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Volume 1. Januar 1883, Nr. 14

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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großartiges, nicht nur auf die äußerliche Unterjochung der wen 
dischen Stämme, sondern auch auf ihre Bekehrung hinarbeitendes 
Angriffsshstem organisirte, der mit Hülfe desselben das ganze 
Wendenland bis an die Oder der deutschen Herrschaft botmäßig 
machte, den Schrecken des deutschen Namens bis tief in die sarma- 
tischen Ebenen trug, die Polen selbst demüthigte und endlich das 
Aufblühen und Gedeihen der christlichen Kirche in diesen Ländern 
unter seinen mächtigen Schutz nahm. 
Nach seinem Tode ist die große von ihm begründete Macht, 
die er begründet und deren Fortbestand unfehlbar zu einer starken 
thüringisch-slavischen Herzogsgewalt geführt hätte, zer 
splittert. Die nördlichen Theile, die Nord mark oder wie man sie 
später nannte, die Altmark wurden mit der Aufsicht über die 
wendischen Stämme bis zur unteren Oder dem Markgrafen 
Thiadrich untergeben; die spätere Ostmark oder Mark Lausitz, die 
sich bis zur Warthe erstreckte, wurde zwischen Gero's Schwestersohn 
Thietmar und dem Markgrafen Hodo getheilt. Aus dem 
südlichen Striche endlich, der alten südthüringischen Mark, längs 
der böhmischen Grenze bis gegen den Bober hin, welche sich in 
Folge zur Mark Meißen ausbildete, wurden unter den Mark 
grafen Günther, Wigbert und Wigger drei kleinere Marken 
geschaffen. 
Es war die Politik des deutschen Königs, die ungewöhnliche 
Macht, die Gero besessen, zu theilen; aber den Marken selbst ist 
aus dieser Maßregel kein Segen erwachsen. Ich komme am 
Schluffe darauf zurück. 
Graf Gero, welcher den Beinamen des Großen sich erwarb, 
wurde im Jahre nach Christi Geburt 890 auf der väterlichen Burg 
Gcredorf im Schwaben-Gau geboren.*) Zwischen Quedlinburg 
und Ballenstädt auf dem Hügel in der Mitte eines Thales steht 
ihr fünfzig Fuß hoher Burgthurm noch gut erhalten. 
Gero's Bruder war Gras Siegfried; seine Schwester Jda war 
mit dem Markgrafen Christian vermählt. Er selbst gehörte zu den 
Sächsischen Edlen, welche unter Heinrich I. und Otto I., im 
Dienste des jungen Staates, zu Reichthum und Ehre gelangten. 
Seine Kriegsschule waren die Feldzüge des ersten Deutschen Königs 
aus dem Hause Sachsen, von denen, wegen ihrer Wichtigkeit für 
die folgenden Zeiten, zunächst Einiges zu berühren ist. 
Nach der Trennung von Hathburg, einer Tochter des 
Grafen Erwin, Herrn des größten Theils von der Altstadt Merse 
burg, welche im Jahre 911 den Thancmar geboren hatte, ver 
mählte sich Heinrich, ein Sohn Otto's, Herzogs zu Sachsen und 
Thüringen, im Jahre 912, zu Walhausen an der Helme, mit 
Mathilden, einer Tochter Graf Dietrichs im westlichen Sachsen aus 
Witekind'schem Geschlechte. Seinem Vater folgte er als Herzog 
im Jahre 914, und ward alsobald genöthigt, seine Rechte und 
Besitzungen gegen den König Conrad I. zu vertheidigen, und mit 
Hülfe seiner Sachsen zu erobern, wobei er die Freunde des Königs, 
Burchard und Bardo, aus seiner Nähe vertrieb. Der König sandte 
ein starkes Heer unter seinem Bruder Eberhard gegen Heinrichen 
aus, das dieser bei Evesburg (Stadtberg an der Diemel) schlug. 
Auch die von Conrad 1. selbst im Jahre 916 belagerte Veste Grona 
(bei Göttingen), in welcher Heinrich sich befand, wurde glücklich 
entsetzt. Dieser blieb der mächtigste Herzog der Deutschen. Am 
22. November 919 starb der König Conrad I. und Heinrich wurde 
dessen Nachfolger. 
Die Nachricht von der auf ihn gefallenen Wahl machte seine 
Freunde sehr froh, die Friedensstörer sehr traurig, weil er ein 
Mann war, der die Seinen mit Weisheit zu behandeln, die 
Feinde durch Klugheit und Tapferkeit zu demüthigen verstand. 
*) Die eigentlichen Familien - Nachrichten sind entnommen aus An 
dreas Popperods Gerenrodischen Annalen vom Jahre 1564 in II. Mei- 
bomii Scriptt. rer. German. Tom. II, Heimst. 1688. 
