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Volume 1. Oktober 1882, Nr. 1

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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ab; sie Alle sind nach der Tradition mit Geistern und Gespenstern 
bevölkert; ihr Haupt-Tummelplatz aber ist jenes Thurmgebäude 
hart an dem stillen Wasser des Heiligen See's, welches der Volks 
mund die Bibliothek nennt, obgleich es nie eine solche gewesen ist. 
In dem oberen Saale desielben, wo Bischoffswerder einst Geister 
beschwor, raffelt es mit Ketten, seufzt und klagt es um Mitter 
nacht. Die Geister, heißt es, die der König und sein General einst 
heraufbeschworen haben, sind nun in diesen Thurm gebannt, aber 
Niemand weiß ein Mittel zu ihrer Erlösung." 
Es entstand eine kleine Pause, dann sagte der Hauptmann: 
„Wie war mir denn, meine Gnädigste, gab es nicht auch in der 
Stadt selbst Spukhäuser und Spukgestalten?" 
„Freilich," entgegnete die Dame sehr eifrig, „und damit komme 
ich zu den Lokalsagen; sie sind gar nicht unbeträchtlich und wo mich 
da mein Gedächtniß im Stiche läßt, werde ich meine Jette zur 
Hülfe rufen, die ist ein Potsdamer Kind gleich mir und weiß in 
diesen Dingen noch beffer Bescheid als ich." 
Jette war die rechte Hand der Frau Geheimräthin, sie stammte 
aus der Siefertsgaffe und hatte sich vom Kindermädchen zur Wirth- 
schafterin heraufgedient; jeder von den Gästen der Geheiniräthin 
kannte sie, und sie wurde längst nicht mehr zu den Dienstboten 
gezählt. 
„Eine Spukgestalt aber will ich Ihnen vorher noch nennen, 
die den meisten von Ihnen bekannt sein wird," fuhr die Dame 
fort, „ich meine den General von Einsiedel, der allerdings auch 
wieder in den Sagenkreis Friedrichs des Großen gehört. Sie 
kennen Alle die Geschichte des unglücklichen Mannes?" 
Die meisten Anwesenden verneigten sich zustimmend, und der 
Affeffor sagte: „Ganz genau vermag ich mich derselben nicht mehr 
zu erinnern, meine gnädige Frau." 
„Der General von Einsiedel," begann die Gräfin, „zeichnete 
sich schon unter Friedrich Wilhelm I. in den Kämpfen mit Schweden 
aus, auch unter Friedrich II. pflückte er neue Lorbeeren, bis er im 
Jahre 1744 sich in Folge einer militärischen Affaire bei Prag die 
Ungnade des Königs zuzog. Er wohnte seitdem in dem hübschen 
weißen Hause an der Ecke des alten Marktes zu Potsdam, das 
er sich schon früher erbaut hatte, ein geistig und körperlich ge 
brochener Mann, obgleich ihn das Kriegsgericht freigesprochen 
hatte. In diesem Hause ist er auch gestorben, seine Leiche wurde 
in das Erbbegräbniß seiner Familie nach Wiesersdorf gebracht, 
aber in Potsdam erzählte man sich, Friedrich der Große habe den 
General in seinem eigenen Hause heimlich hinrichten lassen, und der 
Geist des unschuldig Gemordeten gehe seitdem darin um. Den 
Einsiedler nannte man das Haus kurzweg, nach dem redenden 
Wappen seines Erbauers, das über der Thür angebracht war, der 
Einsiedler heißt es noch heute und dem freundlichen Gasthause, in 
dem jahraus, jahrein zahllose Reisende ruhig schlafen, ohne im Ge 
ringsten von dem alten General molestirt zu werden, sieht es Nie 
mand an, welche blutige Sage sich an seine Mauern knüpft." 
Wieder entstand eine Pause, Jette reichte Erfrischungen herum 
und erhielt von ihrer Herrin einen Wink, sich nicht aus dem Zimmer 
zu entfernen, diese aber ftagte: „Wünschen die Herrschaften noch 
mehr Potsdamer Spukgeschichten!" 
Natürlich bat Alles um Fortsetzung, denn man merkte, daß 
es der alten Dame offenbar Freude machte, ihre Kenntniß auf 
diesem Gebiet einmal recht gründlich darzulegen. Sie sprach denn 
auch sofort weiter: „Eine zweite Spukgestalt Potsdams ist der 
Graf Hoditz, nach dem auf Königlichen Befehl ein Theil der alten 
Jägerstraße genannt wurde. Von ihm haben die Herrschaften j 
sicher noch weniger gehört, als vom General Einsiedel, obgleich er 
seinerzeit genug von sich reden machte. Der böhmische Graf war 
eine jener Gestalten des vorigen Jahrhunderts, gegen die wir ' 
Menschen von heute, Historiker und Laien zusammengenommen, 
immer ungerecht sind, weil wir gar kein Verständniß mehr für sie ; 
haben; Graf Hoditz ist vollständig vcrgeffen und so mancher Be 
wohner der Hoditzstraße hat keine Ahnung von dem Manne, nach 
dem sie ihren Namen trägt. 
