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Volume 20. Januar 1883, Nr. 17

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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bei den Rittern selbst schon mit Lösung der Aufgabe, der Eroberung 
des Landes, der Eifer erkaltet, so schwand nach der unglücklichen 
Schlacht bei Tannenberg (1410) der kriegerische Sinn auch beim 
Volke. Zwiespalt im Innern und Bedrückung des Landes nährte 
die Unzufriedenheit und um die Mitte des 15. Jahrhunderts suchte 
offene Auflehnung gegen die Ordensoberherren bei Polen die nur 
zu gern gewährte Anlehnung. Um diese Zeit ist auch die Ent 
stehung der Leibeigenschaft zu setzen, als die Anmaßung und der 
Uebermuth der Ritter Recht und Gesetz in Frage stellte. Die 
Folgen blieben nicht aus, die Landesfolge erwies sich hinfort un 
zureichend und immer ausgedehntere Werbungen mußten Ersatz 
schaffen. Zwar gewannen die zahlreichen Söldnerschaaren bei 
Konitz den Sieg über die Polen, dennoch wurde der Orden seiner 
mächtigsten Stütze beraubt, als er den aufrührerischen Mieths- 
truppen statt des Soldes Marienburg und die Schlösser Hinter 
pommerns versetzen mußte. Der König von Polen ließ das Pfand 
durch das reiche Danzig einlösen und gewann so trotz des Waffen 
unglücks dennoch den Preis. Bei allem Unglück blieb die Wehr 
kraft des Landes noch immer bedeutend. Nachdem die geänderte 
Kriegssührung viele der Rossedienste zu Fußdiensten gewandelt, 
beliefen sich die Streitkräfte des Ordens zu Anfang des 16. Jahr 
hunderts auf 2 172 Reiter und 17 500 Mann Fußvolk. 
Ganz neue Verhältnisse führte die Erhebung des Landes zum 
weltlichen Herzogthum (1525) und der dauernde Friede im 
16. Jahrhundert mit sich. Die immer unliebsamer gewordene per 
sönliche Leistung im Kriegsfälle verwandelte sich allmählich in Ge 
stellung bestimmter Mannschaften. Der landfremde Herzog wurde 
von den aus den Ordenskapiteln hervorgegangenen Landständen 
als Eindringling angesehen und hatte den letzteren gegenüber kaum 
mehr die Macht, die Landfolge aufzurufen. So blieb der un 
mittelbare Kriegsdienst nur auf die Bewohner des platten Landes, 
die leibeigenen Unterthanen des Adels und die des Landesherrn 
auf den Aemtern beschränkt. Diese ihre Dienste zu Fuß leistenden 
Bauern hießen daher Amtsmusketiere oder Wybranzen, Schlachzik 
aber die armen Freien in den polnischen Landstrichen, die noch als 
leichte Reiter gegen die Kosackenanfälle gebraucht wurden. Herzog 
Albrecht, ein praktischer und theoretischer Kriegsmann, hielt sich zu 
Königsberg eine Leibgarde und in dem wichtigsten Platz des 
Landes Memel eine Fcstungsgarde deutscher Knechte, Nach 
besten Kräften suchte er kriegerischen Sinn und Wesen wieder zu 
beleben. Ein vorzügliches Denkmal seiner Bestrebungen hinterließ 
er in der 1555 von ihm verfaßten Kriegsordnung, ein System des 
damaligen gesammtcn Kriegswesens umfassend, welche zu den besten 
Schriften der Zeit über diese Materie gehört. 
Für die Sicherung des Landes wirkte vorzüglich Markgraf 
George Friedrich von Anspach während der vormundschaftlichen 
Regierung über seinen Vetter, den schwermüthigen Herzog Albrecht 
Friedrich. Um 1586 ward von ihm Hans Schrimpff zum Kapi- 
tain und Zeugmcister des Herzogthums angenommen und ihm die 
Aufsicht über alle Zeug- und Grenzhäuscr vertraut. Wir lernen 
bei dieser Gelegenheit die große Zahl ehemaliger Waffenplätze 
kennen, die sich allerdings derzeit nicht mehr in verthcidigungs- 
fähigem Zustande befanden. Außer Memel, der wichtigsten Festung 
und Königsberg, des bedeutendsten Zeughauses, werden Preußisch- 
Mark, Riesenburg, Marienwerder, Osterode, Soldau, Neidenburg, 
Ortelsburg, Johannisburg, Rastenburg, Lyck und Tapiau, als einer 
der vornehmsten Waffenplätze, endlich Insterburg, Ragnit und 
Tilsit namhaft gemacht. 
