Path:
Periodical volume 20. Januar 1883, Nr. 17

Full text: Der Bär Issue 9.1883

207 
ihm dieses Loos? Was sollte ihm dieses unbedeutende, zärt 
liche Geschöpf, das nicht einmal jetzt in der Stunde der 
Leidenschaft ihn fortriß, das nicht einen Tropfen Vergessenheit 
in den bittern Kelch der Erinnerung zu schütten vermochte! 
Plötzlich fuhr er aus seinen Träumen auf; Dora! Wie 
ein Ertrinkender, der keine Rettung mehr sieht, zurücktaucht 
in die Fluthen, um die lange Qual des Kampfes zu verkürzen, 
so faßte er jetzt nach der Hand des Mädchens an seiner Seite- 
Sie ließ ihm dieselbe willig. Dora, flüsterte er, sich zu ihr 
niederbeugend, sind Sie mir gut? Wollen Sie die Meine sein? 
Die Dunkelheit verbarg ihr glühendes Gesicht, und wie 
er nun das bebende Kind in seine Arme nahm, ihr klopfendes 
Herz an seinem Herzen fühlte, da kain ihm wieder jene andere 
in den Sinn, deren Antlitz durch die Nacht ihm leuchtete. Er 
fragte sich nicht, ob jene ihn einst so geliebt, wie Dora es 
that; was war ihm Dora! Er dachte überhaupt nicht an sie, 
sondern nur an sich selbst, und er bemitleidete sich unaus 
sprechlich um seines harten Schicksals willen. 
Schweigend schritten sie dann weiter durch den stillen 
Abend. Er hatte dem Mädchen, das er sich zu eigen gemacht, 
nichts zu sagen, lind zu ihr redete ihr eigenes Herz in tausend 
Zungen. Die geliebte Hand, die sie in der ihren hielt, gab 
ihr die Gewißheit dessen, was sie geträumt zu haben glaubte, 
lind während sie stumm dahinging, durchbrauste sie der Sturm 
der Leidenschaft, jauchzte ihre Seele und beugte sie wieder 
demüthig mit tausend Dankgelübden vor Gott, dem Allgüti- 
gcn, der sie so überreich begnadet. Sie wußte noch ilichts 
von den Pflichten, die sie in dieser Stunde auf sich nahm, 
aber sie wußte, daß ihr ganzes Sein und Leben dem Manne 
ihrer Liebe gehörte. 
Am nächsten Morgcir hielt Hellmuth förmlich um Doms 
Hand an. Er war schon erwartet worden. Dora hatte noch 
am Abend ihren Eltern alles gesagt. Der Commerzienrath 
war sehr bewegt, aber dabei überglücklich, während seiner 
Frau erustes, überwachtes Gesicht Sorge und Leid verrieth. 
Herr Entlein nahm den jungen Mann mit in sein Zimmer 
und eröffnete ihm, daß er ihn als seinen Schwiegersohn vor 
allen Dingen in den Stand setzen wolle, seine Verhältnisse zu 
ordnen. Bis dahin solle die Verlobung verheimlicht werden. 
Hellmuth, dessen Urlaub ohnehin in kurzer Zeit zu Ende ging, 
sollte mit dem Ablalife desselben in die Garnison zurückkehren, 
seine Allgelegenheiten schleunigst regeln und nach Verlaus 
einiger Wochen die inzwischen in die Stadt gezogene Familie 
dort aufsuchen und sich öffentlich als Bräutigam vorstellen. 
Er war von der Güte seines Schwiegervaters wirklich 
gerührt, obgleich im Grunde seiner Seele das Gefühl vor 
herrschte, daß der Alte nur seine Schuldigkeit thue, iildem er 
das Glück, einen so allsgezeichneteil Schwiegersohil zu bekom 
men, etwas theuer bezahle. Daß aber alles so glatt abging, 
war ihm doch sehr angenehm und erwärmte ihn für Entlein, 
den er nicht für „so nobel" gehalten hatte. Die im Hinter 
gründe lauernde bedeutende Schuld der Kameraden, die er zu 
tilgen übernommen, schlug er sich fürs erste aus dem Sinn. 
