Path:
Periodical volume 3. Februar 1883, Nr. 19

Full text: Der Bär Issue 9.1883

239 
Was Luise ihrem Volke, ihren Kindern gewesen,' es ist in 
dankbarer Verehrung anerkannt. 
Eine der Errungenschaften unserer vielgeschmähten Zeit aber 
scheint es, daß man — man gedenke nur des edlen fteimüthigen 
Vorgehens unseres hohen Kronprinzlichen Paares — die jungen 
Prinzen und Prinzessinen gleich anderen Menschenkindern zu erziehen 
beginnt und drum williger auch ihnen die Berechtigung zugesteht, 
gleich anderen Sterblichen dem Zuge des Herzens folgen zu dürfen. 
Mögen alle unsere königlichen Prinzen und Prinzessinnen denn 
in ihrem ehelichen Leben auch d as Glück finden, wie Luise von Oranien, 
wie Luise von Mecklenburg-Strelitz es gesunden; mögen aber nach 
außen hin ftiedlichere Zeiten ihnen werden, als sie jenen beschieden 
gewesen! 
Ein Rückblick auf die erste Hälfte der Berliner Theater- 
saison 1882j83. 
„Die Zeit der großen dramatischen Schöpfungen, der „Voll 
blutdramatiker", liegt längst hinter uns, und nun scheint es, als 
wäre auch die Kleinkunst an ihrem Endpunkt angelangt. Wohin 
man blickt, dieselbe traurige Oede; die Erwartungen, die wir alle 
auf die Theatersreiheit gesetzt hatten,' haben sich nicht erfüllt" — 
so etwa leitet Karl Frenzel im Januarheft der „deutschen Rund 
schau" einen Rückblick auf die jüngst vergangene Theaterperiode ein. 
Die Theilnahme des Volks am theatralischen Spiel hat 
immer mehr an Ausdehnung gewonnen; neunzehn*) Theater 
spielen Abend für Abend sn unserer Stadt; das, was sie aber 
spielen und wie sie es spielen, ist-meist nicht schön. Berlin besitzt 
— außer den Königlichen Theatern — nur ein einziges Theater, 
bas Wallncrtheater, das sich vor Fremden sehen lasten 
kann, dessen Leitung und dessen darstellende Kräfte zugleich 
vortrefflich sind; und es erhält vielleicht vom kommenden Oktober 
an durch Meister L'Arronge ein zweites Theater, in das man 
'Fremde aus Hamburg, München und Frankfurt a. M. — ich mag gar 
nicht von Wien reden — führen kann, ohne sich beschämt — „be- 
kniffen" sagt der Berliner — zu fühlen. Vor wenigen Jahren 
hatten wir noch im Residenz- und Friedrich-Wilhelm- 
städtischen Theater Bühnen, die der Residenz würdig waren, 
dieselben sind jedoch durch ihre jüngsten Direktoren auf einen 
dritten und vierten Standpunkt gebracht worden. 
Ausgesprochen muß werden, daß die Königlichen Bühnen 
nicht im entferntesten das leisten, was sie mit ihren materiellen 
wie künstlerischen Mitteln ausführen könnten. Daran sind un 
glückselige Zustände Schuld, die wir noch eine Weile ertragen müssen. 
Die Königliche Oper spielt jahraus jahrein das nämliche 
Repertoir mit den nämlichen zum Theil vortrefflichen Kräften; die 
Saison von 1880 sieht aus wie die von 81 und 82, eine eigent 
liche Leitung ist nicht vorhanden; selbst das Ballet läßt diese seit 
einiger Zeit vermissen. Sehenswerth ist unsere Oper eigentlich nur 
dann, wenn die bekannten Gäste Niemann, Lucca re. erscheinen. 
Fehlen diese und sind Betz, Krolop und Fricke etwa unpäßlich, 
dann spielt man im Berliner Lpernhause mangelhafter, wie in 
München, Dresden und anderswo in Deutschland. 
DasKönigliche Schauspielhaus hat eine Reihe ganz vorzüglicher 
Kräfte, die sehr wahrscheinlich unter einem Thcaterdirektor für ihr vor 
treffliches Spiel auch ein passendes Repertoir finden würden, bei 
dem Mangel jeder Leitung aber muß dieses einst so tüchtige 
Theater von Jahr zu Jahr an Interesse verlieren. Unser Kron 
prinz, der ein wahrer Freund guter Schauspielkunst ist, und der 
*) Diese Theater, zum Theil nach dem Alphabet, sind: Das König!. 
Opernhaus das Königl Schauspielhaus, das Alhambratheater, Belle 
alliance-, American-, Central-, Friedrich-Wilhelmstädtisches-, Krolls-, Louisen 
städtisches-, National-, Ostend-, RcichShallen-, Residenz-, Schweizer-Garten-, 
Vaudeville- Victoria-, Walhalla-, Wallner- und Wilhelmtheater. 
die hervorragenden Vorstellungen der Privatbühnen stets besucht, 
meidet geradezu die Kunststätte am Schillerplatz. 
