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Volume 3. Februar 1883, Nr. 19

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

Gemahl Fauteuils gestellt. Mein Schwiegervater, der Markgraf 
von Baireuth, saß neben mir, und der König amüsirte sich damit, 
ihn trunken zu machen. Nach dem Souper gingen wir in den 
Saal zurück, wo Alles zum Fackeltanze vorbereitet war," — und 
nun giebt die Erbprinzeß eine Beschreibung dieser „vieille etiquette 
allemande“. 
Nach beendetem Tanze geleitete man sie in das vordere Gemach, 
wo inzwischen ein Lager aufgeschlagen war. „Der Etiquette ge 
mäß sollte die Königin mich entkleiden; aber sie fand solcher Ehre 
mich unwerth und reichte mir nur das Hemde. Meine Schwestern 
und geleiteten mich dann in mein wirkliches Schlafgemach, wo der 
König mich niederknieen und laut das Vaterunser und das Glaubens 
bekenntniß beten hieß. — Die Königin, die inzwischen die An 
kunft des Couriers erfahren, war in Verzweiflung und mißhandelte 
alle Welt; auch mir sagte sie, bevor sie ging, noch tausend harte 
Worte. 
Ich muß gestehen, daß es um meine Heirath eine sonderbare 
Sache war. Auch 
mein Vater hatte sie 
„contre coeur“ ge 
schlossen; er hätte sie 
hindern können, und 
gegen seinen Willen 
ließ er sie zu. Mein 
Schwiegervater war 
gleich unzustieden. 
Er hatte, in der 
Hoffnung große Vor 
theile daraus zu 
ziehen, sie zugegeben 
und sah durch den 
Geiz des Königs sich 
darum betrogen; da 
bei war er eifersüch 
tig auf das Glück 
seines Sohnes. So 
sah ich mich ver 
mählt gegen die 
Neigung und doch mit Zustimmung der Hauptpersonen, die über 
mein und des Erbprinzen Geschick zu bestimmen hatten; und wenn 
ich bisweilen darüber nachdenke, kann ich trotz aller Philosophie 
nicht umhin, an eine Fügung des Schicksals zu glauben. 
Am 23. war ein Ballfest im großen Saale. Es nahmen 
700 Paare theil, und wiederum hatte man um die Reihenfolge geloost. 
Ich liebe den Tanz und nutzte die Gelegenheit. Inmitten 
eines Menuets trat Grumkow auf mich zu: „Mein Gott, Madame, 
Sie scheinen von der Tarantel gestochen. Sehen Sie denn die Fremden 
gar nicht, die so eben angekommen?" Ich hielt an und sah einen 
jungen in Grau gekleideten Mann —" und nun schildert sie ihre 
freudige Bestürzung beim Wiedersehen des so lange und schmerzlich 
vermißten Bruders. Nur schien er ihr fremd geworden im Innern 
und Aeußern. Den neuen Schwager musterte er eine Weile vom 
Kopf bis zu den Füßen, und nachdem er ihm einige kühle Höflich 
keiten gesagt, zog er sich zurück. 
Aber auch für den Kronprinzen sollten Stunden neuer Prüfungen 
kommen und wie zuvor suchte er in manchen Klagebriefen Trost. 
Noch immer war England nicht abgeneigt, eine der englischen 
Prinzessinnen ihm zu vermählen. Von Grumkow und Seckendorf 
beeinflußt aber hatte der König in einer Nichte des Kaisers schon 
eine andere Wahl für ihn getroffen?) 
*) Der mitwirkenden politischen Abneigung gegen die englischen 
Heirathen auf Seiten des Königs, seines Widerstrebens gegen eine Ab- 
„Man will mich zwingen Küstrin zu verlassen," schreibt Friedrich 
j der Schwester, „um mich mit der Prinzeß von Bevern, die ich 
nicht kenne, zu verheirathen. Alan hat mir mühsam ein Ja abge 
rungen"; und an Grumkow schrieb er in der ersten Aufregung: 
„Der König bedenke doch, daß er mich nicht um seinetwillen 
tausendfachen Verdruß bereiten müßte, zwei Personen um sich zu 
sehen, die einander hassen .... Ein Pistolenschuß kann mich von 
meinen Leiden befreien, und ich glaube ein gütiger Gott würde 
mich drum nicht verdammen." 
Aber wie so oft, legten sich auch jetzt die stürmischen Wellen; 
und schon am 6. März schrieb er der Schwester: „Nächsten Montag 
erfolgt meine Verlobung, die genau so sein wird, wie die deine 
war. Die Person ist weder schön noch häßlich; auch fehlt es ihr 
nicht an Verstand, nur ist sie sehr schlecht erzogen, trägt sich schlecht, 
ist blöde und weiß sich nicht zu benehmen. Ihr größtes Verdienst 
ist, daß ich ihr die Freiheit verdanke. Dir zu schreiben". „Ich 
Haffe die Prinzessin nicht," äußert er ein ander Mal „wie ich mir den 
Anschein gebe; ich 
stelle mich nur, als 
könne ich sie nicht 
leiden, um meinen 
Gehorsam werth 
voller erscheinen zu 
lassen." 
Auch die Köni 
gin fand an der 
aufgezwungenen 
Schwiegertochter 
keinen Gefallen; und 
von ihrer Tochter 
Charlotte unterstützt, 
ließ sie es selbst bei 
Tafel in Gegenwatt 
der Dienerschaft und 
des Kronprinzen an 
der spöttischsten Kri 
tik über sie nicht 
fehlen. 
Am 10. März fand die Verlobung statt; und als sie eben 
proklamirt war, kam von Oesterreich, wo man plötzlich gute Gründe 
haben mochte, sich dem englischen Hofe gefällig zu zeigen, die 
Weisung an Seckendorff: die Vermählung — zu Gunsten einer 
englischen Heirath — nicht zu Stande kommen zu lassen. 
Der König, erstaunt und entrüstet über eine solche politische 
Doppelzüngigkeit, blieb fest. 
Am 12. Juni fand in Salzdahlum, einem Lustschlosse des 
Herzogs von Braunschweig, Großvaters der Braut, die kirchliche 
Einsegnung des jungen Paares statt. Aber es war ein freudloses Fest. 
Am 24. Juni kam der ganze Braunschweigische Hof nach 
Berlin, der jungen Gattin das Geleit in die neue Heimath zu 
geben. Der König ritt mit großem Gefolge den Gästen entgegen. 
Die Königin und die königl. Prinzessinnen empfingen sie auf der 
Schloßrampe. 
Wilhelmine läßt der äußeren Erscheinung der neuen Schwägerin, 
ihrem blendend weißen Teint, ihren niedlichen, wenn auch unbe- 
deuteirden Zügen alle Gerechtigkeit widerfahren; nur meint sie, . 
trotz ihrer Größe könne man ihren Kopf für den eines 12 jährigen 
Kindes halten. „Der König," fährt sie sott, geleitete sic nach der 
üblichen Begrüßung in die Gemächer der Königin; und da sie 
hängigkeit von England, das die Heirathen an die Forderung einer 
politischen Allianz unter gewissen Bedingungen knüpfte, zu erwähnen, lag 
außerhalb des Gebietes, das die Verfasserin hier im Auge hatte. 
D. R. 
Graf von der Mark. 
Figur vom Denkmal in der Dorotheenstädtischen Kirche. (Nach Schadow.) S. Seite 235.
	        
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