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Volume 6. Januar 1883, Nr. 15

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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Schwiegervaters vom Bischof Bernhard den heiligen Schleier und 
bald nachher die Weihe und regierte ihr Kloster 55 Jahre." Hier 
aus folgt: Hedwig wurde geboren im Jahre 939, vermählte sich 
im Jahre 952, ward Wittwe und Aebtissin im Jahre 959 und 
erreichte ein Alter von 75 Jahren. Ihre Nachfolgerin war Adel 
heid, Tochter des Markgrafen Ditmar. 
Gero's Bruder, Graf Siegfried, welcher nach der Erzäh 
lung des Abts von Groningen, Abbo von Dalem, die mit seiner 
Gemahlin Jutta erzeugten Kinder, Siegfried und Jutta, in der 
Blüthe ihres Lebens durch Unglücksfälle verloren hatte, schenkte 
936 sein erbliches Vermögen (im Harzgau, an einem Orte, welcher 
Wester-Gröningen heißt, und neben der Bode liegt, als: die 
Kirche selbst mit den Klerikern, welche er eigenthümlich daselbst 
hatte und den Bergwerks-Einkünften und aus der südlichen Seite 
der Kirche innerhalb der Stadt liegt, und was er außerhalb der 
Stadt an Erbgut besaß), an das dem heil. Veit gewidmete Bene 
diktiner-Kloster zu Neu-Corbeg, in der Absicht, daß der dasige 
Konvent ihm ein Kloster zu bauen behülflich wäre, und den Ort 
zweien Mönchen aus ihrer Mitte immerdar beföhlen. Das Kloster 
wurde bald vollendet, zur Ehre Stephan's und Veit's eingeweiht, 
und mit Neu-Corbegischen Benediktinern besetzt. Volkmar, Abt zu 
Neu-Corbeg, stellte eine Empfangs-Urkunde darüber aus am 
26. Mai 936. Genauer werden als geschenkte Güter außerhalb 
der Stadt genannt: Groß- und Klein-Kroppstädt, Wendelingen, 
West-Gröningen, Heteborn, Daldors und der Wald-Hakul, dessen 
zum Kloster gehöriger Theil den Namen: Vietling, erhielt. Obwohl 
Graf Siegftied hierbei nicht ausdrücklich ein Bruder des Mark 
grafen Gero genannt wird, so lassen doch die Namen der beiden 
gemeinschaftlichen Erbgüter auf die nächste Blutsfteundschaft schließen 
und ältere Nachrichten schon nennen beide „Brüder". Stadt-Grö- 
ningen scheint ihr Stammhaus gewesen zu sein, welches in der 
Mitte ihrer Besitzungen lag, wogegen Gernrode sich mehr den 
Besitzungen des Hauses Askanien anschließt. Nicht unschicklich 
dürften daher Gero und Siegfried Grafen von Gröningen genannt 
worden sein. Jda, Gero's Schwester, war mit Markgraf Kirstan, 
oder Christian, vermählt, zn dessen Grafschaften Germerslebcn und 
Grimmersleben in Nord-Thüringen, Giersleben im Schwaben-Gau, 
Steno und Quina (Kühnau) im Gau Serimunt gehörten, ohne 
daß sich seine Mark genauer nachweisen läßt. Auch dieser Mark 
graf stand hoch in der Gunst des Königs und erhielt von ihm im 
Jahre 945 die beiden zuletzt genannten Ortschaften. Er starb, 
wie seiner Gemahlin Bruder, im Jahre 965, und wurde zu Magde 
burg beerdigt, Gero's Nachfolger konnte er nirgends sein. Seine 
fromme Wittwe pilgerte nach Jerusalem, wo sie um das Jahr 970 
starb und begraben wurde. Ihren Dienerinnen befahl sie, einen 
feindlichen Einfall vorhersehend, schnelle Entfernung, und trug ihnen 
an ihren Sohn Gero (zum Erzbischof von Köln erwählt im 
Jahre 966) das Gesuch auf, ihr in der Kirche der heil. Cäcilie 
einen Altar zu errichten. Gero und sein Bruder Ditmar, Markgraf 
von Ost-Sachsen, stifteten ihren Eltern zum Andenken im Jahre 970 
ein Kloster zu Thomasmarsfelde an der Selka, unweit Harzgerode, 
das sie aber 975 nach (Mönch-) Nienburg an der Saale in Nord- 
Thüringen, nachdem sie diesen Ort der Abtei Gerenrode eingetauscht 
hatten, verlegten. Auch diese Familie wurde in den Nachkommen 
Titmar's nur einige Generationen hindurch erhalten. 
