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Periodical volume 1. Januar 1883, Nr. 14

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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Zur selben Stunde schaute Dora Entlein vom Fenster 
ihres Zimmers in die schweigende Nacht hinaus, durch die der 
Mond leuchtend emporstieg, sein bleiches Licht in den ruhigen 
Wogen des Meeres spiegelnd, das sich unermeßlich vor ihr 
ausdehnte. Still faltete das Mädchen die Hände; ihre ganze 
Seele war erfüllt von Dank gegen Gott, der die Welt so 
schön und die Menschen so gut gemacht. — 
(Fortsetzung folgt.) 
Die Brandenburger im 30 jährigen Kriege oder das 
Kriegswesen in Brandenburg und Preußen in der 
ersten Halste des 17. Jahrhunderts. 
Von K. Luller. 
Motto. 
„Und ist erstlich und furnemlich hoch vonnöthen, das in 
der Jugent ein ieder mansperson, wie den dieselben vor- 
nemlich zu kriegen gebraucht müssen worden, etwas 
steifsig lern, und studiren in Theologia, vornemlich da- 
rumb, das er lerne Gott erkennen, recht in Inen alleindt 
glauben, lieben und furchten 
Herzog Albrecht v. Preußen. 
Kriegsordnnng sol. 6 von 1555. 
Unser ruhmgekröntes preußisches, jetzt deutsches Heer entbehrt 
zur Zeit noch einer Gesainmtgcschichte. Ja sogar seine An 
fänge sind zum Theil wenig bekannt. Mag das an der Ver 
worrenheit der Zeit selbst liegen, in der das Heer geboren 
wurde, sicher ist, daß die bisherige Geschichtsschreibung eigentlich 
erst mit der Zeit der Schlacht von Warschau beginnt. An jenen 
Tagen der Ehre (18. bis 20. Juni 1656) erscheint die Armee des 
großen Kurfürsten plötzlich wie eine vollendete Thatsache. Welcher 
Mühen aber, welcher oft vergeblichen Versuche unter den schwie- 
^lgsten Zeitbedingungen es bedurfte, um nach und nach die leben 
dige Waffe zu schaffen, mit der Kurfürst Friedrich Wilhelm dem 
Brandenburgischen Namen Ruhm und Ansehen von den Vogesen 
her bis zum Niemen hin verschaffte — das ist noch wenig ge 
würdigt. Die Erfahrung lehrt: bezahlte Kurfürst George Wil 
helm das Sammeln der Erfahrung oft theuer genug, irrte er auch, 
wie in seiner Politik, so in den Mitteln zur Vertheidigung seines 
Landes, die Zeit war wahrlich überall zum Irrthum angelegt, und 
dennoch geschah es unter seiner Regierung, daß der Grund gelegt 
wurde zu einem Heerwesen, das in den verschiedensten Perioden 
die Bewunderung Europas auf sich zog und in unsren Tagen das 
deutsche Reich von Neuem geschaffen hat. Grund genug bei der 
Zeit George Wilhelms zu verweilen, um die ersten Anfänge unsres 
Heeres zu schildern und zu würdigen. 
Einleitung. 
Die deutsche Herrschaft in den weiten Landstrichen östlich der 
Elbe ist im Kampfe gegeir fremde Volksstämme durch die Macht 
der Waffen gegründet worden. Es war eine Sühne längst ver 
gangener Zeiten, die ein Land wiedergewinnen ließ, welches vor 
dem Eindringen der Slaven dauernd von Deutschen bewohnt 
worden tvar. An den deutschen Ostgrcnzen erwuchs nun ein kräf 
tiger Volksstamm und gewann immer weitere Ausdehnung, während 
andrerseits spätere unglückselige Erschlaffung echt deutsches Land im 
Westen des Reiches fremden Eroberern überließ. Aber auch dies 
wurde gesühnt. Die Marken aber und Preußen mußten erst mit 
vielem deutschen Blute gedüngt werden, ehe dort im Kampfe gegen 
Slaven die Markgrafen, hier den Letten gegenüber der deutsche 
Orden, ihre Herrschaft dauernd begründen konnten. Aber dort, wie 
hier wurden die Waffenerfolge unterstützt durch das sittliche Be- 
wußtsein, heidnischen Völkern Cultur und Christenthum bringen zu 
können. Beide Länder bewahrten, fern von dem eigentlichen 
Schwerpunkte Deutschlands und nicht immer die gleichen Interessen 
mit Kaiser und Reich theilend, ihre Eigenthümlichkeit in der Ent 
wickelung und indem sie gleiche Zwecke verfolgten, mußten sie schon 
früh init einander in Beziehung treten. Zwar waren die Erfolge 
dem mächtigsten slavischen Staate, Polen, gegenüber nicht immer 
vom Glücke begünstigt, dennoch konnte eine feste Verbindung beider 
Länder der Marken und Preußens auf die Dauer nicht verhindert 
werden. Nun aber, mit der Vereinigung unter einer Herrschaft, 
erwuchs dem sich neubildenden Staatswesen Brandenburg-Preußen 
ein noch viel mächtigerer Feind im Norden in dem Skandinavis- 
mus, der zu Anfang des 17. Jahrhunderts, getragen von einem 
hervorragenden Kriegsfürsten den Bestand sogar des römischen 
Reiches in Frage stellte. So mußte denn Brandenburg-Preußen 
als erstes Angriffsfeld in manchen harten Kämpfen um sein Be 
stehen ringen und erst nach zwei Jahrhunderten, erst in unsrer 
Zeit ist der Nordischen Ueberhebung Grenze und Ende gesetzt 
worden. 
