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Volume 16. Dezember 1882, Nr. 12

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

erfuhr er, daß der Wildensteiner den Versuch, das Fräulein 
in seine Gewalt zu bekommen, noch nicht aufgegeben habe, 
und daß er durch seine Mannen alle Straßen bis nach 
Lübbenau besetzt hielt und alle Gefährte, die dieselbe passirten, 
durchsuchen ließ. Dem Herrn Albrecht, welcher als Rcconva- 
leszent sich im Schloßhofe erging, rief er im Vorbeigehen leise 
einige lateinische Worte zu, welche auf den Aufenthalt Mar 
garethens Bezug hatten, und gab ihm zugleich die Weisung, 
auf alle Umstände in den nächstfolgenden Tagen, um dieselbe 
Zeit, Acht zu haben. Freude erfüllte den Bruder, daß er 
endlich so gute Nachricht von seiner Schwester erfuhr; doch 
ahnte er nicht, wie bald er wieder mit ihr vereint sein sollte- 
Am zweiten Morgen darauf hielt Herr Albrecht wieder 
seinen Spaziergang auf dem Schloßhofe und war nach der 
südlichen Seite, dem der Spree zu belegenen Theil gekommen, 
wo die erbeuteten Lastwagen aufgestellt waren, als plötzlich 
ein Knäuel Bindfaden über die Mauer flog und vor seinen 
Füßen niederfiel. Er hob ihn auf und begab sich bald auf 
sein Zimmer. Ein Lindenbaum, welcher außerhalb der Blauer 
stand (dort wo jetzt das Gärtnerhäuschen erbaut ist) und mit 
seiner Krone die Mauer überragte, verbarg den Werfer des 
Knäuels. Nachdem Albrecht den Bindfaden abgewickelt, kam 
ein Pergamentblättchen zum Vorschein, auf welchem die Worte 
standen: Heut nach Mitternacht bindet einen Stein an das 
eine Ende der Schnur und werfet ihn über die Mauer, wo 
die Linde steht; das andere Ende haltet fest. Dann ziehet 
an! Es wird ein Seil daran geknüpft sein; befestigt dies an 
einem der Lastwagen, steiget von da auf die Mauer und 
lasset Euch hinab. Gute Freunde werden Euch weiter führen- 
Obwohl ihm sein Herz heftig klopfte, so war'Albrecht doch 
hoch erfreut, daß seine Erlösung genaht sei. Die Nacht war 
windig und dunkel. Das Rauschen der Mühle und des Wehrs 
übertönte den leisen Schritt, mit welchem er sich der Mauer 
nahte. Er warf den Stein hinüber und zog nach kurzer Zeit 
das Seil herauf, befestigte es an ein Rad des Wagens, schwang 
sich auf die Mauer, faßte das Seil und ließ sich behutsam 
hinab. Unten empfing ihn ein Mann, welcher einen Pelz um 
ihn schlug und ihm eine Pelzmütze aufsetzte, so daß es aus 
sah, als wenn zwei Bauern aus der Mühle gekommen seien. 
Dann gingen beide längs der Spree der Sandower Brücke 
zu und an der Spree entlang bis hinter die Vorstadt Brun 
schwieg, wo auf der Straße nach dein Dorfe Sylow ein Wagen 
wartete, welcher mit den beiden Männern schnell die Straße 
entlang fuhr. 
Kaum war Albrecht in den Wagen gestiegen, als ihn 
zwei weiche Arme empfingen und eine süße wohlbekannte Stimme 
flüsterte: Lieber Bruder, Gott und der heiligen Jungfrau sei 
Dank, wir haben uns wieder und werden unsern Vater und 
unsere Heimath wiedersehen. Dies verdanken wir diesem jungen 
Manne, dem Vetter des Herrn Wolfart in Cöln, der durch seinen 
edlen Sinn und kühnen Muth unsere Flucht ermöglicht hat. 
Nach zwei Stunden hielt der Wagen in der Nähe des 
Zollhauses zu Fehrow, einem Dorfe, bei welchem der Spree 
wald begann. Auf dem hier vorbeifließenden Arme der Spree 
stand ein Kahn mit zwei kräftigen Ruderern bereit, die Flücht 
linge aufzunehmen. Als sie eingestiegen waren, setzte sich 
der Kahn beim bleichen Lichte des Blondes stromabwärts 
in Bewegung lind schwainm den dunklen Schatten des Spree 
waldes zu. (Schluß folgt.) 
Katharine, Gräfin von Wartenberg. 
Von üeinridi Wggmer. 
,(Hierzu die Illustration Seite 141.) 
Ein Glas Wasser, sehr zur Unzeit und mit offenbarer Bosheit 
