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Periodical volume 10. Februar 1883, Nr. 20

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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war. Erbittert und aufgeregt erhob er sich gleich nach Tisch 
und verließ mit kurzem Gruß das Zimmer. 
Eine laute Debatte folgte seinein Verschwinden. 
Der arme Kerl ist gilt reingefallen! rief Loßberg. Das 
kommt von den Geldheirathen! 
Ein Blick des jungen Marten traf den Kameraden, ein 
so vorwurfsvoller Blick, daß jener das Auge unwillkürlich vor 
demselben senkte- 
Wie glücklich der Baron ist, sieht man ihm doch an! 
lachte der die Ehe verschmähende Lieutenant. 
Schade um den Prachtmenschen! rief der Hauptmann 
von Berg. Es giebt doch genug reiche Mädchen; warum 
sucht er sich so eine aus. 
Kennen Sie denn Dönncritz' Frau? fragte Marten. 
Nein aber — der Hauptmann dämpfte seine Stimme zum 
Flüstern herab — es ist ja klar, er schämt sich der Person, 
sehen Sie ihn doch an! 
Während dessen stürmte Hellmuth in die Sommernacht 
hinaus. Unter freiem Himmel ward er ruhiger. Er fühlte 
sich plötzlich von den Genossen durch eine tiefe Kluft getrennt. 
Wie hatte er sich früher unter ihnen wohl zu fühlen vermocht, 
seine Freude, seine Erholung in ihrer Gesellschaft suchen können? 
Hellmuth war erst einige Minuten gegangen, als er eilige 
Schritte hinter sich vernahm und gleich darauf eine Hand sich 
aus seine Schulter legte. Darf ich Sie begleiten, lieber Freund? 
fragte Martens Stimme. 
Hellmuth reichte dem jungen Offizier die Hand und 
schweigend schritten die Beiden eine Weile nebeneinander her. 
Endlich begann Marten gepreßt: Lieber Dönncritz, ich fühle 
mich in einer ungeheuren Schuld Ihnen gegenüber — aber 
glauben Sie mir wenigstens: ich habe keine ruhige Stunde 
seit jenem Abend. Ich finde jetzt, es war ein verteufelt 
schlechter Handel, den wir mit dem schlauen Juden ab 
schlössen — und Sie, Aermster, müssen die Zeche bezahlen. 
Mir ist, als könne ich die Allgen ilicht inehr zu Ihnen er 
heben. Mein guter Geist hatte mich verlassen, sonst hätte ich 
das schon an dem verhängnißvollen Abend eiilseheit müssen. 
Sie trifft die kleinste Schuld, Marten — 
Dieser schüttelte das Haupt. Meine Schuld ist groß 
genug, um mich unglücklich zu machen. Vielleicht hat sic aber 
das eine Gute, daß ich zur Besinnung gekoinmcn bin über 
mich selbst. Doch was liegt schließlich an mir — daß Sie, 
Freund, Ihre Zukunft, Ihr Leben opfern mllßten, das, das 
ist's, was ich mir nie vergeben kann! 
Sie irren — Sie irren in Ihrer Annahme! siel ihm 
Dönncritz hastig ins Wort. Es giebt Dinge, die Fluch und 
Segen zugleich über luis ausgießen, uild wir würden den 
Segen nicht um des Fluches willen lassen — nicht um der 
ganzen Hölle willen — und der gleicht inein Dasein jetzt — 
das versichere ich Ihnen- 
Marten sah, tiefste Reue und tiefstes Mitleid im Hcrzcil, 
vor sich nieder. O, daß es kein Mittel ans Erden giebt, etwas 
Geschehenes ungeschehen zu machen! 
Wer weiß, sagte Hellmuth plötzlich stehen bleibend, ob ich 
es thäte, wenn ich könilte. 
Marten blickte den Freund fragend an. 
Wenn ich inein jetziges Leben mit dem von damals ver 
gleiche — fllhr dieser sinnend fort — ich bin jetzt sehr reich, 
Marten, reicher als Sie ahnen. 