Noch war keine feste Verbindung beider Länder gewonnen, 
als ebenfalls zu Anfang des 17. Jahrhunderts, in Wahrung er 
erbten Rechtes, unsere Fürsten an den Westgrenzen des Reiches 
neue Lande in Besitz nahmen und mit den Waffen behaupten 
mußten. 
So rang der Staat nach eigener geschlossener Bildung vom 
Rhein bis zum Niemen in einer Zeit, die selbst aus den Fugen 
zu gehen schien. Wahrlich keine geringe Aufgabe. Es sei ver 
sucht, jene ersten Kämpfe des sich zusammenfügenden Staates, des 
sich bildenden Heeres, jene ersten schwachen Bemühungen zu er 
zählen, an denen zur Wahrheit werden sollte das alte Wort: 
parva seintilla excitat magnas flammas. 
Doch zuvor scheint es nothwendig, die Entwicklung des Heer 
wesens in beiden Ländern bis zur Zeit des großen deutschen 
Krieges zu verfolgen. Indem wir dieselbe in großen Zügen dar 
legen, hoffen wir, daß diese scharf genug sein, die Schwierigkeiten 
zu erkennen, mit denen die Forderungen einer neuen Zeit sich an 
knüpfen mußten. 
Das Heerwesen in Brandenburg zur Zeit der Mark 
grafen. 
Von der Altmark aus hatten die Markgrafen alles Land bis 
weit über die Oder hinaus, theils durch das Recht der Eroberung, 
theils durch freie Schenkung erworben. Dazu war ihnen schon in 
den ersten Zeiten für den Verlust der sächsischen Herzogswürde die 
Veste Brandenburg als Lehn und Königliche Kammer übergeben 
und daran das Wahlfürstenthum geknüpft worden. Alles Land 
sonst war ihr unbestrittenes Eigenthum und sie vergaben es ihren 
deutschen Mannen, die bei der Eroberung mitgewirkt, wofür diese 
wieder die kriegerische Lehnspflicht übernahmen. Wohl mochten 
trotz der Jahrhunderte langen Slavenherrschaft sich viel ursprüng 
lich deutsche Elemente im Lande gehalten haben, die nun mit den 
neuen Colonisten so wunderbar schnell die Germanisirung des Lan 
des ermöglichten. Dies ist gewiß auch der Grund, daß wir in 
den weiten Marken keine Spur von Leibeigenschaft bemerken und 
daß hier das Bewußtsein der allgemeinen Verpflichtung 
zum Kriegsdienste, als ein an die Freiheit geknüpftes Erfor 
derniß, sich durch alle Zeiten erhielt. Das unbestrittene Besitz 
recht der Markgrafen ließ auch nicht die Reichsfreiheit der Geist 
lichkeit, des Adels oder der Städte emporkommen, wie sie im 
Mittelalter sonst überall im Reiche erscheint. Daher im Lande 
auch festere Bande zwischen Fürst und Volk. Die Marken waren 
in Vogteien getheilt, deren Vorsteher nicht allein im Frieden die 
Stelle des Markgrafen vertraten, sondern auch im Kriege mit der 
Sammlung, der Organisation und Führung der Lehnsleute und 
der zur Heercsfolge Verpflichteten betraut waren. Ausgenommen
        
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