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Periodical volume 20. Januar 1883, Nr. 17

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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Hellmuth lächelte freudig, wozu er sich nicht zu zwingen 
brauchte, und sagte nach einer kleinen Pause: Verehrter Herr 
Commerzienrath, wie — darf ich Ihre Einladung verstehen? 
Der Alte schmunzelte vergnügt. Wie Sie dieselbe zu 
verstehen wünschen! 
Ich fürchte, meine Wünsche verleiten mich, Sie mißzu- 
vcrstehen, Herr Commerzienrath. Sie vergessen mein neuliches 
Geständniß. 
Ich kann in demselben kein Hinderniß erblicken, entgeg- 
ncte Entlein gütig, ich bin vermögend und habe nur ein 
Kind, dessen Glück der Wunsch meines Lebens ist. 
Das heißt, Sie gestatten meine Bewerbung um Fräulein 
Dora auch unter diesen Verhältnissen? 
Versuchen Sie Ihr Heil, lieber Freund; wenn mein Kind 
Ja sagt, ich sage nicht Nein. Der Commerzienrath grüßte 
freundlich und eilte weiter. 
Als er seine Gattin gefunden, zeigte er ihr sogleich den 
Brief ohne weiteres Wort, in der Hoffnung, daß auch sie 
durch denselben beruhigt sein würde; dies war indessen nicht 
der Fall. Frau Anngard fand, daß die Auskunft ungenügend 
sei und Doras Zukunft keineswegs sichere. Uebrigens scheine 
die ganze Sorge unnütz, da Herr von Dönneritz keinen Ver 
such mache, sich Dora wieder ju nähern. Da mußte nun 
der Commerzierath wohl oder übel seiner Frau beichten. Die 
Gute war bleich wie der Tod, und zum ersten Male, seit er 
denken konnte, sah er Thränen über das geliebte Antlitz rinnen, 
Thränen, die er veranlaßt! 
Der kleine Main: fühlte sich ganz geschlagen. Seine kluge 
Frau, die stets das Rechte traf, mißbilligte entschieden sein 
Thun. Er war voreilig gewesen, zu weit gegangen; doch 
nun war nichts mehr zu ändern. Er hatte Dönneritz seine 
Zustimmung gegeben und konnte dieselbe nicht zurücknehmen. 
Laß uns abreisen, bat die Gattin; besser ist's, ein Wort 
zu brechen, als uns Alle ins Unglück zu stürzen — Dora ist 
noch so jung. — 
Der Commerzienrath aber, obgleich er innerlich nicht so 
recht sicher war, ob er nicht einen sehr dummen Streich 
mache, widersetzte sich entschieden und nahn, die Partie des 
Barons, dessen Vorzüge er in so beredten Worten pries, daß 
er schließlich selbst von denselben überzeugt ivard. Die arme 
Mutter mußte endlich schweigen. 
Das Mittagsmahl war vorüber. Dora hatte, zu sehr 
mit sich selbst beschäftigt, die Blässe ihrer Mutter nicht bemerkt. 
Jetzt, während der Commerzienrath die Zeitung las, versuchte 
Frau Armgard das letzte Mittel, das ihr zu Gebote stand. 
Der Tochter Arm ergreifend, führte sie diese in einen stillen 
Jaubgang und begann traurig: Du bist stets ein gutes füg 
sames Kind gewesen, Dora, du mußt überzeugt sein, daß ich 
nur aus tiefster Liebe zu dir handle und spreche. 
Gewiß, geliebte Mutter, cntgcgnete das Mädchen ängstlich 
in Erwartung dessen, was kommen würde. 
Du wendest aber seit kurzem dein Herz von mir, fuhr 
die Mutter fort, ich fühle deine stumme Opposition. Das 
Mädchen neigte erröthend das Haupt. Ich weiß den Grund, 
mein Kind! In kummervollen Tagen, in schlaflosen Nächten 
habe ich mit meinem Herzen gerungen, um es deinen Wünschen 
geneigt zu stimmen, es will sich, es kann sich nicht fügen! 