„Ich muß gestehen, daß mir nur sehr unklare Ideen über den 
Grafen vorschweben," bemerkte der Affeffor, „war es nicht der Ge 
mahl einer deutschen Fürstin?" 
„Gewiß," bestätigte die Geheimrathin, „als blutjunger 
österreichischer Offizier heirathete er die 23 Jahre ältere Wittwe 
des Markgrafen Georg Wilhelm von Bayreuth, mit der er herz 
lich unglücklich lebte. Nach ihrem Tode hat er nicht wieder ge- 
heirathet. Er trat in preußische Dimste und wurde Kommandeur 
eines Husaren-Regiments, nahm aber bald den Abschied und ging 
auf sein Gut Roßwalde, wo er die wunderlichsten Dinge anstellte, 
wie sie aber auch nur der Grand seigneur des vorigen Jahrhun 
derts trieb. Er machte großartige Garten- und Parkanlagen, in 
denen er Schäferspiele veranstaltete, zu denen die ganze Umgegend 
herbeiströmte. Dann gab er in seinem Schlöffe Zauberfeste bald 
nach römischen bald nach orientalischen Mustern; hielt sich ein 
eigenes Theater, für das er seine Leibeigenen heranbilden ließ, 
das großartigste Fest aber sah Roßwalde, als Friedrich II. 1770 
den Grafen besuchte. Aber trotz der 10,000 Thaler, die der alte 
Fritz dem Grafm dafür verehrte, ging es mit deffen Verhältniffen 
immer mehr bergab. Es war am Ende kein Wunder, auf diese 
heillose Verschwendung mußte der Ruin folgen." 
„Wie gewöhnlich," bemerkte der General, „das aber muß man 
den Verschwendern des vorigen Jahrhunderts laffen, sie ruinirten 
sich wenigstens auf noble Art, selbst in ihrer Liederlichkeit war noch 
ein idealer Zug, heutzutage weiß die goldne Jugend nichts wie 
Pferde, Karten, Champagner und Frauenzimmer; ich muß sagen, 
der alte Gras Hoditz ist gar nicht so übel." 
„Es kam aber doch so weit mit ihm," erzählte die Geheim 
räthin, „daß er die Einladung des Königs, sich in Potsdam zur 
Ruhe zu setzen, annehmen mußte. Friedrich gab ihm eine Pension, 
so daß er sich eine kleine Kapelle halten und hie und da noch ein 
Fest veranstalten konnte. Er bezog ein Haus in der Jägerstraße, 
das bis dahin Prinz Heinrich, der Bruder des Königs, bewohnt 
hatte, und nach ihm erhielt derjenige Theil der Straße, in dem 
er gewohnt hatte, den Namen Hoditzstraße. Sein ehemaliges 
Wohnhaus trägt jetzt die Nummer neun, um Mitternacht aber 
wandert der Graf durch die Straßen und lauscht empor nach 
seinem Hause, ob er nicht Musik vernimmt, nicht Lichterglanz ihm 
ein Fest verkündet. Uebrigens liegt Graf Hoditz nicht in Potsdam, 
sondern in seinem geliebten Roßwalde begraben, Potsdam hat nur 
seine Spukgestalt behalten." 
Die Geheimräthin trank langsam ihren Thee aus und wandte 
sich an ihre Dienerin: „Jetzt mußt Du mich ablösen, Jette, er 
zähle mal den Herrschaften etwas von den Gespenstern in der 
Spandauerstraße!" 
Jette setzte sich in eine entfernte Ecke, so daß ihre Stimme 
fast unheimlich klang, besonders da von ihrer Gestalt nicht viel 
zu sehen war und erzählte: „In der Spandauerstraße steht ein 
Haus — heut ist's auch eingebaut und nicht mehr recht zu erkennen 
— das hat ein Mann aus lauter gestohlenen Steinen erbaut, 
wie ihm aber nur noch die Dachsteine fehlten, da kam es heraus, 
und er mußte ins Zuchthaus. Er konnte aber nichts denken als 
sein Haus und seine Steine, bis er über all' dem Denken den 
Verstand verlor und elendiglich starb. Sein Geist aber kehrte in 
das Haus zurück und ,ucht da noch immer nach den fehlenden 
Steinen. Vor ihm her läuft ein schwarzer Hund, und wer den 
sieht, dem passirt gewiß etwas Schlimmes!" 
Jette schwieg hoch aufathmend. „Was ist von dieser Geschichte 
verbürgt?" ftagte flüsternd der Affeffor, um die gute Alte nicht 
durch seine Zweifel zu kränken. 
„Daß der Erbauer des Hauses allerdings gemüthskrank
	        
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