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Volume 7. Oktober 1882, Nr. 2

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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Muth in den Kopf setzen" u. s. w., aber der Onkel gab mir einen 
herzhaften Kuß und sagte: „mir wird das Mädel doch fehlen!" 
Ich war sehr beglückt durch des Onkels Liebe, und dann, — 
hatte der Assessor mit dem Onkel über mich gesprochen oder 
hatte des Onkels blinde Liebe für mich dies Urtheil aus des 
Assessors Benehmen gegen mich herauslesen wollen? jedenfalls 
machte es mich sehr glücklich! — 
Der Tag verging, der nächste auch und nun saß ich im Eisen 
bahncoupe mit dem Onkel und rollte meiner neuen Heimath zu. 
Der Weg war noch wundervoll, den wir zu Wagen bis zur Bahn 
station zurücklegen mußten, am Zacken entlang, der neckisch und 
spielend üler Steine und Felsblöcke kletterte, plötzlich sich in 
einem großen stillen Becken, einem Waldsee ähnlich, ausruht, 
um mit schäumendem Uebermuth weiter zu jagen. Man sieht 
es ihm ordentlich an, daß er ärgerlich ist, Papier- und Holz 
fabriken treiben zu müssen, er beeilt sich sehr, das Rad schnell 
zu drehen, um los zu kommen, und fast beschämt schlüpft er 
dann unter den moosigen Steinen weiter! — 
(Fortsetzung folgt.) 
Professor Eduard Mandel. 
(Hierzu das Portrait S. 17.) 
Der berühmte Meister der Kupserstecherkunst, der in niännlicher 
Kraft und Frische und im Schmuck seines vollen silberweißen Haares 
unter uns lebt, steht heute in seinem zweiundsiebzigsten Lebensjahre, 
und ist am 15. Februar 1810 in Berlin geboren. Ludwig Pietsch hat 
einmal in der Vosi. Ztg. den Lebensgang des Künstlers in einem größe 
ren Esiai behandelt, und diesem Lebensbilde entnehmen wir die nach 
stehenden Zeilen. Wir haben einer so mitten im Leben stehenden, in 
seiner Kunst noch so ruhmvoll thätigen Persönlichkeit gegenüber zum 
Glück keinen Anlaß — schreibt der bekannte Berliner Kunstkritiker — 
aui sein • bisheriges Dasein wie auf ein abgeschlosienes zurückzu 
blicken. Nur einige Etappen auf dem Wege seiner Entwicklung 
will ich hier erwähnen und an die Fülle bedeutender Arbeiten 
seiner Kunst erinnern, welche Mandel bis heute in unablässigem Fleiß, 
in treuer begeisterter Hingebung an sie und an die großen Meister 
werke, deren geist-, form- und tongetreuer Reproduction er alle 
seine Kraft weihte, ausgeführt hat. 
Es giebt so bestimmt ausgesprochene Begabungen für gewisse 
Künste und Kunst-Techniken, daß über den besonderen Beruf schon 
des Knaben dafür gar kein Zweifel obwalten kann. Bei Mandel 
äußerte sich ein solches specifisch kupferstecherisches Talent bereits 
mit voller Stärke im 16. Lebensjahr. Mit der Feder zeichnete er 
die „Taillen" der Kupferstiche und die gestochenen Verzierungen der 
Kasienbillets mit täuschender Genauigkeit nach. Friedrich Wilhelm III., 
welchem derartige Zeichnungen vorlegt wurden, ließ den Knaben 
in die Berliner Akademie eintreten, wo er unter Prof. Buchhorns 
Leitung die Kupserstecherkunst studirte (1826—30). Bald nach voll 
endetem Studiengange tritt er mit Auszeichnnng als selbstständiger 
Stecher aus. Aber noch zehn Jahre später verschmähte er es nicht, 
in Paris Henriquel Duponts, des großen französischen Meisters, 
Lehre zu suchen. In Mandels ersten im Kunsthandel erschienenen 
Blättern, dem „Krieger und sein Kind" nach Th. Hildebrandt (1835) 
und der „Loreley" nach Karl Begas erkennt man die volle Freiheit 
und Sicherheit in der Beherrschung und Führung des Grabstichels 
und das glücklich entwickelte Feingefühl für Form und Ton. 
Mandel verschmähte damals, wie während seiner ganzen späteren 
Laufbahn, sich dem bequemeren, leichter seine Wirkungen erzielenden 
Schwarzkunststich, der geschabten Manier, zuzuwenden. Er ist jederzeit 
der schwierigsten und edelsten aller vervielfältigenden Künste getreu 
geblieben, dem reinen Linienstich. An der Anerkennung seines mit 
i so großen, Talent und so strenger Gewissenhaftigkeit des Studiums 
durchgeführten künstlerischen Thuns hat es das Vaterland wie das 
Ausland nie fehlen lassen. Siebenundzwanzig Jahre alt, wurde 
Mandel Mitglied der Akademie und mit der goldenen Medaille in 
Paris ausgezeichnet; mit zweiunddreißig Profesior an der Akademie 
zu Berlin; 1857 Direktor der Kupferstecherschule an derselben. 