Ein Gefühl, das mich nie betrog, warnt mich. Du bist noch 
jung. Setze nicht dein ganzes Lebensglück aufs Spiel! Der 
Mann gefällt dir, denn er ist schön und ritterlich — weiter 
weißt du nichts von ihm, und wie wenig — 
Doch Mutter, er ist edel und gut, er ist der beste 
Mensch — 
Das glaubt jedes liebende Mädchen, rief Frau Armgard, 
o mein Kind, wenn du ihm nicht entsagen willst, so warte 
wenigstens, warte und prüfe dich und ihn! 
Er hat mich ja noch nicht gefragt! stammelte das Mäd 
chen mit Thränen in den Augen. 
Doch wenn er es thut, versprich mir, ihm nicht dein 
Wort zu geben. 
Dora sah unschlüssig auf; dann sagte sie, den Kopf 
schüttelnd: Das kann ich nicht, Mama; wenn er mich fragt, 
ob ich ihn liebe, so muß ich „ja" sagen. 
Die Mutter zitterte. Was thun? Sollte sie den Samen 
des Mißtrauens in das arglose Herz der Tochter streuen? 
Nach einer Weile beinerkte sie leise: Er ist sehr arm, mehr 
als arm, Dora — 
So kommt er darum nicht? cntgcgnete diese mit unter 
drücktem Jubel. Dann hat der Vater recht — es muß alles 
gut werden. Der Vater hat Geld genug, er kann ja so viel 
geben, daß wir uns heirathen können. 
Frau Entlein senkte traurig den Kopf. Sie sah, daß 
auch hier nichts mehr zu ändern sei. Sie kämpfte mit sich, 
ob sie sagen solle: Er liebt nicht dich, er liebt deines Vaters 
Geld — doch auch das blieb voraussichtlich ohne Erfolg, denn 
daß Dora an ihrer Liebe festhalten würde, war ihr klar ge 
worden. — 
Mit dem Glockenschlag vier Uhr trat Hellmuth in den 
Garten. Dora, die neben ihren Eltern am Kaffeetisch saß, 
war bei dem Erscheinen des jungen Mannes ivie gelähmt; 
sie vermochte sich nicht zu erheben, aber es leuchtete eine 
Seligkeit aus ihrem Antlitz hervor, die des Vaters Zufrieden 
heit wieder herstellte und der Mutter das Gefühl verstärkte, 
daß es ein Unabänderliches sei, was hier geschehe. Ein wenig 
später trug der Wagen die Vier durch den Wald dem See 
zu, von dem inan den Rückweg zu Fuß zurücklegen wollte. 
Hellinuth war, wie er in seinen besten Stunden sein konnte: 
bezaubernd. Seine Eigenliebe trat zurück und es zeigte sich 
nur seine stolze, souveräne Natur. Wer hätte den Mann einer 
schlechten oder niedrigen Handlung für fähig halten sollen? 
Wie herrlich der Juliabend! Leise sang der Wald seine Lie 
der, begleitet von den tiefen Accordcn des Meeres, die von 
fern herübertönten; dann und wann huschte ein Nachtvogel 
zwischen den Wipfeln dahin. Ein träumerischer Friede lag 
über Berg und Thal und wehte herab von den stillen Lichtern, 
welche die Nacht am Himmel entzündete. An Doras Seite 
schritt Hellmuth durch den dunkelnden Wald, während die 
Eltern in einiger Entfernung dem Paare folgten. Das 
Mädchen wandelte dahin wie trunken. Sie dachte nicht 
daran, ihm gefallen zu wollen, sie verlor sich in ihm voll 
ständig. Ihrer tief innerlichen Natur versagte in den Mo 
menten hoher Erregung der Ausdruck, doch ihre Haltung, 
ihr ganzes Wesen athmeten Hingebung und ihre Augen ge 
wannen eigenthümlichen Glanz, >vie sie selbstvergessen zu 
Hellmuth aufschaute. Ob er das sah? Wer weiß es? Nach 
und nach verstummte sein Mund und er gedachte, wie anders 
es gewesen damals, als er das stolze, schöne Mädchen, das 
er geliebt, durch die Sternennacht nach Haus geleitet. Warum
        
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