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Periodical volume 3. Februar 1883, Nr. 19

Full text: Der Bär Issue 9.1883

schreckliche Stimme zum Schweigen brachte. Dann preßte er 
die Hand an die Stirn und versuchte sich selbst zu verlachen, 
sich einen Narren zu schelten — doch es gelang ihm nicht- 
Endlich neigte der Todesengel die Fackel, und der Kauf 
mann Rudolf Entlein schwieg für immer. 
Frau Armgard, Dora und Hellmuth umstanden das Lager 
des Sterbenden, dessen Athemzüge leiser und leiser wurden, 
bis der letzte Seufzer verhallte. Als alles vorüber war, sank 
Dora in Hellmuths Arme; er trug sie hinaus und bettete sie 
in der Nebenstube auf das Sopha. Als sie die Augen wieder 
aufschlug, sah sie in sein schönes ernstes Gesicht, das sich über 
sie beugte. In leidenschaftliches Schluchzen ausbrechend, um 
schlang sie ihn, wie eine scheue Taube an seiner Brust sich 
bergend. 
Der Vater todt! O, du weißt nicht, was er mir gewesen 
ist; keiner weiß es — nun habe ich nur noch dich, dich allein, 
bn mußt mir alles sein! klagte sie- 
Und deine Mutter? fragte er- 
Sie antwortete nicht, doch als Frau Armgard jetzt still 
weinend hereintrat, schlang Dora die Arme um ihren Hals 
und sagte leise: Mutter, du mußt Hellmuth lieben — wie 
sollen wir sonst ohne den Vater mit einander leben! 
Dönneritz erwies sich den Frauen als wahre Stütze und 
that, was ein liebender Sohn und Bräutigam in solcher Lage 
thun muß. Ihm selbst gereichte es zur Hülfe, wenigstens die 
äußeren traurigen Geschäfte seiner Schwiegermutter abnehmen 
zu können; es zerstreute ihn und zog ihn von den quälenden 
Gedanken ab, die ihn erfüllten. Frau Entlein war still und 
gefaßt, nur ihr bleiches, kummervolles Gesicht verrieth ihr 
Leid; Dora dagegen, ein Neuling iin Schmerz, gab sich dem 
leidenschaftlichen Gram hin und wankte durch die Zimmer, so 
elend, blaß und angegriffen, daß man ernstlich um ihre Ge 
sundheit besorgt werden mußte- Hellmuth gewahrte plötzlich 
Tiefen in dem Gemüthsleben der Braut, die er nie geahnt 
und die seine Unruhe noch vermehrten- Er hatte Dora für 
ziemlich passiv und indifferent gehalten; jetzt stiegen in ihm 
Zweifel auf, ob er sie richtig beurtheilt. Jedenfalls war sie 
nur in geistiger Beziehung unbedeutend. 
Gleich nach Weihnachten sollte das Testainent eröffnet wer 
den. Hellmuth sah in fieberhafter Spannung dem Tage ent 
gegen. Seit das Begräbniß vorüber war, hatten seine Ge 
danken sich von neuem ganz auf die eigenen Angelegenheiten 
und die Folge», welche des Eommerzienraths Tod für diesel 
ben haben könnte, gerichtet. Die achtundvierzigtausend Thaler, 
die er innerhalb eines halben Jahres zu zahlen hatte, standen 
wie ein Schreckgespenst vor ihm. Er hatte einst gemeint, wenn 
er erst vcrheirathet sei, müsse der Vater die Schuld wohl oder 
übel tilgen. Nun war dieser todt, seine Braut nicht mündig! 
Hoffentlich aber ward Dora für volljährig erklärt und ihr 
Vermögen ging in seinen Besitz über, sobald sie seine Gattin 
war. Ja, so mußte es geschehen! Er konnte dann die Sache 
ohne Wissen der beiden Frauen in Ordnung bringen und 
Niemand hatte sich darum zu kümmern, wie er Doras Ver- 
mögen verwaltete. Er spiegelte sich diese Lösung der Frage 
so oft vor, daß er schließlich sicher daran glaubte. Warum 
sollte sich ihm das Schicksal nicht gütig erweisen, nachdem er 
schon so viele Unannehmlichkeiten gehabt, ein so großes Opfer 
hatte bringen müssen! 
Doras Arm in dem feinen haltend, wohnte er der Er 