Man spielte Dahn's „Skaldenkunst", die Wildcnbruch'schen 
Stücke „Harold" und „Opfer um Opfer", Lohmeyers „Stamm 
halter", Klapp'sLustspiel „Fräulein Commerzienrath" Rhei 
nisch' „die Freunde der Frau" und Georg Siegerts „Klytäm- 
nestra." 
Dahn's „Skaldenkunst", die „Klytämnestra", Klapp's Lustspiel 
und Wildenbruch's „Opfer um Opfer" gefielen nicht, Lohmeyers 
„Stammhalter" wurde ausgelacht — „man sagt, er wollte sterben" 
— und nur Wildenbruch's „Harold" und Rheinisch' „Freunde der 
Frau" hatten Erfolg. 
Das Wallnerthcater, unter der vortrefflichen Leitung Lebrun's, 
brachte mit seinen tüchtigen Darstellerinnen und Darstellern: „Die 
Welt, in der man sich langweilt", „Reif-Reiflingen", „Gesellschaft 
liche Pflichten", „Ebbe und Fluth" und „Schwabenstreiche", und 
wird noch aufführen Moser's „Köpnickerstraße 110". 
Einen rechten Erfolg erzielte nur „Ebbe und Fluth" durch 
das Talent der Wegener, und Schönthan's lustiges Lustspiel 
„Der Schwabenstreich". Einen Schwabenstreich beging Lebrun 
bei der Aufführung von Moser's Reif-Reiflingen dadurch, 
daß er an Kadelburg aus Aerger darüber, daß Engels seine Bühne 
verlassen will, die Titelrolle gab. Kadelburg, der nun gleichfalls 
von der Wallnerbühne abgehen und nach Hamburg übersiedeln 
wird, ist ein vortrefflicher Schauspieler aber kein Komiker. Engels 
hätte allüberall da, wo meinem hochverehrten Freunde von Moser 
Menschliches geschah, mit seinem Humor ausgeholfen, der steifere 
Kadelburg konnte das nicht. Ja, des „Werkes zweiter Theil" 
hätte vielleicht von einem richtig schauenden Direktor bei der 
Aufführung im Wallnertheatcr schon aus dem Grunde mit den 
selben Personen besetzt werden müssen', wie „Krieg im Frieden", 
weil die Hunderttausende, die den „ersten Theil" sahen, das 
wünschten. Lebrun hat durch die falsche Besetzung muthwillig 
einen Erfolg aus der Hand gegeben. 
Eduard Pailleron's „Welt, in der man sich langweilt", hielt, 
was der Titel versprach. Der Pächter und der Bearbeiter des 
Stückes behaupteten zwar, der geringe Erfolg läge an den Wall- 
nerschauspielern, mir wollte es nicht so scheinen. Die „Gesell 
schaftlichen Pflichten" von H. Wilken und Oskar Justinus 
sielen glänzend durch, und Hennequin's und Albert Millaud's 
„Niniche", von E. Jacobson, „Ebbe und Fluth" getauft, 
schlug glänzend ein. Caprice Wegener, Bademeister Engels, Ge 
sandter Guthery — einen Ladislaus gefällig? — der blaubehoste 
Blenke und Oberkellner Meißner schufen den Erfolg. 
Das Residenztheater, unter Direktor Neumann's Leitung, 
brachte außer dem schwächlichen Köhlerschen Stücke „ein pikanter 
Roman" nichts Neues, soll aber Sardou's „Fedora", das in 
Paris durch die Darstellring der Bernhardt so überaus gefiel, für 
die nächsten Wochen vorbereiten. Auf dieser einst ersten Bühne 
gab's nichts wie Gastspiele. Barnay, Förster, Mittell, re. re. 
Mimen, die allüberall in Posen und Chemnitz, in Gotha und 
Rordhausen beim Ausgange der Saffon zu erscheinen pflegen, um 
das schwindende Theaterintcresse zu halten, traten im Beginn der 
Saison, in der besten Theaterzeit auf, weil dem Herrn Direktor die 
neuen Stücke fehlten. Ein neuer Gast Edwin Booth spielte An 
fang Januar und die Niemann-Raab c, wird für die kommenden 
Wochen erwartet. Ich frage mich oft, warum wohl Claar nicht auf 
seinem Posten geblieben ist. Wir hätten ein gutes Theater behalten 
und die Leute in Frankreich am Main wären vielleicht auch besser 
daran und hätten nicht das Deficit von hunderttausend Mark und 
darüber zu tilgen. 
Der Theater-Vermiether und. Direktor Scherenberg ver 
pachtete das Viktoria-Theater an die Meininger, an den 
Richard Wagner-Neumann, an Haase, verunglückte da-
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.