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Volume 1. Oktober 1882, Nr. 1

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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Danach heißt also ursprünglich „voin blauen Blute" nichts 
anderes als blutsverwandt — und zwar sowohl für die eheliche 
wie uneheliche Descendenz — mit dem königlichen Hause von 
Frankreich. Dieses sang bleu ist darum auch niemals weiter 
als auf die cousins de Roy ausgedehnt worden. Nur in 
Deutschland hat man dann allmählig „blaues Blut" als ein Attri 
but adliger Geburt überhaupt gebraucht. 
Bon Rechts wegen aber ergiebt sich aus Vorstehendem, daß 
trotz des häufigen Sprachgebrauchs für den deutschen Adel kein 
„blaues Blut" in Anspruch genommen werden kann, selbst für die 
jenigen Fürsten- und Adelsgeschlechter nicht, deren Ahnen bis zu 
den Paladinen Karls des Großen hinauf verfolgt werden können. 
Und solche Stämme,*) von denen das Lied sagt 
„Nur edle Stämme ragen so gewaltig, 
daß Sagen — Wolken gleich — ihr Haupt umfliegen, 
besitzen wir heute nicht mehr Viele. 
Wenn wir also die Entstehung des Wortes sang bleu be 
rücksichtigen, so giebt es in Deutschland keinen blaublütigen 
Adel, da unseres Wisiens kein deutsches Adelsgeschlecht blutsver 
wandt mit den sianzösischen Bourbons ist. 
Dagegen sind mit dem deutschen Kaiserhause blutsver 
wandt außer der Mehrzahl der regierenden deutschen und aus- 
tvärtigen Fürstenhäuser, wie Bayern, Baden, Würtemberg, Hesien, 
Anhalt, Mecklenburg-Schwerin und Strelitz, die königl. (Nieder 
ländische) Ottonische Linie des Hauses Nasiau, das Russische 
Fürstenhaus, Oldenburg, Holstein re. noch die Radziwills. Hierzu 
zu rechnen sind ferner noch die Grafen Brandenburg, Jngenheim 
und Hohenau, außerdem die Waldenburgs, Wildenbruchs und 
Prillwitz. — D. 
I»ie Königreiche im Vriesekang. Durch die Zeitung lies 
die Nachricht, daß die sogen. Franzosen-Eiche im Pödelister 
Forste, Kr. Quersurt, unter welcher Napoleon nach der Schlacht 
bei Leipzig gerastet haben soll, kürzlich gefällt worden ist. Der 
Stamm, auf 18 Fuß Höhe kerngesund, wog 27V Ctr. Das Alter 
des Baumes wurde nach den Jahresringen auf 425—450 Jahre 
geschätzt. Deutschland, hieß es in der Notiz, dürfte nicht viele 
derartige Bäume mehr auszuweisen haben. Einer der ältesten ist 
wohl die Riesen-Eiche in Kadinen bei Elbing. 
Nun meinen wir, eine der allerältesten Eichen ist die im 
Brieselang beim Finkenkrug. Wir haben die Eiche in 
letzterer Zeit nicht gesehen und wissen darum nicht, in welchem 
Zustande sich der Baum gegenwärtig befindet. Damals lebte er 
noch, hatte 8 Fuß Durchmesser, eine Höhe von 80—100 Fuß 
und man brauchte 20 Schritt, um den Baum zu umschreiten. 
Sein Holzinhalt wurde von Forstbeamten auf 25 Klafter 
und sein Alter auf 1000 Jahre berechnet. Die Mehrzahl unserer 
Leser wird den Baum bei ihren Ausflügen nach dem Finken trug 
gesehen haben. Damals, als wir den Baum zuletzt schauten, zu An 
sang der siebziger Jahre, äußerten Forstbeamte, daß derselbe noch 
über 100 Jahre stehen würde. 
Zur Zeit des Turnerenthusiasmus, in den Tagen Jahns und 
der Turnerei, wurde die Brieselangeiche Wanderziel und Sym 
bol, und später 1862 empfing sie von Mitgliedern des Nauener 
Turnvereins eine Jnschristtafel, die sich bis in die jüngste Zeit er 
halten hatte. 