Drei Jahre später wurde ihm die höchste Ehre, welche in Preußen 
die Meister der Wisienschaft und der Künste lohnen, zuerkannt: die 
Mitgliedschaft des Friedens-Ordens „pour le merite.“ 
Seine glänzenden Hauptwerke, welche ihm diese Auszeichnungen 
erwarben, welche durch hohe Orden aller Souveräne und die Wahl 
zur Mitgliedschaft der ersten Akademien vermehrt wurden, sind nicht 
nur den eigentlichen Kennern und Amateurs des Kupferstiches, für 
welche sie die künstlichen vielbegehrten Objekte der Sammellust bilden, 
sondern eben so dem ganzen gebildeten kunstfreundlichen Publikum 
aller Nationen bekannt und gebührend geschätzt: das Portrait 
Van Dycks nach dem Brustbilde im Louvre, Tizians nach dem im 
Berliner Museum, das Bildniß der Königin Elisabeth nach Stieler, 
ihres königlichen Gemahls nach Otto, Karls 1. nach Van Dycks Origi 
nal in Dresden; die blumcnwerfenden Kinder nach E. Magnus, die 
Madonna Colonna Rafaels, der sich ausstützende Jüngling mit dem 
Barett nach demselben im Louvre, die Madonna della Sedia, die 
Bella di Tizians nach dem Bilde im Palazzo Pitti (oder genau 
nach einer dort von Mandel's so schön begabtem, ftüh verstorbenen 
Sohne, dem Maler, ausgeführten Zeichnung), die Madonna Pans- 
hanger und der Stich der Rafaelischen Madonna di San Sisto. 
Eine Menge kleinerer Arbeiten laste ich dabei noch unerwähnt. 
Mandel ist unbeirrt durch die für den Stecher wahrhaft beun 
ruhigende glänzende Entwickelung der photographischen Nachbildungs- 
Procefle seiner erwählten hohen Kunst getreu geblieben, ist nie an 
ihr verzweifelt und sein Glaube an sie hat ihm geholfen und so 
auch Andere darin gestärkt. 
Zu diesen, und zu seinen ruhmvollsten Schülern, gehört be 
kanntlich Jacoby in Wien. Wieder ein dortiger junger Schüler 
dieses Meisters, Jasper, hat im Auftrage der Wiener Ge 
sellschaft für vervielfältigende Kunst, welche sich um die 
Erhaltung des Kupferstichs auf seiner Höhe und die Herbeiführung 
einer neuen Blüthe der Radirung so unschätzbare Verdienste er 
worben hat, zur Feier seines siebzigsten Geburtstags den Stich 
eines kleines vortrefflichen Bildnisses E. Mandels ausgeführt. 
Der weiße Glanz des Haares und Bartes kommt zwar nicht völlig 
zur Geltung, da kein dunkler Hintergrund gegeben ist. Aber leicht, 
frisch, geistreich uud zart behandelt erscheint der Kopf in voller 
Lebendigkeit und in jenem künstlerisch fteien, liebenswürdigen Aus- 
i druck, den Alle kennen, welche dem Meister je nahe getreten sind. 
i Möge ihm die Frische und Freudigkeit, welche aus diesen Zügen 
spricht und er der Kunst noch manche Jahre in gleicher Rüstigkeit 
wie bisher, erhalten bleiben. 
Die Versorgung Berlins mit Milch. 
(Hierzu die drei Illustrationen Seite 25, 28 und 29.) 
Die Versorgung Berlins mit Milch erfolgt zum größten 
Theil durch Zufuhr mit den Eisenbahnen, außerdem gelangt noch 
eine bedeutende Menge aus den nahe gelegenen Dörfern auf Land 
wegen zur Stadt oder wird in einzelnen städtischen Molkereien 
selbst gewonnen. 
Der älteste Berliner Milchverkauf soll vom Jahre 1600 
datiren; damals ließ die Kurfürstin Katharina, Kurfürst Joachim 
Friedrich's erste Gemahlin, von ihrem i» der Köllnischen Vorstadt 
angelegten Viehhose (der dort lag, wo heute die Reichsbank 
und die Hausvogtei steht) Milch nach Berlin zu Markte bringen, 
„welches vorher" — wie Friedrich Nikolai sagt — „in Berlin
	        
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