Markgraf Gero der Große, der Vertheidiger des Vater 
landes, der tapferste und ausgezeichnetste unter den Markgrafen 
seiner Zeit, verdiente ein ehrenvolleres Andenken von den Deutschen, 
als daß seiner bei der Stiftung der Abtei Gerenrode gedacht, als 
daß seine Thaten in geringen Versen besungen, oder von anderen 
geschmäht werden. Er war ein starker Schutz des Vaterlandes 
gegen die Angriffe und das Herandrängen slavischer Völker. 
Sein Name wird von seinen Zeitgenossen oft und mit hohem 
Ruhme genannt, ihn ehrte sein König und sein Volk. — 
Wir haben schon erwähnt, wie durch die Politik des deutschen 
Königs, nicht zum Vortheile der Marken, das Reich Gero's 
getheilt wurde. Die Nachtheile blieben nicht aus. 
Noch waren keine zwanzig Jahre nach Gero's Tode ver- 
floffen, als in einem großen Aufstande die Wendenstämme sich 
gegen die deutsche Herrschaft erhoben, die Bisthümer Havelberg 
und Brandenburg zerstörten, zu dem alten Heidenthume wieder 
abfielen und so fast Alles vernichteten, was Otto I. und Gero 
1 der Große in dem Lande zwischen Elbe und Oder für die Be 
festigung des deutschen Einflusses und das Aufblühen der christlichen 
Kirche gethan hatten. Es folgte ein langer, blutiger, mit wechseln 
dem Erfolge geführter Krieg. 
Um die Dinge in den Marken auch nur annähernd wieder 
auf den Zustand zurückzuführen, in welchem sie zu Gero's Zeit 
- gewesen waren, mußten nicht weniger als fast 200 Jahre ver 
gehen. 
Erst als im 12. Jahrhundert Albrecht der Bär und Hein 
rich der Löwe die Unternehmungen der Deutschen gegen die 
slavischen Völkerschaften leiteten, gelang es, die früheren Zustände 
im Wendenlande wieder herzustellen. 
Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß so das Werk, 
welches Gero und Hermann begonnen, von zwei Männern zu 
^ Ende geführt werden mußte, welche mütterlicher Seits Beide von 
Jenen abstammten. Denn wie Heinrich und Albrecht aus Billun- 
g isch ein Geschlechte waren, so ist auch an einem verwandtschaft 
lichen Zusammenhange zwischen dem Hause Gero's und dem der 
Askanier nicht zu zweifeln. 
Jetzt herrscht in dem weiten Lande, welches einst die 
Wenden bewohnten, seit Jahrhunderten deutsches Leben und 
deutsche Sprache. Deutscher Fleiß bebaut das Feld und arbeitet 
und hämmert in den Städten. Zahllose Ortschaften, deren 
Name allein noch oft an ihren wendischen Ursprung erinnert, 
bedecken das Land und schon aus weiter Ferne winkt dem Wan 
derer Kirche und Kirchthurm freundlich entgegen. Aus den zer 
stückelten Ländermassen, welche einst die Mark Gero's bildeten, ist 
allmälig unter Hohenzollern'schcr Herrschaft das deutsche Land 
emporgewachsen, auf welchem die Hoffnung und die Zukunft unseres 
Volkes beruht. 
Aber wenn wir uns mit Recht dieser späteren Erfolge deutscher 
Kraft, Geduld und Ausdauer in den ehemals wendischen Landen er 
stellen, sollten wir auch des Markgrafen Gero nicht vergessen, 
des Mannes, der zuerst die Mittel und Wege zu der Germani- 
sirung und Bekehrung derselben gezeigt hat. 
Dr. jur. Eduard papt, 
Wirkt. Geh. Rath und Vorsitzender der Kommission zur Ausarbeitung des 
„Deutschen Civilgcsetzbuchs". 
(Hierzu daS Portrait S. 181.) 
Zu den hervorragendsten deutschen Juristen zählt der Mann, 
dessen Portrait unsere Nummer bringt, der Jahre hindurch an der 
Spitze des Oberhandelsgerichts in Leipzig stand, und unter dessen 
Leitung gegenwärtig die Ausarbeitung des deutschen bürger 
lichen Gesetzbuches geschieht. 
Heinrich, Eduard Pape, welcher gegenwärtig in Berlin 
lebt, ist am 13. September 1816 zu Brilon (Westfalen) geboren, 
studirtc die Rechte, trat dann 1840 als Auskultator in den 
preußischen Justizdienst, arbeitete seit 1843 bei verschiedenen Ge 
richten als Oberlandesgerichtsassessor, wurde 1850 Krcisrichter und 
Mitglied des See- und Handelsgerichts in Stettin, 1856 Appcl- 
lationsgerichtsrath in Köln, als welcher er an der Ausarbeitung des 
allgemeinen deutschen Handelsgesetzbuches Theil nahm.
	        
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