Zur Zeit der Wendenherrschaft verlebte die Eiche ihre Jugend, 
*) Ich würde gern einmal im „Bär" von berufener Feder die Ge 
schichten derjenigen noch bestehenden Adelsfamilien bringen, welche 
ihren Ursprung bis auf die alten Herrschergeschlechter deutschen oder 
slavischen Ursprungs zurückdatiren können. 
dann sah sie die Anhaltiner, Bayern und Luxemburger und seit 
468 Jahren die Hohenzollern. Sie lebte ein beständiges Gleich 
maß im beständigen Wechsel. Seit 75 Jahren pilgern die Turner 
zu ihr, seit 30 Jahren auch die Berliner Landpartien. — 
Kine Erinnerung an Kaiser Karl IV. In seinen „Bildern 
aus der Altmark" erzählt Ludolf Parisius von dem Böhmenkönige 
Karl, der auf Tangermünde saß und der, wie Kaiser Wilhelm, 
bis dahin der einzige deutsche Kaiser gewesen ist, der zugleich Be 
herrscher der Mark Brandenburg war. Seit 500 Jahren, seit 
November 1377, hat Kaiser Karl die Mark nicht wieder gesehen, 
und ein halbes Jahrtausend ist doch eine gewaltige Zeit. Man sollte 
meinen, daß alle Erinnerung erloschen sein müßte; ein lustiger 
Rundgesang aber vom Kaiser Karl lebt heute noch im Volke. 
Das hohe Kaiserschloß und die kostbare Kapelle mit ihren 
wunderthätigen Heilthümern und was sonst der pfaffensieundliche 
Kaiser auf der Burg Tangermünde gründete und stiftete, — alles 
ging bereits vor Jahrhunderten zu Grunde. Längst erlosch in der 
Altmark jede Erinnerung an die weiten Pläne seiner Politik. 
Nichts blieb von Allem übrig, — als ein feiner lustiger Rund 
gesang, der einzig und allein noch Zeugniß giebt von den spaß 
haften Geschichten, die nach En zelt vor dreihundert Jahren über 
den „kurzweiligen" Herrn Kaiser zu Tangermünde im Volksmunde 
umgingen. Noch heute singt man zuweilen in Stadt und Land.' 
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und so fort bis derjenige, dem der Sang gesungen wird, ausge 
trunken und die Nagelprobe gemacht hat, — 
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örtcf- und Fragckastcn. 
An unsere Leser. Wer keimt ein gutes Bild des Memoirenschreibers 
Baron Pöllnitz? 
Alter Abonnent. Das Buch «xistirt nicht. 
C. F. Besten Dank. 
A. P. Unsere ist die richtige. 
Th. A. Ich möchte auf den Aufsatz verzichten. 
Nnverlangte Manuskripte werden nicht iurii «kg e fa n d». An 
fragen re. ist stet« da« Porto in Marken für die Antwort bei,»füge». 
Anhalt. 
Jungmeister Georg und seine Käthe, eine Erzählung aus dem Jnnungs- 
leben des 17. Jahrhunderts von Hermann Heinrich; Meine erste Reise 
in Schlesiens Berge, Novelle von A. von Sente»; Aus der Zeit unserer 
Vorfahren, Holzschnitt nach dem Gemälde von Fr. Aug. Kaulbach; 
Professor Fritz Schaper (mit Portrait); Berlin und Kölln anno 1250 
von Oskar Schwebet (mit einer Illustration von E. Müller); Pots 
damer Spukgeschichten von Ludovika Hesekiel; Zur Geschichte des 
Berliner Witzes (mit drei Illustrationen); Blau Blut; Die Königseiche 
im Brieselang; Eine Erinnerung an Kaiser Karl IV. Brief- und 
Fragekasten. — 
Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Emil Dominik in Berlin W. — Verlag von Gebrüder Paetel in Berlin W. 
Druck: W. Moeser Hosbuchdruckerei in Berlin 8. — Nachdruck ohne ausführliche Quellenangabe ist untersagt.
	        
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