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Periodical volume 1. Januar 1883, Nr. 14

Full text: Der Bär Issue 9.1883

179 — 
Königsthrone sein Sohn Otto I. Unruhen und Kriege erfüllten auch 
dessen Regierung. Graf Gero war, in unerschütterlicher Treue, 
der erste und der letzte, der für ihn sein Schwert die Feinde 
fühlen ließ, und seinem Könige mit Rath und That beistand. 
Den ersten Kampf eröffnete im Jahre 937 Thancmar, Otto's 
Halbbruder, aus Empfindlichkeit darüber, daß Graf Gero die 
Legaten st eile Gras Siegfrieds von Merseburg durch des Königs 
Gnade erhalten habe, da doch er, ein Neffe des verstorbenen 
Grafen Siegfried, nähere Ansprüche an dieselbe besitze, und daß 
ihm die mütterliche Erbschaft gänzlich entzogen werde. Der Aus 
gang seiner Unternehmungen, welche Eberhard, Herzog von Fran 
ken, und Wichmann, der ältere, begünstigten, war für ihn höchst 
unglücklich. Nachdem alle Drohungen und freundliche Ermahnungen 
vergeblich gewesen waren, wurde er in demselben Jahre geschlagen 
und genöthigt, sich nach Eresburg (Merseburg?) zu werfen, und 
wurde bei der Einnahme derselben am Hochaltare von Meinzo 
durch einen Lanzenwurf getödtet. Eberhard wurde für kurze Zeit 
nach Hildesheim verwiesen, Wichmann aber aufrichtig mit dem 
Könige ausgesöhnt. 
So blieb Gero im Besitze seiner Würde, und erscheint von 
nun an nicht als Graf von Merseburg, nicht als Königlicher 
Statthalter in Sachsen, sondern als Markgraf in Ostsachsen und 
in Brandenburg mit seinen Umgebungen. Seit dem Jahre 937 
werden auch die Grafschaften Gero's erwähnt, welche im Anfange 
oder Fortgange dieser Zeit, unter andern folgende Orte umfaßten; 
die erste: Biegern, (?) Bieren, Unseburg, Schwanburg. 
Brunnen, Bischofsdorf, Mackstädt, Ruderode, Frose, 
Trullingen, Beunendorf, Oster- und Wester-Egeln, 
Fantlevendorf, Adestanstedt, Helmandesdorf in Nord- 
Thüringen und im Schwabengau; die zweite: Pressitz 
Möser, Nedelitz, Loburg, Tuchen im Gaue der Moros- 
zaner. Die erstere grenzte nördlich mit Ditmars, südlich mit 
Christians Grafschaften. 
Nach Thancmar's Tode im Jahre 838 entfernte sich Heinrich, 
Otto's Bruder, welcher als königlicher Prinz von Geburt die 
nächsten Ansprüche an den Thron zu haben meinte, und seit 
Kurzem aus der Gefangenschaft Ebcrhard's von Franken entlassen 
worden war, mit Gedanken der Empörung, die Eberhard in ihm 
aufgeregt hatte, nach Lothringen. Hier fand er bei dem Herzoge 
von Franken und bei dem Herzoge Giselbert von Lothringen Unter 
stützung, obgleich diese selbst beide mit der Hoffnung, die deutsche 
Krone zu erlangen, sich schmeichelten. Bald sah sich Heinrich durch 
eine Niederlage, die seine Truppen bei Tanten am Rhein erlitten, 
und durch den Abfall seiner Freunde genöthigt, nach Sachsen zurück 
zugehen. Aber in Merseburg, wo die Besatzung, wie die zu 
Scheidingen, ihm treu geblieben war, mußte derselbe eine zwei 
monatliche Belagerung vom Könige aushalten und sehr zufrieden j 
sein, daß ihm ein Waffenstillstand von 30 Tagen bewilligt wurde, 
damit er während desselben Sachsen verlassen könne. Er ging 
wieder nach Lothringen, wohin etwas später Otto folgte und die 
Belagerung Breisach's unternahm. Die mit Heinrichen verbündeten 
Fürsten ergriffen die Offensive, gingen bei Andernach über den 
Rhein und verwüsteten die östlichen Umgebungen dieses Flusses. 
Sie waren mit reicher Beute in der Rückkehr über denselben be 
griffen, als die fränkischen Grafen Udo und Konrad im Jahre 939 ! 
ihnen ein siegreiches Treffen lieferten, und den König aus seiner 
bedenklichen Lage erretteten. Eberhard blieb auf dem Schlacht 
felde, Giselbert wollte über den Rhein entfliehen, fand aber in 
dessen Strömungen sein Grab; Friedrich, Erzbischof von Maynz 
wurde nach Fulda, Rudhard, Bischof von Straßburg, nach Neu- 
Corbei in's Exil geschickt; Heinrich entwich nach Frankreich, bekam 
aber später die Erlaubniß, sich in Lothringen aufzuhalten. 
Die Slaven wußten diese inneren Kriege Deutschlands Vor 
theilhaft zu benutzen. Sie fielen oft mehrere Oerter zu gleicher 