über das prächtige Kleid der Hofdame Masham am Hofe der 
stolzen Königin Anna von England geschüttet, ward die Ursache 
des Sturzes des gefürchteten aber genialen Marlborough, der 
seinem Vaterlande England mit seinem Degen große Dienste ge 
leistet hatte. Nur wenige Jahre vorher ereignete sich ein ähnlicher 
Vorgang am Preußischen Königshofe, der ebenfalls einem ge 
fürchteten und zugleich gehaßten Günstlingspaare den plötzlichen 
Sturz aus sonnenheller Fürstengunst bereitete. Diesmal war es 
eine Tafle Kaffee, welche verhängnißvoll in das Schicksal einer 
Familie eingriff und das Vaterland von einem durch seine Stellung 
verblendeten, geistig hochveranlagten Rathgeber des Königs befreite, 
der aber nicht im Entferntesten mit dem großen Feldherrn Marl 
borough verglichen werden darf. Seine Gemahlin, eine hoch- 
müthige und ungebildete Person von niederem Herkommen, war 
der böse Genius ihres Mannes, die durch ihre Habsucht und ge 
meine Intriguen Unheil über das Land und über viele Familien 
gebracht hat. 
Diese Frau ist die vielgenannte Titular-FavoriteKönig Fried 
rich I., die ehemalige Kammerdiener Bidecap, nachmalige 
Reichsgräfin Kolbe von Wartenberg. Ihre bevorzugte Stellung, 
zu der sie sich aus niederstem Herkommen emporschwang, ihre Herrsch 
sucht und ihr zu Kabalen und Intriguen angelegter Charakter, 
sowie ihr unheilvoller Einfluß, den sie durch ihre Stellung bei 
Hofe auszuüben vermochte, sowie ihr plötzlicher Sturz und gänz 
liches Verkommen in Schande und Unehre haben vielfach die 
Schriftsteller angelockt, sie zum Gegenstände eingehender Beleuchtung 
| und zum Sittenbilde der Hofgeschichten des 17. und 18. Jahr 
hunderts zu wählen. Sie verdient diese zweifelhafte Auszeichnung 
unter ihres Gleichen um so mehr, als am preußischen Königshofe 
- bisher derartige Frauen nur noch zwei zu verzeichnen sind, von 
denen der ersteren, der „schönen Gießerin", der Nimbus hingebender 
j und selbstloser Liebe nicht abzusprechen ist, wogegen der letzten 
und vielbesprochenen Gräfin Lichten au schmutziger Geiz und 
i niedere Habsucht gänzlich fern lagen. 
Unsere Heldin war von bürgerlichem Herkommen. Ihr Vater, 
Richers, ein ehemaliger Schiffer, hatte im Städtchen Emmerich, 
im Herzogthum Cleve, eine gewöhnliche Weinschenke eröffnet, die 
sich sehr bald eines lebhaften Besuches erfreute, weniger, wie man 
behauptete, des guten Rebensaftes, als der beiden hübschen Töchter 
halber, welche sehr wohl verstanden haben sollen, den Gästen den 
Aufenthalt angenehm und kurzweilig zu gestalten. Als der Kur 
fürst Friedrich III., der nachmalige König Friedrich I., auf einer 
seiner Reisen durch seine Provinzen auch nach Cleve und Emme 
rich kam, hörte sein Kammerdiener Bidecap von der lustigen Ge 
sellschaft im Weinkeller des Richers und besuchte, getrieben von 
jener bekannten Vorliebe vieler Reisenden für Weinstuben und nicht 
immer zweifelsohne Oerter auch diesen ihm empfohlenen Ort des 
Scherzes uud Humors. Bidecap wiederholte seine Besuche, und 
die älteste der beiden Schwestern, welche jedenfalls die gesicherte 
Stellung einer König!. Kammerdienerin für vortheilhafter hielt, als 
die einer Schcnkmamsell, wußte den Fremdling so zu fesseln, daß 
er sie zur Gattin nahm. 
Wahrscheinlich hielt die junge Frau auf einem der mächtigen 
Packwagen aus dem großen Reise-Troß des Kurfürsten ihren Ein 
zug in Berlin, ohne dabei zu ahnen, welche bedeutende Rolle ihr 
das Schicksal in der Hauptstadt des Landes zu spielen bestimmt 
hatte. Der Haushaltung unseres Bidecap kann jedenfalls eine 
gewisse Behäbigkeit nicht abgesprochen werden; denn ein jährliches 
Einkommen von 400 Thl. nebst Futter für drei Pferde ist für da-
	        
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