Marten war's, als sei er mit kaltem Wasser übergössen- 
Er hatte Dönncritz bedauert; nun wußte er, daß das un- 
nöthig war. So sagte er kalt: Das ist allerdings etwas 
anderes. Gut, daß Sie mich daran erinnern. Ich vergaß 
Ihren Reichthum, weil er mir ein so schwacher Gewinn für 
den Einsatz schien. Ich irrte mich — leben Sie wohl! 
Ec grüßte und wollte gehen. Hellmuth blickte ihn er 
staunt ob seines veränderten Benehmens an; plötzlich ging 
ihm ein Licht auf, er erröthcte, doch er lachte dabei — das 
erste Lachen war's seit lange — und sprach: Lieber Freund, 
bitte, besuchen Sie meine Frau; ich will ihr zeigen, daß es 
Leute geben kann, die sich in einer bösen Stunde vergessen 
und die doch anständige Menschen sind. Wollen Sie kommen? 
Der junge Mann, der nicht recht wußte, was er hiervon 
denken sollte, antwortete halb verwirrt: Ja, wenn Sie ge 
statten. 
Ich bitte Si: darum ausdrücklich! siel Hellmuth ein. 
Sie werden mich dann vielleicht besser verstehen, als heute 
Abend. Sie haben eine Mutter und eine Schwester, die Sie 
lieben, nicht wahr? 
Ja! 
Ihre Hand, Marten! — 
(Fortsetzung folgt.) 
Die Ileberschwemmungcn in Deutschland. 
Sind die furchtbaren Ueberschwemmungen, unter denen ganz 
besonders unser westliches Deutschland während der letzten Wochen 
zu leiden hatte, über uns gekommen, weil wir nicht die rechten 
Maßregeln ergriffen hatten, solcher entsetzlichen Kala 
mität vorzubeugen; oder aber thaten wir Alles, und stehen 
wir trotzdem der Wiederkehr ähnlicher Katastrophen in diesem und 
den nächsten Jahren wehrlos gegenüber? Das ist die Frage. 
Mit anderen Worten. Thut unsere Wasscrbauverwaltung ihre 
Schuldigkeit oder nicht? Ich mag die Frage nicht beantworten, 
will das lieber Fachleuten überlassen. Die „Deutsche Bauzeitung" 
schrieb in ihrer Nr. 4 etwa Folgendes: 
Mit markigen Zügen hat das Jahr 1882 sich in die Annalen 
der Wasserbautechnik eingetragen. Dauernde Wasserständc in der 
zweiten Hälfte des Jahres von einer nicht häufig beobachteten Höhe 
— mehrfache Hochwasser mit Pegelständen, wie sie nur ganz ver 
einzelt bisher vorgekommen, thcilweise auch vielleicht noch niemals 
dagewesen sind— die Betheiligung der meisten deutschen Ströme 
und derjenigen Oesterreich-Ungarns, welche ihre Speisung aus dem 
Alpengebiete empfangen, an diesen abnormalen Ständen — end 
lich eine fast unermeßliche Ausdehnung der Zerstörungen an 
Brücken, Uferwcrken, Dämmen, Straßen, Eisenbahnen und mensch 
lichen Behausungen, kaum zu gedenken der Verwüstungen, die an 
Kulturen und Ländereien entstanden sind, drücken dem abgelaufenen 
Jahr seinen unauslöschlichen Stempel auf. Aber fast mehr als 
durch Großartigkeit und Umfang der Ereignisse wird für den 
Wasscrbautechniker das Jahr 1882 durch eine besondere Seite 
charakterisirt sein, welche die Wassererschcinungen desselben geboten 
haben: die vollständige Abstreifung des lokalen Cha 
rakters derselben. 
Wenn unter Einwirkung von plötzlichen Schneeschmelzen, oder 
durch mächtige Regengüsse in engen Gebieten, oder durch Eisver 
setzungen in einzelnen Strecken eines Stromlauss erhebliche Wasser 
anschwellungen und Zerstörungen zu Stande kommen, so vollziehen 
sich damit trotz ihrer Ungewöhnlichkeit doch nur Naturereignisse 
und Vorfälle von einer gewissen Regelmäßigkeit der Wiederkehr,
        
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