Zeit an, raubten, mordeten, brannten. Gero's Streitkräfte wurden 
in der lebhaftesten Thätigkeit erhalten. Der Aufstand war allge 
mein, und forderte um so schnellere und kräftigere Maßregeln, da 
sie Brandenburg und den größten Theil von dem, was sie an 
Heinrich I. verloren, bereits wieder erobert hatten. Zugleich faßten 
sie den Entschluß, den ihnen furcbtbar gewordenen Markgrafen 
Gero hinterlistig aus dem Wege zu räumen. So geheim sie 
ihre Anstalten betrieben, so wurden dennoch ihre Absichten entdeckt. 
Gero, der Hinterlist mit Hinterlist entgegenkommend, tödtete gegen 
dreißig, durch ein glänzendes Gastmahl erheiterte und 
v om Wein berauschte, vornehme Wenden in einer Nacht.*) (Bergl. 
die Illustration.) Dagegen hatten die Obotriten den königlichen Feld 
herrn Haien nebst seinem Heer eingeschlossen und vernichtet, wodurch 
Gero's Grenzen dem Feinde offen standen. In seiner Bedrängniß sandte 
er zu dem Könige, welcher seinem Bruder in Merseburg den 
Waffenstillstand bewilligte, und ihm die gewünschte Unterstützung 
zukommen ließ. Auch gelang es, einen ehemaligen Häuptling der 
Heveller, Tugomir, welcher lange bei Heinrich I. gelebt hatte, durch 
Geschenke und Versprechungen dahin zu vermögen, daß er sich in 
Brandenburg wieder aufnehmen ließ und diese Stadt mit ihrem 
Gebiete in die Gewalt des Königs zurückbrachte. Dies hatte dann 
zur Folge, daß sich die Slawen bis an die Oder unterwarfen, 
und zum Theil das Christenthum annahmen. 
Die Ruhe der Waffen währte nicht lange; denn jetzt, im 
Jahre 940, entstanden Meutereien im Heere Gero's. Dieses war 
durch anhaltende Strapazen ermüdet und konnte, wegen ausklei 
denden Tributs, weniger durch Gcldvertheilungen und Belohnungen 
unterstützt werden. Daher die Abneigung gegen den Anführer und 
selbst gegen den König, weil dieser zum allgemeinen Besten des 
Staats seinem Markgrafen immer beistand. Diese unruhige 
Stimmung wurde noch dadurch erhöht, daß Heinrich, welcher die 
Hoffnung zur Regierung zu gelangen, abermals in sich aufleben 
ließ, die Truppen durch Abgeordnete und Geschenke für sich zu 
gewinnen suchte. Indeß wurde, kurz zuvor ehe der König das 
Osterfest 941 zu Quedlinburg feierte, die lange im Geheimen unter 
haltene Verschwörung Heinrich's, welcher wieder am Hoflager 
erschienen war, glücklich entdeckt. Nach der Feier der festlichen 
Tage wurden viele der angesehensten Verschworenen enthauptet 
oder verwiesen. Heinrich entfloh zum zweiten Male aus dem 
Reiche. Nun war es dem Könige möglich, auch die Empörung 
unter den Truppen Gero's zu dämpfen. 
Noch in demselben Jahre (941) am 6. Julh erließ der König, 
in Rore, zu Gunsten des jungen Siegfried's, des Sohnes Gero's, 
ein Dekret folgenden Inhalts: 
„Den Bitten unsers geliebten Markgrafens Gero und anderer 
Grafen nachgebend, haben wir dem Sohne deffelben Gero's unserm 
Taufsöhnchen, mit Namen Siegfried, in der Grafschaft seines vor 
genannten Vaters, im Gau Sueven, zum Eigenthum eingeräumt 
*) Anm. der Red. Die Stelle heißt bei Wittig: Quievit Saxonia 
post haec ab intestinis bellis paueis diebus. Barbari autera, labore nostro 
elati, nusquam ab incendio, caede, ac depopulatione vacabant, Gero- 
nemque, quem sibi rex praefecerat, cum dolo perimere cogitant, ipse 
dolum dolo praeoceupans, convivio claro delibutos ac vino sepultos, ad 
triginta fere principum barbarorum, una nocle exstinxit. Hier ist un 
bestimmt gelassen, ob Gero die Fürsten zu sich geladen hatte, oder 
ob er dieselben bei einem von ihnen selbst veranstalteten Gastmahl 
übersiel. Und so erschien im Jahre 1838 in den „Beiträgen zur Geschid)te 
der Niederlausitz" ein Anfsatz von Gallus unter dem Titel: „Ließ 
Markgraf Gero wirklich 30 wendische Fürsten ermorden?" in 
welchem die Frage nach der Seite verneint wurde, daß er die Gela 
denen ermordet habe, daß er also einen Treubruch gethan habe. In welchem 
vielmehr nachgewiesen wurde, daß er die beim Festmahl versammelten 
Fürsten, welche den Rachezug gegen die Deutsche» planten, überfallen 
und getödtet habe.
        
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