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Periodical volume 23. Dezember 1882, Nr. 13

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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einen Imbiß, einen Trunk ersuchten und nicht Selbsthilfe 
brauchten. 
Nur Meister Antoine, der Invalide von Magenta, war 
guten Muthes, ein Kriegslicd pfeifend stand er am Fenster 
und trat mit seinem Stelzfuß den Takt der Melodien, tvclche die 
vorüberziehenden Rcgimcntsmusiken spielten- Dabei reichte er 
Wein, Brod und Cigarren, wohl aus eigener Erfahrung ! 
wissend, daß es weit klüger ist, freiwillig dem Soldaten zu 
geben, als abzutvarten, bis er sich's nimmt- 
Sein Haupt schmückte die alte Soldatenmützc, sei» Knopf 
loch zierte die Ehrenlegion am rothen Bande. Ihm zur Seite 
stand sein Kind Madcleine und sein blondgelocktes zehn- j 
jähriges Svhnchen Antoine, dem Vater bei dem Liebeswerke 
helfend. 
Dicht am Fenster hielt ein Infanterie-Bataillon. Ein 
junger Offizier stand neben seinem Zuge. Der alte Invalide 
mit der Soldatenmütze auf dem Kopfe, die Ehrenlegion auf 
der Brust, das liebliche Kind an seiner Seite, erweckten sein 
Jntcreffe, er grüßte freundlich mit der Hand und fragte: wo 
er sich das Ehrenband verdient. 
„Bei Magenta!" gab er stolz zurück. „Bei Gott, Herr 
Lieutenant, wenn ich mein zweites Bein nicht dort gelaffcn 
hätte, Sie sähen mich heute hier nicht müßig stehen!" 
Der junge Offizier nickte ihm zustimmend zu, die schlichte ! 
soldatische Art des alten Invaliden berührte ihn angenehm. 
„So, meine Kleine," wandte er sich an die Kinder, „gieb 
mir auch einen Trunk," und nahm den B> er rothen Weines, 
den ihm Anette schüchtern reichte. In diesem Augenblick | 
war's, als man den ersten Verwundeten — einen Husaren 
offizier — hereintrug; ohne sich einen Augenblick zu besinnen, j 
sprang der Offizier hinüber und reichte den vollen Becher dem 
blessirten Kameraden, stumm nickte der seinen Dank und sog 
begierig den stärkenden Trank. 
„An die Gewehre!" erscholl das Commaudo. 
Fort ging's; stumm mit der Hand den Abschied dem In 
validen und seinem Kinde winkend zog der junge Offizier von 
dannen. 
„Wenn sie „den" nur nicht gerade todtschießcn, Papa!" 
— klagte die Kleine — 
Der Alte sah ihm sinnend nach. — 
„Er steht in Gottes Hand, mein Kind, tvie Du, wie ich 
und wie wir Alle! Amen!" — 
Die Lust erzitterte bald darauf von jenen wilden Tönen 
des Schlachtgetümmels, die Herzen bebten bei ihrer Allgewalt, 
doch die da fochten, standen in Gottes Hand. 
Heute Morgen beleuchtete die Sonne noch ein frohes 
Bild des Friedens, jetzt erfüllte ein Klagelaut des Städtchens 
Straßen, Tausende von Blessirten suchten und fanden hier 
Unterkunft. — 
Anette saß still im äußersten Winkel des kleinen Zim 
mers, sie mochte Nichts mehr sehen, das Drängen und das 
Treiben machten sie matt und müde, bald schlief sie, im Stuhle 
sitzend, ein, die Mutter brachte sie zu Bett, sic faltete die 
Hände und bat den Lenker aller Schlachten für Alle, die dort 
fochten, doch für den Einen ganz besonders innig. 
* 
* * 
Der Offizier rückte an der Spitze seiner Kompagnie zum 
Thore hinaus nach Preußischer Art, dem Kanonendonner fol 
gend, marschirte er die steile Anhöhe, die sich unmittelbar 
hinter Gorze nach Metz zu erhob — hinauf. — Hunderte 
von Verwundeten, von Sterbenden wurden ihm entgegen ge 
tragen, ein Anblick, welcher das Herz jedes braven Soldaten 
wohl schmerzlich rührt, doch nicht erzittern läßt. 
