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Periodical volume 16. Dezember 1882, Nr. 12

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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fertigte war, bewies der Erfolg. Als der Monarch nach seiner 
Gewohnheit, sich über einen seiner Günstlinge bei dem andern zu 
beklagen, auch über Wartenberg seinen Unmuth gegen Versen aus 
ließ, glaubte dieser die gebotene Gelegenheit sofort benutzen zu 
müssen und erzählte dem Könige von den Erpressungen und Be 
trügereien, welche sich der mächtige Günstling des Königs erlaube, 
von den auf unrechten Wegen angehäuften Reichthümern Warten- 
bergs, die er alle »ach seinen Gütern in der Pfalz sende, während 
seine Frau große Summen nach England schicke. Im Lande selbst 
aber verausgaben sie nichts, da sie beide bei Hofe wohnen und in 
allen Stücken durch Königliche Gnade freigehalten würden. Da 
der König diesem Vortrage seines Hofmarschalls sehr aufmerksam 
folgte, so glaubte dieser schon sein Spiel gewonnen, und fügte 
noch hinzu, daß nur seine Pflicht als treuer Diener seines Herrn 
ihn zu diesem Schritte zwinge, obgleich er wisse, daß sein Sturz 
unvermeidlich sei, wenn Wartenberg von dieser Anklage wider ihn 
Kenntniß erhalte. 
Seine Befürchtung ging schnell in Erfüllung! 
Der König theilte sofort dem eintretenden Wartenberg die 
ganze Unterhaltung mit, welche er soeben mit seinem Hofmarschall 
gepflogen, und wie Versen vorhergesagt, so geschah es, Wartenberg 
entlastete sich von allen ihm gemachten Vorwürfen und erklärte das 
Auftreten seiner Feinde nur als die Frucht ihres Neides gegen ihn. 
Der arme Versen fiel schon am nächsten Tage als erstes Opfer 
dem unversöhnlichen Hasse des Angeschuldigten. Es war Hofjagd 
beim Dorfe Golze bei Eberswalde. Bei dem Jagdsrühstück 
fand der Monarch das Brot nicht ausgcbacken und ließ deshalb 
den Hofmarschall etwas hart an. Auf die Entschuldigung des 
Betroffenen, unterwegs sei der Küchcnwagen mit gebrochener Achse 
liegen geblieben und man habe daher unter solchen Umständen 
nicht die sorgfältigste Wahl in Hinsicht auf Brot treffen können, 
sprang der Monarch zornig empor, warf dem Hofmarschall die 
Serviette vor die Füße und rief: „Ich bin es müde, mich schlecht 
bedienen zu lassen und verlange, daß jeder seine Schuldigkeit 
thue!" Herr von Versen hob die Serviette auf und brachte dem 
König eine andere, lvelche aber denselben Weg, wie die erste ging, 
wobei der König dem Hofmarschall in unzweideutigster Weise seinen 
Abschied ertheilte mit der Weisung, sich nicht wieder vor ihm sehen 
zu lassen. 
Das war klar und deutlich! Es sollte aber noch ein herberer 
Act folgen. In Berlin kaum angekommen, stellte sich bei dem 
Hofmarschall ein Offizier der Garde du Corps des Königs mit dem 
Befehl ein, ihn nach der Festung Cüstrin zu begleiten. Seine Pa 
piere ivurden versiegelt und der Frau verboten, bei Hofe zu er 
scheinen oder Fürbitte für ihren Mann einzulegen. 
Das Unwetter brach nun auch über die anderen Verschwörer 
aus. Die Grasen Dönhoff und Dohna wurden aus ihre Güter 
in Ostpreußen verbannt, und der Graf Lottum zur Armee nach 
Flandern. Letzterer kam am besten davon; denn er vertauschte das 
müßige Hofleben mit dem frischen Campagnelebcn. Der dem 
Glücke geopferte Versen wurde zwar später von der Festung ent 
lassen und durfte sich auf seine Güter begeben, mußte jedoch zuvor 
dem Grafen Wartenberg 10,000 Thlr. Sühnegeld als Verleum 
dungs-Entschädigung entrichten! 
Daß derartige Triumphe ihres Gatten über seine Feinde die 
Gräfin Wartenberg nur um so maßloser in ihrem Stolz und Be 
nehmen machten, bedarf eigentlich keiner besondern Erwähnung. 
Da jedermann ihren Einfluß kannte, so suchte man allgcnicin sie 
zur Fürsprecherin in allen denkbaren Angelegenheiten zu gewinnen, 
und die Geschenke und dankbaren Erkenntlichkeiten und der strö 
mende Segen vom Hofe summirten in Kürze ein ganz bedeutendes 
Vermögen. Man fand in dem Cirkel dieser Frau um ihre Gunst 
buhlen den Gesandten von Großbritannien, Künstler, Gelehrte, Offi 
ziere, Hofleute und Abenteurer. 