Es war noch lange hin, bis er zu zahlen hatte, und — 
koinmt Zeit, kommt Rath. War sein Schwiegervater so weit 
gegangen, mußte er auch das übrige thun, besonders nach 
der Hochzeit. Jetzt hieß es nur, sich in die Bräutigamsrolle 
finden. 
Als er nach dem Gespräch mit dem Commerzienrath i 
Frau Aringard gegenüberstand, versuchte er, dem forschenden 
Blick ihrer klugen Augen ruhig zu begegnen — doch seltsam 
—, wieder verließ ihn die gewohnte Sicherheit und er ver 
mochte seine Absicht, ihr ein paar herzlich klingende Worte 
zu sagen, nicht auszuführen; er schwieg vielmehr, während sie 
nun, ihm die Hand reichend, ernst uild fast traurig sprach: 
Wir vertrauen Ihnen unser einziges Kind und mit ihrein 
Glück auch das unsere an, Herr Baron; bedenken Sie 
das wohl! 
Er wollte selbstgewiß erwidern — und stockte. War es 
innere Bewegung, die ihm die Lippen schloß, wie Herr Ent- 
leiil feiner Gattin später versicherte? 
Es kamen nun für Dora einige glückselige Tage. Sie 
war so voll Liebe, so stolz auf Hellmuth, der ihr wie ein 
Gott erschien, daß sie nichts an ihm vermißte, sondern immer 
nur zu geben bestrebt war und sich im Geben glücklich fühlte. 
Auch der Vater wurde täglich mehr von seinem Schwiegersohn 
entzückt, der es an zarten Rücksichten nicht fehlen ließ und 
stets auf seine Interessen einzugehen bereit war. Zwischen 
Frau Armgard und Hellmuth aber entspann sich jener stille 
Kampf, dessen Nahen beide instinctiv vorausgefühlt hatten. 
Sie mißtraute ihm, und er wußte, daß sie es that. Er war 
beständig auf der Hut vor ihr, ihre Gegenwart legte ihm 
einen Zwang auf, der ihm unerträglich dünkte. Jeder ihrer 
Blicke schien ihm eine stumme Frage, ja, fast eine Drohung, 
die ihn reizte und quälte und an die Pforte seines schlum- 
mernden Gewissens pochte. Er sehnte die Stunde seiner Ab 
reise herbei und segnete dieselbe, als sie endlich kam. 
Erleichtert athmete er auf, als er Strand im Rücken 
hatte, während Dora verstohlen die Thränen von der Wim 
per trocknete, die Thränen ersten Trennungswehs. 
Nach Breslau zurückgekehrt, erhob er sofort das Geld 
auf die Anweisung Entleins und brachte es Levi, der es mit 
blitzenden Augen in Empfang nahm. Sehr schön, Herr 
Baron, rief er, der Herr Baron sind ein Ehrenmann und 
das Fräulein Entlein kann sich bedanken bei mir für einen 
so nobeln Bräutigam — bleiben noch die achtundvierzigtausend 
Thaler — ist eine Bagatelle für den Commerzienrath, den 
Millionär. 
Hellmuth ging ohne ein weiteres Wort. Er fühlte sich 
von schwerem Druck befreit und heiter wie seit lange nicht. 
Abends bei Herrnburger suchte er die Kameraden auf; er fand 
aber nur Loßberg vor. 
Marten ist tugendhaft geworden, Dönneritz; kannst du 
dir das vorstellen — es ist zum Todtlachcn! berichtete Loß 
berg. Er macht sich Gewissensbisse über dein Schicksal und 
vermeidet mich als bösen Geist. Abends sitzt er zu Hause, 
trinkt Zuckerwasser und rührt keine Karte mehr an. 
Dönneritz fiel nicht in das Gelächter ein, das der Ka 
merad anstimmte. — Nun, und du, alter Freund, wie geht's? 
fuhr der letztere fort. Deine Miene läßt auf gute Erfolge 
schließen. Alles in Ordnung? 
Ja, entgcgnete Hellmuth wortkarg. 
Ist der Vogel wirklich ins Garn gegangen? Du bist 
doch ein Hauptkerl! Erzähle, erzähle, ich bin sehr gespannt! 
Was für eine Zugabe ist Fräulein — wie heißt sie doch 
gleich? 
Zum erstenmal in seinem Leben fühlte Dönneritz sich 
durch Loßbergs Art unangenehm berührt. Das sind jetzt
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.