Path:
Periodical volume 7. Oktober 1882, Nr. 2

Full text: Der Bär Issue 9.1883

21 
Die wilde Nike griff in ihren Brustlatz und zog ein 
Spiel schmutziger Karten heraus, die sie Frau Mchael zum 
Mischen reichte. Sodann räumte sie den Tisch ab und stellte 
die kleine Oellainpe auf den Kaminsims. 
Album (Originalholzschnittc von 26 der besten deutschen Jagdmaler). (S. Seite 32 
Sie breitete die Kartell auf dem Tische aus unb sah 
lange Zeit nachdenkend hinein. Dann sagte sie: „Es ist 
richtig! Der Jungmeister liegt nahe bei Eurem Hause." Sie 
nahln die Karten zusammen und legte sie in anderer Ordnung 
auf den Tisch. Als sie nun hineinsah, verfinsterte sich ihr 
Gesicht zusehends. Endlich flüsterte sie: „Was willst Du in 
dieser Gesellschaft, Du Satansbraten? fort mit dir!" 
„Was sehtJhr?" ftagte 
Frau Michael gespannt. 
„EinFralienzimmer hat 
sich feindlich zwischen Euch 
und den Jlingmeister ge 
drängt." 
„Die muß weg!" sagte 
Frau Michael entschieden. 
Wieder raffte die wilde 
Nike die Karten zusammen 
und breitete sie aufs neue 
aus. Ein trillmphirendes 
Lächeln spielte um den breiten 
Mund. „So mllß es kom 
men ! Der Jungmeister sitzt 
mitteil drill in Eurer Fa 
milie, aber das Frauen- 
zimmer, von dem Ihr wißt, 
liegt weit abseits ganz von 
den Thränenkarten umgeben. 
Das ist das Ziel. Dahin 
müffen wir's bringen!" 
„Was müffen wir thun?" 
forschte Frau Mchael. 
Die wilde Nike ver 
zerrte ihr Gesicht zu cinein 
teuflischeil Grinsen. „Wir 
müffen ihin in die Suppe 
spucken, dailn wird er sie 
schon stehen lassen." 
„Ach!" sagte Frau 
Michael, „wir müssen ihm 
die Käthe verekeln?" 
Die wilde Rike llickte. 
„Das ist nicht so schwer," 
fuhr sie fort. „Giebt's 
nicht in Eurer Innung ein 
Gesetz, daß kein Meister ein 
ulichrliches Mädchen heira- 
then dürfe?" 
„Das ist richtig!" 
„Dann haben wir ge 
wonnen. Ich habe die vcr- 
storbeile Mllttcr der Käthe 
wohl gekannt. Sie lvar 
eine fahrcilde Sängerin, die 
ihr Man,» von der Straße 
aufgelesen hatte. Die Tochter 
einer solchen kann nicht als 
ehrliches Mädchen geltcil!" 
„Aber das ist schoil 
lange her!" warf Frau 
Michael ein. „Und ist sie nicht dlirch ihren Ma,ln wieder er 
hoben und zu Ehren gekommen?" 
„Das kommt ganz daralif an, wie man's macht," ent-
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.