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Periodical volume 27. Januar 1883, Nr. 18

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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auseinander; den Befehlen des ersteren setzte die letztere offen und ! 
heimlich manche Beeinflussung entgegen. Seckendorff und Grum- 
kow, die Räthe und Günstlinge des Königs, schürten in öster 
reichischen Interessen und, den eigenen unlauteren Zielen folgend, 
oft genug den Familienzwist. An Zwischenträgern aller Art fehlte 
es nicht, und die „Letti", Wilhelminens früheste Gouvernante, 
stand gänzlich im Dienste der Anhaltischen Partei und in des 
Königs vertrautester Gunst. 
' Von den unglaublich vielen trüben Stunden, von denen 
Prinzeß Wilhelmine eigenhändig uns berichtet, von den körper- [ 
lichen Mißhandlungen, die sie von Vater und Mutter, ja selbst 
von der „Letti" vielfach erduldet, von jenen beängstigenden Tagen, 
da sie, bei den endlos für sie auftauchenden, wechselnden Heiraths- 
plänen, nicht gewußt, ob sie zum Vater oder zur Mutter sich 
halten durfte, — von diesen berichten ihre Memoiren zur Genüge. 
Schon zur Zeit, als sie fast noch ein Kind war, und der 
König einen Sohn erst hatte, einen zarten schwächlichen Knaben, 
auf den, wie auf weitere männliche Erben, wenig zu rechnen schien, 
schon damals drängte der Prinz von Anhalt, daß Wilhelmine, 
als die älteste Prinzeß, ihrem Vetter, dem Markgrafen Friedrich 
Wilhelm von Schwedt, als dem demnächst muthmaßlichen 
Thronerben, verlobt werde. 
Friedrich Wilhelm, der tolle Schwedter Markgraf, War früh 
verwaist, als ein Enkel des Großen Kurfürsten und der schon er- 
wähnten Dorothea, seiner zweiten Gemahlin, von seinem könig 
lichen Vetter und Vormund ganz in dessen Sinne erzogen. — 
Ihre eignen Söhne, wenigstens als kleine souveräne Fürsten zu 
sehen, hatte Dorothea, nachdem alle ihre Testamentsumtriebe ge 
scheitert, aus eignen Mitteln die Herrschaften Schwedt und Wilden 
bruch für sie erworben; dieselben, in denen ihre Nachkommen ein 
kurzes Jahrhundert in so seltsamer Weise herrschen und die nach 
langjährigem Prozeß zwischen Fiskus und Krone vor wenig Jahren 
erst in den persönlichen Besitz unseres Kaisers zurückfallen sollten. 
Markgraf Philipp, Dorotheens ältester Sohn, war gestorben, 
Friedrich Wilhelm war sein ältester Sohn und Erbe. So viele 
Beziehungen die „Letti" nun auch zwischen ihrer Pflegebefohlenen 
und dem Markgrafen anzuknüpfen sich bemühte, der Prinzeß 
widerstrebte er. Williger schon fügte sie sich den Wünschen der 
Mutter, die, als englische Prinzeß, für ihre ältesten Kinder eine 
Doppclheirath mit dem englischen Königshause plante. Unzählig 
waren die offenen und heimlichen Briefe, die hin und wider gingen, 
die Intriguen, die gesponnen, die unerlaubtesten Beeinflussungen 
und Drohungen, die gegen die junge Prinzeß versucht wurden. 
Der König, durch das geringe Entgegenkommen Englands 
verletzt und der halben Versprechungen des englischen Gesandten, 
Lord Hothams, müde, — wurde den Heirathsplänen der Gattin 
immer feindlicher gesinnt. Verdrossen und körperlich leidend, von 
Franke, den er als Gast an seinen Hof berufen, in allerlei Pie 
tistischen Regungen bestärkt, trug er sich kurze Zeit gar mit dem 
Plane einer freiwilligen Abdankung. Sohn und Tochter hatten 
unter seinen Verstimmungen endlos zu leiden. 
Des Kronprinzen Flucht und Gefangennahme trieben die 
Familienmißhelligkeiten endlich auf die Spitze. 
Wilhelminen, vom Vater ebenfalls in strengster Stubenhaft 
gehalten, von der Mutter heimlich zu stetem Widerstände aufgereizt, 
ward durch Eversmann, des Vaters treuen Kammerdiener, endlich 
der gemessene Befehl vermittelt, allen anderen Heirathsgedankcn 
zu entsagen und zwischen dem Markgrafen von Schwedt, dem 
Prinzen von Sachsen-Weißenfels und dem Erbprinzen Friedrich 
von Baircuth eine schnelle Wahl zu treffen. Leidend, wie sic 
war, drangen des Königs Voten, Seckendorff, Grumkow, einige 
ihm ergebene Hofdamen und vor allem der genannte Eversmann, 
der zu willig allzeit nur des Gebieters unliebsame Botschaften 
seiner Familie verinittelte, sogar bis an ihr Bett vor. 