Eines solchen Königs bedurfte Deutschland, welches von Slaven 
und Ungarn verheert, in seinen Herzogthümern getrennt, dem 
Untergange entgegeneilte. Er rettete das Vaterland. 
Nachdem König Heinrich I. sein Ansehen in Bayern, 
Schwaben und Lothringen befestigt hatte, dachte er vorzüglich auf 
Mittel, seinen Hauptfeinden, den Ungarn und Slaven, zu be 
gegnen. Die ersten verheerten ganz Sachsen im Jahre 924. 
Dem Könige gelang es, einen Anführer der Feinde, der diesen 
sehr wichtig war, gefangen zu nehmen. Seine übrigens höchst 
ungünstige Lage bestimmte ihn, bei der gesuchten Auswechselung 
dieses Gefangenen auf einen 9jähngen Waffenstillstand gegen 
jährliche Geschenke zu dringen, welchen er erhielt und eifrig be 
nutzte, um Burgen und Städte zu erbauen und zu befestigen. 
Er vermehrte die ihm vorzüglich nöthige Reiterei, schützte dieselbe durch 
eine neue Rüstung gegen die gefährlichen Pfeile der Gegner und 
wandte seine Macht an die nördlichen und östlichen Provinzen 
des Reichs. 
Gegen die Slaven wurde der Krieg besonders lebhaft im 
Jahre 926 geführt, und der Hauptort der Heveller, Schorelitz 
oder Brandenburg, dessen umliegende Sümpfe hartgefroren waren, 
mit Sturm erobert. Darauf zog Heinrich gegen die Dalemin- 
cier, zwischen der Saale und Elbe und gewann ihre Veste Gana, 
nach einer 20 tägigen Belagerung. Wenceslaw, Herzog von 
Böhmen, mußte ebenfalls die Landeshoheit des deutschen Königs 
anerkennen. Ueberhaupt waren die Böhmen, Dalemincier, Obo- 
triten, Milzen, Heveller und Redarier zum Tribute genöthigt 
worden. 
Als aber der Friede von dieser Seite errungen zu sein schien, 
fielen die Redarier im Jahre 930 plötzlich wieder ab, griffen die 
Stadt Walsleben an, zerstörten dieselbe und tödteten ihre Be 
wohner. Diese gelungene Unternehmung regte die benachbarten 
Völkerschaften von Neuem zum Kriege auf. Allein Bernhard, 
Königlicher Legat über das Land der Redarier, und Graf Dit- 
mar erfochten in den ersten Tagen des September's über die 
Feinde, welche die belagerte Stadt Lunkini (Lenzen an der 
Elbe) entsetzen wollten, einen großen Sieg, nach welchem die 
Stadt sich ergeben mußte und der Aufruhr gedämpft wurde. 
Als inzwischen der Waffenstillstand mit den Ungarn abgelaufen 
war, veranlaßte Heinrich, hinlänglich vorbereitet, den Krieg mit diesem 
Volke, indem er ihnen die bisherigen Geschenke verweigerte. Unter 
den schrecklichsten Verwüstungen fielen sie im Jahre 934 in 
Deutschland ein. Eins ihrer Heere wurde bei Jechaburg, un 
weit Sondershausen, von den versammelten sächsischen und thü 
ringischen Edlen geschlagen, ein anderes bestürmte Merseburg. In 
der Nähe dieser Stadt zogen sich die Feinde zusammen, als sic 
die Niederlage bei Jechaburg und die Annäherung Heinrichs ver 
nahmen. Er eilte von Skopau heran, bezog ein Lager bei Keusch 
berg, und brachte den 8. September am Gehölze Stolzig (Skölzig) 
dem Feinde eine Hauptniederlage bei. Ein glücklicher Feldzug 
gegen die Ucker-Wenden wird aus demselben Jahre von den 
Chronisten erzählt. 
Als König Heinrich am 2. Juli 936 zu Meinleben an der 
Unstrut starb, wurde er im St. Peters-Münster zu Quedlinburg 
beigesetzt. Um jene Zeit vermählte sich Graf Gero mit Mag- 
dalenen, Alberts, Grafens von Askanien und Ballenstädt, 
Tochter*), welche ihn Vater von 2 Söhnen und einer Tochter 
werden ließ. Der nach dem Vater benannte junge Gero starb in 
früher Jugend, Siegfried in den blühendsten Jahren, Jda er 
wählte sich das Kloster. 
Heinrich dem Ersten und Großen folgte auf dem deutschen 
*) Uxorem duxit Magdalenam, Comitis Alberti Anhaltini siliam 
Worte des (von Popperod verfaßten) Epigramms in den Gerenrodischen 
j Annalen pag. 425.
	        
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