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Periodical volume 6. Januar 1883, Nr. 15

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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des folgenden Jahres nach Sachsen zurück. Selbst die Ungarn 
thaten-zu Gunsten der Verbündeten einen Einfall, und durchzogen 
verwüstend Baiern, Franken und Gallien. Otto I. rückte gegen Ostern 
954 wieder in's Feld, bewilligte aber den bedrängten Baiern 
einen Waffenstillstand bis zum 15. Juni. Weil jedoch Ludolf auf 
dem Austragaltage zu Einna zur Unterwerfung nicht bewogen 
werden konnte, sondern nur der Erzbischof von Mainz und der 
Herzog Conrad von der Verbindung zurücktraten, so folgte Otto, 
nach Ablauf der festgesetzten Zeit, seinem Sohne gen Regensburg 
nach, und begann die vollständige Belagerung der Stadt. Dem 
Markgrafen Gero ward der Angriff gegen das östliche Thor auf 
getragen. Von beiden Seiten wurde viele Tage hindurch mit 
Entschlossenheit gekämpft. Für eine ausdauernde Belagerung war 
aber die Stadt nicht hinreichend mit Lebensmitteln versehen, und 
die Hungersnoth stieg, nach einem unglücklichen Ausfalle und dem 
Verluste des Schlachtvieh's zu einer solchen Höhe, daß Ludolf sich 
bewogen fand, mit dem Vornehmsten seiner Partei zum Könige sich 
zu begeben, und um Frieden zu bitten, welcher ihm aber, da er 
dem Vater vollen Gehorsam verweigerte, abgeschlagen wurde. 
Sobald er in die Stadt zurückgekehrt war, griff er die 
Stellung Gero's mit verzweifelter Heftigkeit,«». Nach einem hart 
näckigen Gefechte schlug ihn Gero zurück und stürmte, auf des Königs 
Befehl, das vor ihm stehende Thor von 3 bis 9 Uhr Abends. 
Bei diesem Kainpfe stürzte das Pferd Arnulfs, Grafens von Schira, 
er selbst wurde durch Lanzenstiche getödtet. Dieser Unfall erregte 
in der Stadt allgemeine Bestürzung, und, außer Stand sich länger 
zu halten, bat Ludolf nochmals um Frieden, und ergab sich nach 
einer Belagerung von zwei und einem halben Monate. Regensburg 
ging die darauf folgende Nacht meist in Flammen auf, wurde 
aber erst im nächsten Jahre eingenommen, und dem Herzoge 
Heinrich vor seinem Tode wieder übergeben; Ludolf erhielt, nach 
dem er sich seinem Vater, als dieser bei Suveldun (Sifelden) das 
Vergnügen der Jagd genoß, zu Füßen geworfen hatte, Verzeihung. 
Zu den Slavischen Völkern, deren Einfälle durch Gero's Ein 
sicht und Tapferkeit zurückgewiesen wurden, gehören auch die 
Ucker-Wenden. Verheerend drangen sie im Jahre 954 in die 
Provinzen ein, bis ihnen Gero, der jetzt aus dem Kriege gegen 
Ludolf zurückgekommen war, mit Herzog Conrads Beistände eine 
entscheidende Niederlage beibrachte, die nebst der gemachten Beute 
große Freude durch ganz Sachsen verbreitete, und Gero's Ruhm 
noch mehr hervorhob. Der König bezeigte ihm seine Erkennt 
lichkeit durch Freigebigkeit gegen das Cyriacs-Kloster zu Frose am 
ehemaligen Aschersleben'schen See. 
Die Ungarn wiederholten, theils aus eigenem Antriebe zu 
plündern, theils herbeigelockt durch die aus Baiern vertriebenen 
Söhne Arnulfs, im Jahre 955 ihre Angriffe in Deutschland, und 
drangen mit großer Macht bis an den Lech vor, bei welchem sie 
vom Könige am 10. August total geschlagen wurden. 
Indeß waren auch die nördlichen und östlichen Wenden 
nicht müßig. Ihre Fürsten Nakko und Stoignef, an der 
Spitze der Obotritcn, Milzen, Circipaner und Tollenser, fielen, 
aufgeregt durch Wigmann und Ecbert, Herzog Hermann's Bruder 
söhne, gegen Ostern in's Land, brachten dem Präsident Dietrich 
eine Niederlage bei und drängten den ihnen gegenüberstehenden 
Herzog Hermann in eine feste Stadt. Auch hier setzten sic ihn in 
solche Verlegenheit, daß er die Bürger (von Gartz?) aufforderte, I 
die Stadt gegen seinen Abzug mit Verlust der Güter und Sclaven 
zu übergeben. Ein kleiner Zank erbitterte die Sieger. Sie fielen 
über die Sachsen her, ermordeten sie sämmtlich, zerstörten die Stadt, 
und führten die Weiber mit den Kindern in Gefangenschaft. 
