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Periodical volume 7. Oktober 1882, Nr. 2

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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Redefluß, „Sie erwarteten heute einen Freund aus Flins- 
berg in der Hütte." „Ja", meinte unser Freund, „er ist 
aber nicht gekommen, und um den Tag nicht zu verlieren, 
bin ich gleich weiter nach der Koppe gewandert!" Ich mußte 
unwillkürlich meinen Nachbar ansehen, kam er heute Morgen 
um Vs 6 Uhr schon von dem Rendezvous zurück? Er sah 
mich auch an und lächelte dabei so schalkhaft, daß ich schwieg 
und eine Bemerkung, die mir auf den Lippen schwebte, ver 
schluckte. Mir war es gleich, weshalb er hierhergekommen 
war; mir war's genug, daß er hier ivar. Der Onkel ging 
nach Tante Agathe sehen und vertraute mich indessen dein 
Schutze unseres Freundes an. „Haben Sie mich heute 
Morgen erkannt, Fräulein Alice?" fragte mein Beschützer, 
als wir allein waren. „Gewiß, kamen Sie da schon aus 
der Hütte?" forschte ich. „Rein," sagte mein Freund ganz 
aufrichtig, „als Sie mir gestern Abend erzählten. Sie ivürden 
heute auf die Koppe, fiel mir ein, daß diese Reiseroute 
eigentlich am richtigsten sei und wechselte auch meinen Cours." 
„Und Ihr Flinsbergcr Freund?" fragte ich. „Der wird sich 
auch ohne mich die Josephinenhütte ansehen!" meinte mein 
Nachbar. 
Der Onkel kam zurück, die Tante schlief; der Koppen- 
wirth trat hinzu, unser Freund wollte auch ein Nachtquartier; 
da kein Plätzchen mehr frei war, machte mein Onkel den 
Borschlag, die beiden Herren sollten zusammen wohnen und 
ich sollte zur Tante quartiert werden. Nach langem Strällben 
mußte unser Bekannter sich fügen, um so mehr, da er bei der 
inzwischen eingetretenen Dunkelheit und bei dem heftigen Sturm, 
der noch immer tobte, nicht weiter gehen konnte. 
Biele Herren und Damen waren herausgegangen, um 
das Jagen der Wolken zu beobachten, die umden Koppenkegcl I 
brauten, ich hätte es gern auch gesehen, aber der Onkel 
leidet zu sehr an Rheumatismus, um sich einer solcher 
Erkältung aussetzen zu dürfen; unser Freund bat daher den 
Onkel, mich ihm anzuvertrauen und ich ging fest in meinen 
Mantel gehüllt an seinein Arm hinaus in die Sturmnacht. 
Clärchen, Du hast keine Ahnung, wie schön das Natur 
schauspiel war. Der Mond stand bleich und von jagenden 
Wolken fortwährend verdunkelt über uns, zu unserm Füßen 
jagten dunkle Wolkenschichtcn und wenn auf Sekundeir 
das Licht des Mondes wirken konnte, sah man im Thal 
friedlich schlummernde Dörfer. Wir standen lange stumm 
neben einander, ich hielt mich fest an seiner Kraft, er wairktc 
nicht einen Augenblick bei dem heftigsten Sturme. — „Wie 
klein man sich fühlt, solcher Macht und Größe gegenüber!" 
unterbrach ich das Schweigen. „Es ist ja des Weibes Be 
stimmung, sich festzuhalten an dem Stärkeren und je schwächer 
sich das Weib fühlt, je weiblicher und licbenswcrthcr ist es!" 
erwiderte mein Beschützer und dann schwiegen wir wieder. 
