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Periodical volume 3. Februar 1883, Nr. 19

Full text: Der Bär Issue 9.1883

unter einem derselben wohnte der Dorsschncider, Hans Schadow 
mit Namen, der, trotzdem er schon in die Jahre ging und viel 
Anhang und Vetterschaft im Dorf hatte, doch noch immer ledigen 
Standes war. Als ihm aber endlich das Alleinsein nicht länger 
gefallen wollte, gefiel ihm auch Saalow selbst nicht mehr und er 
gab es aus, um zunächst nach dem benachbarten Zossen und dann 
von dort nach Berlin zu ziehen. 
Da fand er, was er suchte, verheirathete sich gerade im 
Winter 63, wo der Krieg auf die Neige ging, und nahm eine 
kleine Wohnung in der Lindenstraße*), nicht weit vom Halleschen 
Thore. 
Sieben Jahre sind seitdem vergangen und wir treten in die 
Werkstatt des ehemalig Saalow'schen und nunmehr Berlinischen 
Schneidermeisters. An dem Zu 
schneidetische steht ein knochiger und 
breitschultriger Mann, dessen Figur 
eher an Hammer und Ambos, als 
an Nadel und Scheere gemahnt, und 
blickt auf das vor ihm ausgerollte 
Stück Tuch. Er hält zugleich auch 
ein Stück Kreide zwischen Daumen 
und Zeigefinger, und wie ein Bau 
meister, der seinen Plan entwirft 
und die Distanzen absteckt, tupft er 
bald hierhin bald dorthin aus das 
ausgerollte Tuchstück, mustert die 
Weißen Tüpfelchen und zieht dann, 
zwischen eben diesen Punkten, die 
geraden und die geschweiften Linien, 
je nachdem es Schooß oder Rücken 
stück erfordert. Ringsum völlige 
Stille; der Zeisig im Bauer singt 
Weder, noch springt er auf den 
Sprossen auf und ab, selbst die 
Fliegen gönnen sich Ruh und nur 
aus dem halbdunklen Ofenwinkel 
hervor klingt es und schrammt es 
leise, wie wenn Jemand geschäftig 
mit einem Griffel über die Schiefer 
tafel fährt. 
Und dem ist auch so. Auf der 
niedrigen Ofenbank hockt ein sechs 
jähriger Blondkopf und die beiden 
Bücher wie ein schräges Pult vor 
sich, tupft er, ganz nach Art des 
Vaters, allerhand Tüpfelchen aus 
die Tafel und zieht dann zwischen 
den Punkten die geraden und die 
geschweiften Linien. 
Plötzlich klingt es „Gottfried!" vom Arbeitstische her, das 
Klappern eines Deckelkruges begleitet den strengen Ruf des Vaters, 
und Gottfried springt auf und nimmt den Krug, den ihm der 
Vater entgegenhält. 
Das war im Sommer 1770. 
Und siehe da, rasch wechseln Zeit und Ort: statt der 70 er 
Jahre des vorigen, liegen die 40er Jahre dieses Jahrhunderts 
vor uns und statt in die kleine Schneiderstube blicken wir in den 
Aktsaal der Berliner Akademie. 
Die Schüler sind bereits versammelt uud jedes Einzelnen 
*) Ich folge hier dem prächtigen Schadowkapitel Theodor Fon 
tanes, das dieser in seinen „Wanderungen" schrieb. 
Ernst und Aufmerksamkeit ist eine gesteigerte, denn der „Alte" ist 
eben eingetreten, um nach dem Rechten zu sehen. Dieser Alte ist 
ein Achtziger schon, aber immer noch ein Mann aus dem Vollen, 
schreitet langsam von Platz zu Platz und nur dann und wann 
bleibt er stehen, und blickt musternd über die Schulter des Zeich 
nenden. „Det is jut" sagte er dem Einen und klopft ihm, als 
Zeichen der Anerkennung, mit seiner mächtigen Hand auf den Kopf. 
„Det is nischt," sagt er zu dem Andern und geht weiter. Ein 
Dritter müht sich eben den Umriß einer menschlichen Figur auf 
dem Papier festzuhalten, aber die Linien sind nicht sicher gezogen 
und die Proportionen sind falsch. Der Alte heißt ihn aufstehen, 
nimmt seinerseits Platz auf dem leer gewordenen Stuhl und sagt 
dann lakonisch: „Nu paff uff. Ich mach' det so." Dabei nimmt 
er des Schülers Kreidestift, tupft Punkte mit fester Hand auf das 
Zeichenpapier, und während er diese 
Punkte mittelst sicher gezogener 
Linien unter einander verbindet, 
brummt er vor sich hin: „Det hab 
ich von meinem Vater. Der 
war'n Schneider." 
Gottfried Schadow, der 
Schneidersohn, ist Gottftied Scha 
dow, der Berliner Akademiedirektor 
geworden, ein berühmter Mann, ein 
Name, der Klang hat von einem 
Ende Europa's bis zum andern. 
Derselbe Gottfried, der dienstfertig 
aufsprang, wenn der strenge Vater 
mit dem Deckelglase klappte, derselbe 
Gottftied ist jetzt seinerseits ein 
strenger Hausherr geworden, vielleicht 
nicht strenger als der Vater, aber 
mächtiger und gefürchteter. Sein 
Haus ist die Akademie, darin waltet 
er als König und Herr. Die Zeiten, 
wo er Beispiele statuiren mußte, 
liegen hinter ihm und nach Art eines 
alt und milde gewordenen Auto 
kraten spielt er nur noch mit dem 
Zügel seiner Herrschaft. Aller Ab 
zeichen seiner Würde, jedes repräsen 
tativen Flitters hat er sich längst 
entkleidet; er regiert durch sich selbst, 
kraft seiner Kraft. Ob das Sacktuch, 
das er aus seinem taschenreichcn Rock 
zieht, von Kattun ist oder von Seide; 
ob er riesige Filzschuhe trägt oder 
kalblederne Stiefel (in die, der Ballen 
halber, immer große Löcher ge 
schnitten sind) ob er hochdeutsch spricht oder in einem Berliner Platt 
— es kümmert ihn nicht und kümmert Andere nicht, denn weder 
er noch Andere vergessen es, daß er „der alte Schadow" ist. 
Sein Wille ist Gesetz; seine Laune nicht minder. 
Ein Zwiespalt ging durch sein Leben: Griechenthum uud 
Märkerthum hielten sich das Gleichgewicht oder verbanden sich zu 
einem wunderbar humoristischen Gemisch. Wenn er in den Saal 
tapste oder das Taschentuch zog, war er ganz der Sohn seines 
Vaters aus Dorf Saalow; wenn er den Stift in die Hand 
nahm, war er das Kind einer glücklicheren Zone. Mark Branden 
burg und Athen erschienen abwechselnd als seine Heimath. Sein 
Körper und seine Seele lebten mit einander wie Venus und Vul 
kan. Diese Zwiespältigkeit wurde zuletzt sein Stolz, und er machte 
das beste daraus, was sich daraus machen ließ, ein Original. 
Kronprinzrß Louise und ihre Schwester Friederike. 
(Nach Schadow.l S. Seite 233.
        
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