanitätspolizei Berlins ein großes Interesse daran, daß gute 
unverfälschte Milch verkauft wird, und es wurde darum bereits vor 
30 Jahren, im Jahre 1852, eine regelmäßige Controle ein 
geführt. 
Sie wurde — nach dem Verwaltungsbericht des Polizeipräsi 
diums — bis zum Jahre 1876 dadurch ausgeübt, daß einige Be 
amte der Marktpolizei die auf den Straßen umherfahrcnden Milch 
wagen anhielten, und von diesen, sowie auch aus den Milchkellern 
Milchprobcn entnahmen, welche sofort mittelst eines einfachen Aräo 
meters — des Dörffel'schen Milchmessers — untersucht wurden. 
Zeigte die Milch weniger als 13 Grad desselben an, so wurde sie 
sofort vor Aller Augen in den Straßen-Rinnstein gegosien, und 
der Händler behufs Bestrafung auf Grund der Markt-Polizeiord 
nung wegen „absichtlicher Vermischung der Milch mit Wasser" zur 
Anzeige gebracht. 
Seit 1877 ist der Aräometer von Greiner eingeführt, und 
es wird nun der 14. Grad dieses Milchmessers (Lactometers) dabei 
als derjenige festgesetzt, den die Handclsmilch wenigstens auf 
zeigen muß. Durch diesen Milchmesser wird mit Sicherheit 
verhindert, daß die Milch sich über den festgesetzten Punkt ver 
schlechtern kann. 
Die praktische Ausführung der Milch-Controle er 
folgt seit 1877 durch zwei von dem Leiter der Marktpolizei abge 
ordnete Commissionen, deren jede aus einen: Polizcilieutenant und 
zwei Schutzleuten besteht. An jedem Morgen erhalten die beiden 
Polizeioffiziere eine schriftliche Anweisung, in welchem Stadtbezirk 
! die Revisionen vorgenommen werden sollen, und außerdem wird 
auf den Bahnhöfen die dort ankommende Milch von den da 
selbst stationirten Beamten untersucht. Erhebt einer der Händler 
i Einspruch, so werden zwei Milchproben in Flaschen gefüllt und 
versiegelt, von denen eine dem Händler verbleibt, die andere sofort 
dem Chemiker zugestellt wird, der sie für das Polizeipräsidium 
untersucht. Das Weggießen der Milch ist darum für besonders 
zweckmäßig gehalten worden, weil hierdurch das Publikum auf 
das Vorgehen gegen den Milchhändler in einer Weise aufmerksam 
gemacht wird, die dieser mehr scheut, als die kleine Geldstrafe. 
Im Jahre 1878 sind 605 Uebertretungen konstatirt, und 
5,568 Liter Milch sortgegossen, im Jahre 1879 777 Uebertretungen 
und sind 6,795 Liter Milch confiscirt, im Jahre 1880 796 Ueber 
tretungen vorgekommen und 5,814 Liter Milch in die Goste ge 
schüttet. In den 3 Jahren wurden also zusammen 18,177 Liter 
Milch confiscirt, das ist ein Milchsee, auf dem man schon eine 
kleine Regatta veranstalten könnte. 
Eine wesentliche Verbefferung des Milchverkaufs hat nun seit 
Erfindung der Milch Centrifuge stattgefunden. Die Entrahmung 
der Milch vermittelst des Centrifugalverfahrens beruht be 
kanntlich darin, daß die Milch*) mit Hülfe der Centrifugalkraft in 
den specifisch leichteren Rahm und in die specifisch schwe 
rere Magermilch (denn „Fett schwimmt oben") getrennt wird. 
Die Vortheile des neuen Verfahrens der Entrahmung bestehen 
hauptsächlich darin, daß die Milch unmittelbar nach dem Melken 
verarbeitet werden kann, und daß man binnen verhältnißmäßig 
kurzer Zeit die beiden ersten Produkte, nämlich Rahm und Ma 
germilch erhält. 
Was die Geschichte dieses neuen Entrahmungsverfahrens be 
trifft — ich folge darin einem Aufsatze des Professor W. Kirchner 
in der „landwirthschaftlichen Post" — so war es ein bayrischer 
Bierbrauer, Namens Prandtl, welcher im Jahre 1864 eine 
Maschine für den genannten Zweck construirte, die jedoch Unge 
nügendes leistete. Im Jahre 1872 stellte dann Profestor Moser 
in Wien ein Centrifugen-Modell aus, welches den Ingenieur und 
Maschincnsabrikantcn Lefeldt in Schöningen im Braunschweig- 
schen zu weiteren Versuchen in dieser Richtung anregte und zur 
Folge hatte, daß der Genannte auf der internationalen landwirth- 
schaftlichen Ausstellung in Bremen im Jahre 1874 eine nach ähn 
lichem Prinzipe wie die Prandtl'sche Maschine gebaute Milchcen- 
trifuge dem Publikum vorführte. Der Erfolg war wiederum ein 
negativer, der Hauptübelstand derselbe, wie bei Prandtl's Apparat, 
nämlich zu geringe Leistung d. h. Entrahmung zu kleiner Milch 
mengen im Verhältniß zur nöthigen Kraft und den verursachten 
Umständen. Trotz dieses Mißgeschickes ließ Lefeldt die Sache nicht 
fallen und gelang es demselben endlich im Herbste des Jahres 1876, 
eine Centrifuge zu bauen, welche sich Eingang in die Praxis ver 
schaffte und im Sommer 1877 in der städtischen Molkerei zu 
Kiel zur Zuftiedenheit die regelmäßige Entrahmung der.Milch be 
sorgte. Diese Centrifuge unterschied sich von den früheren Arten 
im Wesentlichen dadurch, daß die Milch nicht in eine Zahl von 
Eimern gegeben wurde, sondern daß eine mit der Milch beschickte 
Trommel sich auf ihrer Achse in großer Schnelligkeit drehte und 
dann im Innern der Trommel die Scheidung in Rahm und Mager 
milch vor sich ging. Im folgenden Jahre verbesserte Lefeldt die 
*) Gute Kuhmilch besitzt nachstehende mittlere Zusammensetzung: 
Wasser 
87,25 
Butterfett .... 
3,50 
Käsestoff 
3,50 
Eiweiß 
0,40 
Milchzucker .... 
4,60 
Aschenbestandtheile. . 
0,75 
1 Liter normaler Kuhmilch wiegt 1029—1039 Gr.
        
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