Wir mochten wohl lange dem Wolkcnspiel zugesehen haben, 
denn plötzlich bemerkten wir, daß wir nur noch allein draußen 
waren. Mein Schirmherr zog meinen Arm fester durch den 
seinen, und wir traten ivieder ins Haus zurück. — Die laute 
Gesellschaft im Saal hatte gemeinsame Spiele unternommen, 
wir gingen wieder in das Lesezimmer und fanden dort den 
Onkel mit einem älteren Ehepaare, das sich aus dem lauten 
Treiben nebenan hier in die Stille geflüchtet hatte; mein 
Begleiter und ich setzten uns ans Fe»stcr und blickten hinaus 
in die Sturmnacht. Da rief der Onkel plötzlich: „Alice, singe 
uns ein Liedchen, da steht ja ein Pianino," Obgleich mir 
nicht so ums Herz war, daß ich gern singen mochte, durfte 
ich doch des Onkels Wunsch nicht unerfüllt lassen, ich griff 
einige Akkorde und sang das hübsche Volkslied „Hinaus, ach 
hinaus zog des Hochlands kühner Sohn". — Fast wäre ich 
nicht sicher zu Ende gekonuncn, denn mein Ritter von vorhin 
saß mir gegenüber in der Fensternische und sah mich unver 
wandt an, ich war so verwirrt, daß ich mit zitternder Stimme 
den Schluß „nie kehrt er mehr zurück" nur hauchte. Als 
ich geendet, sagten mir die Fremden viel Schmeichelhaftes 
über meine Stimme, auch der Onkel lobte niich, nur „er" 
sagte kein Wort, ich nahm es ihm ordentlich übel, aber er 
hat gewiß in Breslau so viel besseren Gesang gehört, daß 
ihm meine gesangliche Leistung zu gering erschien; ich schämte 
mich beinahe, daß ich überhaupt gesungen hatte und nahm 
mir vor, gegen den „freinden Herrn", ich kannte ihn ja erst seit 
gestem, fremder zu thun. 
Ich hatte gehofft, vorhin bei der Vorstellung den Namen 
zu erfahren, aber vergebens; der Onkel übernahm dieselbe 
und er hatte gestern ebenfalls den Namen nicht recht ver 
standen, denn er verschluckte ihn ins Unverständliche; nur 
im Laufe des Gesprächs, das unser Freund, oder vielmehr 
der „Fremde" mit dem alten Herrn, einem Professor Biber 
aus Breslau führte, erfuhr ich, daß er Assessor sei und sich 
zum Landrath vorbereite. — 
Es war mittlerweile 10 Uhr geworden und wir wollten 
uns zur Ruhe begeben, der Onkel und Bibers traten ans Fenster, 
um zu sehen, was für Aussichten für morgen seien, da setzte sich 
der Assessor ans Instrument, präludirte und sang den Refrain: 
„Gute Nacht, Du mein herziges Kind"; ich stand wie gebannt, 
dasselbe Lied, von derselben schönen Baritonstimme hatte ich 
gestern schon gehört, ich sah den Sänger ganz erstaunt und 
fragend an, und er lächelte und verschloß das Instrument. — 
Wir gingen zur Ruhe und im Traume stand ich immer im 
Sturme auf der Koppe und er beschützte mich, er hielt mich 
fest, daß der Sturm mich nicht hinunter jagte und sang dabei 
„gute Nacht, Du mein herziges Kind!" Als ich am andern 
Morgen erwachte, war es schon spät und die Tante meinte, 
ich hätte so unnihig geschlafen, hätte gesprochen, gestöhnt, ja 
sogar gesungen, mich habe der weite Weg, der Sturm, das lange 
Aufbleiben zu sehr aufgeregt, der Onkel übertreibe Alles. 
Ich kannte diese Stimmung bei der Tante, ihre Nerven 
machten sich wieder geltenb und ich zitterte, was nun der heutige 
Tag noch bringen würde; am besten ist es, bei solchen Ge 
legenheiten nicht zu widersprechen, ich hüllte mich also in 
dumpfes Schweigen und beeilte mich so sehr als möglich, um 
,nit der Toilette fertig zu werden. Die Tante hatte indessen 
das Bedürfniß, ihrem Herzen Luft zu machen, es war mir 
schließlich auch lieber, sie ergoß den Unmuthskclch hier oben 
über mich, als nachher beim Frühstück, wo wir vielleicht nicht 
allein waren. „Du wirst Dich krank machen, ehe Du Deine 
Stellung antrittst, Alice, und Frau v. Erlenroth wird statt 
an Dir eine Pflegerin zu haben. Dich pflegen müssen, was 
ihr wahrscheinlich nicht allzulange behagen wird!" Ich war 
aus allen Himmeln gerissen, wie wir's in der Pension nannten, 
die Erinnerung an meine „Stellung", ich hatte ja lange nicht 
mehr daran gedacht, und dam: meine zukünfttge Herrin krank, 
vielleicht auch nervös, ich Krankenpflegerin, ach Gott, ich 
wußte gar nicht, wo ich anfangen sollte zu denken! Unter-
        
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