Trotz der steten Unlust der Stände Mittel, zum Unterhalt des 
Defensionswerkcs herzugeben, machten die kriegerischen Verwicklun 
gen zwischen Polen und Schweden doch schon 1602 wieder eine 
allgemeine Musterung nöthig. Es zeigten sich dabei so große 
Mängel, daß man in Erwägung zog, einen Haufen guter nieder 
ländischer Knechte und eine Anzahl Reiter in Sold zu nehinen. 
die theils das Land beschützen, theils das Landvolk einüben sollten. 
Wenn auch dazu 100 Reiter und 1000 Mann zu Fuß ausreichend 
schienen, scheiterte das Projekt doch an der Kostspieligkeit und man 
behalf sich wieder mit dem ärmlichen Defensionswerke, indem die 
Grenzen nothdürstig gegen die Einfälle polnischen und katholischen 
Gesindels besetzt wurden. Auch die Kurfürsten von Brandenburg 
suchten die abgestorbene Volksbewaffnung neu zu beleben. Noch 
während seiner vormundschaftlichen Regierung berief Johann 
Sigismund den Kriegsobersten Wolf von Kreitzen aus 
niederländischen Diensten nach Preußen, setzte ihn unter die Zahl 
der Oberräthe und betraute ihn als Hauptmann auf Tilsit mit 
der Gesammtleitung aller militairischen Verhältniffe. 
Wir sind hier zum Schluß unserer Einleitung gelangt, füllt 
der Regierung Kurfürst George Wilhelms beginnen die kriegerischen 
Verwirrungen auch für Brandenburg-Preußen immer drohendere 
Gestalt anzunehmen. Sie werden uns eingehender beschäftigen 
müssen. 
Wenn wir die Entwicklung der Heeresverfassung sowohl für 
Brandenburg wie für Preußen kurz kennzeichnen wollten, so müssen 
wir sagen, daß in beiden Ländern so lange mit frischer freudiger 
Thatkraft im Volke gewirkt wurde, als es die Eroberung des 
Landes, den Angriffskrieg galt, daß aber allmähliche Erschlaffung 
eintrat, je gesicherter der Besitz im Innern geworden und je mehr 
die kriegerischen Unternehmungen den Charakter der Vertheidigung 
angenommen hatten. - (Fortsetzung folgt.) 
Gustav Ilbcrt Lortzing. 
. (Hierzu das Portrait Seite 205.) 
Auf einem der Kirchhöfe in der Nähe des Stettiner Bahn 
hofs schläft der Komponist des „Czar und Zimmermann", des 
„Wildschützen" nach einem Leben von Mühe und Sorgen seinen 
letzten Schlaf. Sein Grabstein enthält die nachfolgende, von seinem 
Freunde Düringer gedichtete Inschrift: 
„Deutsch war sein Lied und deutsch sein Leid, 
Sein Leben voll von Kampf und Neid. 
Das Leid flieht diesen Friedensort; 
Sein Lied tönt freudig fort und fort." 
Lortzing war ohne Zweifel einer der originellsten, fruchtbarsten 
und vvlksthümlichstcn Komponisten, die es in Deutschland gegeben 
hat, und in der eigentlichen komischen Oper steht er seit Ditters 
dorf noch unerreicht. Seine Lieder sind so weit verbreitet, wie die 
deutsche Zunge, und werden wohl nimmer aufhören, im Volke sort- 
zutönen und wieder und wieder gesungen zu werden. Seine Werke 
haben Verleger und Theater-Direktoren bereichert — er selbst starb 
in bitterer Armuth, und es steht wohl fest, daß eben nur die Sorge 
für sich und die Seinen seinem Leben und Wirken ein so frühes 
Ende setzte. 
Lortzing ist in Berlin geboren und gestorben, unsere Zeitschrift 
bringt heute sein Portrait und ich knüpfe daran eine Biographie 
Lortzings, die ich in einer der letzten Nummern des Newyorkcr 
Bell. Journals fand, die jedoch den Verfasier nicht angab und mög 
licherweise aus einer deutschen Musikzeitschrift stammt. 
Gustav Albert Lortzing war in Berlin am 23. Oktober 
1803 geboren. Sein Vater, der früher dort dem Kaufmannsstande 
angehörte und seine erst 1849 in Wien verstorbene Mutter, eine 
geborene Seidel, widmeten sich aus Neigung ganz dem Theater, 
und waren seit 1812 nach einander an vielen wandernden und 
stehenden Bühnen engagirt, ohne aber deswegen die Sorge für eine 
sorgfältige Erziehung ihres einzigen Sohnes zu vernachlässigen. 
Derselbe zeigte schon von früher Jugend an einen auffallenden und 
bedeutenden Sinn für die Musik, und erhielt seinen ersten Unter 
richt darin von Professor Kunzenhagen, dem Direktor der
	        
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