öffnung des Testamentes bei. Als das verhängnißvolle Siegel 
sich von dem Document löste, pochte sein Herz heftig und er 
erschien sich lute ein Verbrecher, der seines Urtheilsspruches 
harrt. O, wenn nun alles anders kam, als er erwartet? 
Und es kam anders. Der Verstorbene setzte in seinem 
in den ersten Tagen der Krankheit verfaßten Testament einige 
Legate aus, bedachte wohlthätige Stiftungen und hinterließ 
übrigens sein ganzes großes Vermögen seiner Gattin zu unbe 
schränktem Nießbrauch. Sie wurde zur alleinigen Vormünderin 
ihrer Tochter bestellt, der voin Tage der Heirath ab eine 
jährliche Rente von dreitausend Thalern gezahlt werden sollte. 
Erst nach dem Tode der Mutter sollte Dora in den Besitz 
des Vermögens gelangen, bei dessen Verwaltung ein Freund 
des Verstorbenen gegen ein Jahresgehalt der Commerzienräthin 
zur Seite zu stehen gebeten ward. 
Hellmuth war bei der Verlesung dieser Bestimmungen 
tödtlich erbleicht, während Dora ruhig, fast gleichgültig zu 
hörte. Ihrem Interesse lagen diese Angelegenheiten so fern! 
Wenn sie die Mittel besaß, den Geliebten zu heirathen, war 
sie zufrieden, und dreitausend Thaler erschienen ihr überreich 
lich. Ihr wars sogar lieb, daß sie nicht allzu reich ward, so 
konnte Hellmuth der Mutter beweisen, daß ihm das Geld 
gleichgültig sei wie ihr. 
Frau Armgard war der Eindruck indessen nicht entgan 
gen, den ihres Gatten letzter Wille auf ihren Schwiegersohn 
hervorgebracht, und dieser fühlte wiederum, daß ihre stillen 
Augen in seinem Innern lasen. Sein Trotz regte sich, das 
Blut wallte heiß in seine Stirn zurück und mit herausfordernd 
stolzer Miene begegnete er dem forschenden Blick der Mutter- 
Willst du mir jetzt mein Kind wiedergeben? Du siehst, ich 
durchkreuze deine Pläne, ich überivache dich, du bist machtlos, 
abhängig von mir, so las er in ihrem Antlitz, und nein und 
tausendmal nein! antwortete jeder Zug seines Gesichts. Sie 
verstanden sich ohne Worte. 
Hellmuth hatte schon so weit Komödie spielen gelernt, daß 
er den Tag über nichts von seinen Gefühlen verrieth. Er 
that, als ginge ihn das Testament gar nichts au, erwähnte 
indessen, wie reichlich ein junges Paar mit der Dora ausge 
setzten Summe leben könne. Er war gesprächig und heiter 
und las den Frauen vor. Es bereitete ihm einen heimlichen 
Triumph, daß die Mutter, ein paar Mal ihn still betrachtend, 
den Kopf schüttelte, als verstehe sie ihn nicht. Fühlte sie, daß 
er doch der Stärkere war? Erst als er Abends das Entlein- 
sche Haus verließ, durfte er sich nachgeben. Ein paar Stun 
den irrte er in der kalten stillen Wintermondnacht durch die 
Straßen und suchte sich klar zu machen, was nun geschehen 
solle. Und noch einmal ergriff ihn der mächtige Wunsch, 
hinter sich zu werfen den ganzen Handel — wieder frei zu 
sein, los und ledig aller dieser bedrückenden und schmählichen 
Bande — doch alsbald schämte er sich dieser Regung. Er 
hatte sich auf Ehrenwort für die Kameraden verpflichtet; er 
durste nicht, nachdem er die eigene Schuld getilgt, sie im Stich 
lassen. Und Dora? Nein, zu spät! Es würde ihr Tod sein, 
wenn er das Verlöbniß bräche, wie es die Mutter zu wünschen 
schien. Wie aber konnte diese das wünschen? Was that er, 
ihren Argwohn zu erregen, der ihn im Innersten kränkte und 
empörte? Hatte er sich nicht stets wie ein liebevoller Sohn 
gegen sie benommen, und nun, statt ihm dafür zu danken, 
entriß sie ihm das Vermögen, das von Rechtswegen ihm zu-
        
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