Ueber diese Grausamkeit ganz besonders aufgebracht, beschloß 
der deutsche König, Rache zu nehmen. Nach dem Siege über die 
Ungarn zog er mit einem starken Heere gegen die Wenden aus, 
verlvüstete ihr Land mit Feuer und Schwert und drang bis an | 
den Fluß Raxa (Rhin bei Rheinsberg, richtiger Taxa, Döste) 
vor. Hier war der Uebcrgang über den Fluß wegen der ihn um 
gebenden Sümpfe sehr schwer. Hinter dem Heere waren bereits 
die Wälder vom Feinde besetzt, und vor sich hatte es den Fluß 
und die Hauptmacht des Feindes. In dieser bedrängten Lage litt 
das Heer auch durch Hunger und Krankheit. Nach mehreren mühe 
voll verlebten Tagen wurde Gero von dem Könige an den Fürsten 
der Wenden, Stoignef, abgesandt, um auf gütlichem Wege zu 
erhalte», was man mit Gewalt nicht erlangen zu können glaubte. 
Gero besaß nämlich viele ausgezeichnete Eigenschaften. Er vereinte 
Kriegserfahrung mit Staatsklugheit, hatte sattsame Bcredtsamkeit, 
viele Kenntnisse, und bewies seine Klugheit mehr durch Thaten 
als durch Worte, war emsig im Erwerb, unverdroffen im Geben 
und, was das Vorzüglichste war, eifrig für Gottesverehrung. 
Demgemäß kam Gero oberwärts des Flusses und der Sümpfe 
mit Stoignef zusammen, und richtete, nach geschehener Begrüßung, 
folgende Worte an ihn: „Ich glaube. Dir war es genug, gegen 
einen von uns, einen Vasallen meines Herrn, Krieg zu führen, 
aber nicht gegen den König, meinen Herrn, selbst. Was denkest 
Du von Deinem Heere und seiner Bewaffnung? Sind Tapferkeit, 
Gewandtheit, Klugheit, Kühnheit Euch nicht fremd, so bestimme 
uns einen Ort, wo wir zu Euch stoßen können, oder komm zu 
uns herüber, daß im freien Felde die Stärke der Kämpfer entscheide." 
Aufgebracht über diese Anrede, knirschte Stoignef, nach Bar- 
baren-Sitte, mit den Zähnen, stieß heftige Reden aus und ver 
höhnte Gero, den König und das eingeschlossene Heer; worüber 
Gero, der heftiger Gemüthsart war, in die Worte ausbrach: „Der 
morgende Tag wird entscheiden, ob Du und die Deinen tapfere 
Männer sind, oder nicht, denn morgen, kämpfen wir gewiß mit 
einander." 
Gero, längst durch glänzende Siege berühmt, jetzt nach Be 
siegung der Uckerer überall gepriesen, kam in das Lager zurück, 
um den Ausgang der Unterredung dem Könige vorzutragen. Dieser 
ließ noch dieselbe Nacht den Feind beunruhigen und beschäftigen, 
um ihm den Glauben beizubringen, man wolle den Uebergang über 
den Fluß und die Sümpfe mit Gewalt durchsetzen, welches durch 
die gestrige Versicherung Gero's umsomehr Wahrscheinlichkeit erhielt. 
Indeß marschirte Gero mit den ihm wohlwollenden Ruanern*) 
eine Meile abwärts vom Lager, schlug dort mit Schnelligkeit 
3 Brücken über den Fluß, und ließ nun den König und das Heer 
zu sich entbieten. 
Kaum erblickten die Feinde das Heer in voller Bewegung, 
als auch sie schnellen Schrittes demselben zu begegnen suchten; aber, 
ermüdet und weniger geordnet, wichen sie bald und suchten zuletzt 
ihr Heil in der Flucht. Noch an demselben Tage, dem 16. Oktober, 
wurde das feindliche Lager erobert und eine Menge Slawen ge 
tödtet und gefangen. Stoignef, der den Ausgang der Schlacht 
von einem Hügel herab beobachtete, ergriff die Flucht, als er 
wahrnahm, daß die Seinen geschlagen waren und wurde in einem 
Haine, in welchem er sich mit zweien seiner Getreuen verborgen 
hatte, von Hosed entdeckt, der dem wehrlosen Feinde den Kopf 
abhieb. Nakko, Stoignef's Bruder, entkam mit wenigen Reitern, 
und begab sich, von dem Tode seines Bruders unterrichtet, nach 
Dänemark; Wichmann und Ecbert entflohen zum Herzoge Hugo 
956 nach Frankreich. 
Wigmann der Jüngere, seit seiner Jugend darüber erbittert, 
daß Otto I. die vom Vater beseffenen Güter, nicht ihm, dem 
Sohne, sondern dem Bruder desselben, dem Herzoge Hermann, 
zugewendet, hatte sa-on zweimal ohne Glück die Waffen gegen den 
König ergriffen. Auch jetzt kehrte er heimlich aus Frankreich nach 
Sachsen zurück, welches, wie er wußte, von Truppen entblößt tvar. 
*) Diese Ruani sind wohl keine anderen, als die im Stiftungsbriefe 
des Bisthums Brandenburg erwähnten Riacini.
        
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