Wie ein guter Genius umschwebte ihn das Bild der 
lieblichen Kleinen, weithin flogen seine Gedanken, hin zu der 
Heimath, blühte auch ihm doch dort ein lieber, blonder Locken 
kopf, schlug doch auch dort für ihn ein Kinderherz, das seine 
Bitte» für den fernen Vater aufsteigen ließ zum Himmel. 
Die Kugel» pfeife» schon gewaltig, hin stürzt ein Mann 
im Gliede, dort ein zweiter, es folgen mehrere, der älteste 
Offizier der Kompagnie, zu Tode getroffen, sinkt schon nieder 
— ein Händedruck, ein letzter Abschiedsblick — dann voran 
— mit Gott für König und für Vaterland! 
Die Fahne los, sie flattert stolz im Winde, der Preußen 
Aar reckt seine Schwingen, der Waldessaum ist jetzt erreicht, 
dort, kaum gedeckt durch das Gestrüpp, trägt man die Schwer- 
verwundeten zusammen, der Samariterdienst entfaltet seine 
Blüthen, wie Vieles will er — wie Weniges kann er thun. 
Die Kompagnie steht wie die Felsenmauer, im Angesicht 
des Todes faßt sie Posto, der Adjutant fliegt herbei auf 
schaumbedecktem Rosse — „9hir vorwärts bis zur Kuppe!" — 
dann sprengt er zurück, drei Kugeln haben ihn erreicht, er 
sinkt vom Pferde, er bleibt im Bügel hängen, der braune 
Wallach schleift seinen Herrn, jetzt reißt der Riemen, ein 
jugcndvolles Herz hat ausgeschlagen. 
„Avanciren!" commandirt der Führer, nur etwa Zwanzig 
erheben sich, die Offiziere liege», sie traf das Blei des Feindes, 
nur er tst allein gesund und frisch — da, ein schriller Schmerz, 
er sinkt zusammen, der Splitter der Granate sitzt ihm 
im Fuße. 
Es wogt der Kampf, die Kugeln fliegen tvie der Hagel, 
den der Teufel streut, der Feind rückt vor, der Freund rückt 
an, Husaren, Kürassiere stürmen herbei, sie weichen nicht zurück, 
obgleich der Gegner wohl mehr denn doppelt, dreifach über 
legen. 
Das Gefecht kommt jetzt zum Stehen, er liegt noch auf 
derselben Stelle, ein zweiter Schuß streift seinen Arm. Da 
naht der Busenfreund mit seiner Kompagnie, er läßt ihn von 
dreien seiner Leute auf die Schultern nehme», um ihn zurück 
zutragen, die Mitrailleuse sendet jetzt ihre Grüße, die Träger 
stürzen, er mit, er hat den dritten Schuß bekommen. 
Da übermannt die Schwäche den verwundeten Offizier, 
er fühlt nicht wie die 4. und 5. Kugel ihn durchbohren, er 
schläft halb bewußt halb unbewußt, doch mitten in dem 
Schlachtgctüminel, da steigen Bilder lieblichmild vor seiner 
Seele auf. Das Kind des Invaliden von Magenta spielt 
mit seinem Kind daheim, sein Weib wäscht mit heißen Liebes 
thränen seine Wunden, und Ruhe, Linderung und Frieden 
kommt über ihn. 
Jetzt ist er erwacht, rings tiefe Nacht, nur einzeln noch 
ein Schuß und ab und zu ein herzergreifender Schrei von Einem, 
der allzuschwcr getroffen. Er ist nicht mehr allein, ein Häus 
lein seiner Getreuen, die Gott beschützte und nur aus leichten 
Wunden bluten ließ, ist um ihn versammelt. „Wie steht die 
Schlacht?" — fragte er noch halb im Traume. 
„Sieg!, Viktoria!, Gewonnen!" rufen sie durch ein 
ander. 
„Gelobt sei Gott."
        
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