An den übertriebenste» Rapporten fehlte es nicht. Bald hieß 
es, dem Prinzen von Weißenfels sei sie schon fast bestimmt; dann 
wieder ward ihr mit des Königs ewiger Ungnade und lebens 
länglicher Haft gedroht. Das Gefährt, das sie fortschaffen solle, 
hieß es, sei schon beordert, und Frau von Sonsfeld, die einzige 
Dame, die treu bei ihr ausgehalten und es redlich mit ihr gemeint, 
solle, zur Strafe für ihres Pfleglings Ungehorsam, durch die 
Straßen gepeitscht werden. 
Im Falle willigen Gehorsams aber ward der Prinzeß Gnade 
und Freiheit für sich und den geliebten Bruder verheißen. 
Schwankend wohl zwischen des Vaters Gunst und der Aiutter 
Zorn, geängstigt von der wochenlangen einsamen Hast und der jahre 
langen Bedrückung, kärglich genährt und körperlich leidend hatte 
das junge Wesen kaum mehr eine Wahl zu treffen. 
Des zwecklosen Kampfes müde, entschloß sie in dumpfem Ge 
horsam sich für den Erbprinzen von Baireuth, nur, weil — sie 
ihn nicht kannte. 
Noch am gleichen Abende war ihr von der Mutter ein heim 
licher Brief überbracht, der des Vaters Drohungen bestätigte: „Es 
ist Alles verloren," schloß er, „aber im Namen Gottes willige 
in Nichts. Ich werde Dich zu unterstützen wissen. Eversmann 
ist beauftragt, die Einkäufe für Deine Hochzeit zu machen. Aber 
ein Gefängniß ist besser, als eine schlechte Heirath. — Ich hoffe 
Alles von Deiner Festigkeit." 
Ein demüthig abbittender Brief theilte der Königin der Tochter 
Entschließung mit, und daß sie, „dem Familiensriedcn ihr Glück 
zum Opfer gebracht". 
Der Mutter Antwort strömte über vonZorn und Verwünschungen. 
Auch die Zusammenkunft, zu der der Vater, zum ersten Male nach 
langer Zeit, sie mit den Schwestern besohlen, war keine beglückende. 
„Gratulire Deiner Schwester," wandte er sich an seine jüngere 
j Tochter Sophie, „sie ist dem Erbprinzen von Baireuth verlobt. 
Laß Dich's nicht kümmern, für Dich werde ich eine andere Unter 
kunft zu finden wiffen". Und in der That, kaum ein Jahr später 
hatte er sie, — ohne ihr irgend welche Freiheit der Wahl zu 
lassen, — seinem geliebten Mündel zu Schwedt verlobt. 
Das erste Wiedersehen mit der Mutter war für Wilhelmine 
noch drückender. Die Königin wußte vor Unwillen über die Rach- 
giebigkeit der Tochter sich kaum zu beherrschen. Sie und ihre 
getreue Sonsfeld hatten schmerzlich darunter zu leiden. 
Am 27. Mai kam, Mutter und Tochter gleich unerwartet, 
der Erbprinz von Baircuth in den Schloßhof gefahren, als sie sich 
eben zur Tafel setzen wollten. Erst am nächsten Tage, als der 
König auch seine Damen zu einer Truppenrevuc befohlen hatte, 
ward ihnen seine persönliche Bekanntschaft. 
Die Königin hatte kein gutes Wort für ihn, und auch Prinzeß 
Wilhelmine wagte ihm nur eine steife wortlose Verbeugung zu 
machen, obgleich seine offenen Züge und seine freundlich verbindliche 
Weise ihr wohl gefielen. 
Am 31. dann beschied der König Gemahlin und Tochter in 
sein Kabinct, ihnen mitzutheilen, daß für den nächsten Tag die 
öffentliche Verlobung festgesetzt sei. Auch der Königin verhieß er 
eine Wiederkehr seiner vollen Gunst, wenn sie zur Tochter und 
dem ihr bestimmten Verlobten gut sei. „Der Teufel aber soll Euch 
holen," schloß er, „wenn ich sonst Deinen boshaften Streichen 
(tracasseries) nicht ein Ende setze und mich blutig räche." — 
(Schluß folgt.) 
Zur silbernen HnchMsfeicr unseres Äronpruytnpnares. 
(Mit den Portraits Seite 217.) 
An diesem Tage vor fünfundzwanzig Jahren schwuren sich 
zwei Herzen ewige Treue; am 25. Januar 1858 vereinigte das 
Band der Ehe den künftigen Erben der deutschen Kaiserkrone mit
        
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