Einen neuen Triumph feierte diese Frau, als ihr Gatte, der 
! bereits Ritter des Ordens vom Schwarzen Adler und Marschall 
von Preußen geworden war, durch Kaiser Joseph I. zum un 
mittelbaren Reichsgrafen erhoben wurde und 1704 seine Güter 
Wartenberg, Fischbach, Sembach, Rohrbach, Ober- und Nicder- 
Mellingen, die Voigteien Mergenthal, Ellcrstedt, Aschbach und 
Oranienhof auf dem Wetterauischen Reichs-Grafen-Convent zu 
einem unniittelbaren Reichslehen erhoben wurden. 
Doch alle diese unerhörten Glücksumstände brachten die Gräfin 
um keinen Schritt der Königin näher; ja der Haß der vornehmen 
Damenwelt steigerte sich von Tag zu Tag gegen eine Person, die 
mit ihrer niederen Herkunft eine gemeine und niedere Denk- und 
! Handlungsweise verknüpfte. Nur wagte niemand öffentlich gegen 
sie aufzutreten. Endlich fand sich auch hierzu eine Gelegenheit. 
Die Königin Sophie Charlotte starb 1705 und mit ihr 
trat die entschiedenste und unbesiegbarste Gegnerin der Gräfin aus 
dem Kreis ihrer Feinde. Nun stand sie auf dein Gipfel ihrer 
Macht und ihres Glanzes. Kaum war die Traucrzeit vorüber, 
so eröffnete sie in dem Lieblingsschloß der verstorbenen Fürstin 
Lietzenburg, das nun den Namen Charlottenburg erhielt, und das 
ihr bisher verboten war, ihre Zirkel. Sie richtete sich dort einen 
vollständigen Hofstaat ein, zu dem ihre Kreaturen sich um so mehr 
drängten, als die Hofdamen und Vornehmen sich zurückhielten 
und sie mieden. 
Dennoch muß es trotz dieser Feindseligkeit von Seiten der 
vornehmen aristokratischen Damenwelt befremden, daß ihr die 
Herzogin von Holstein den Vortritt unmittelbar hinter den 
Prinzessinnen des Königlichen Hauses für 10,000 Thlr. verkaufte. 
Dieser Vorgang wirft doch wunderbare Schlaglichter auf die ganze 
Hofgesellschaft und auf Charakter und Bildungsstand derselben. 
Uebrigens brachte die Gräfin dieses Opfer durchaus nicht, sondern 
der König, welcher die Summe an die geldbedürftige Herzogin gab. 
Diese Vortrittsberechtigung sollte aber der Anlaß zu einem 
skandalösen Auftritt werden. Es nahte die Taufe der Prinzessin 
Friederike Sophie Wilhelmine, Tochter der Kronprinzessin, 
nachmaligen Markgräfin von Baireuth, Lieblingsschwcster Fried- 
drichs des Großen. Die Gemahlinnen der verschiedenen Gesandten 
am Preußischen Hofe glaubten nun bei dieser Gelegenheit der ehe 
maligen Weinschenkertochter entschieden den Vorantritt streitig 
machen zu müssen. Nur war man der Ueberzeugung, daß ein 
vorheriger Protest beim Könige zwecklos verlaufen würde, weshalb 
man zur Selbsthülfe seine Zuflucht zu nehmen beschloß. Bei der 
geheimen Frauen Verschwörung übernahm Frau von Lintlo, 
Gemahlin des holländischen Gesandten, die Hauptpartie, weil sie 
besonders körperlich stark und wohl geeignet war, einen etwa ent 
stehenden thätlichen Konflikt zu riskiren. 
Die Stunde der feierlichen Taufhandlung nahte. Im Zimmer 
der Kronprinzessin versammelten sich sämmtliche courfähige Damen; 
hier empfing auch die Markgräsin von Schwedt, des Königs 
Schwägerin, den Täufling, um ihn in die Kapelle zu tragen. 
Der feierliche Zug setzte sich in Bewegung. Unmittelbar hinter 
der Markgräsin folgte die Wartenberg. So gelangte man bis 
zur Thür, wo plötzlich hinter der Portiere die sich hier bisher 
verborgen gehaltene Frau von Lintlo vorsprang und den Platz 
hinter der Markgräsin einnahm, welche bereits die Schwelle über 
schritten hatte. Die Gräfin indeffen, sofort entschlossen und durch 
aus nicht außer Faffung gebracht, zerrte die Gesandtin am Kleide 
durch die Thür zurück. Diese jedoch machte eine geschickte und 
schnelle Wendung, erhob sich auf ihren spitzen Hacken, sprang auf 
die Gräfin zu und zerzauste ihr den Kopfputz, was von der Gräfin 
durch derbe Rippenstöße zurückgezahlt wurde. Die weiteren Einzel 
heiten des unerhörten Auftritts bringt nun freilich die Relation 
nicht; sie müssen aber jedenfalls sehr handlicher Natur gewesen 
sein, da die das Feld behauptende Gräfin während des ganzen
        
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