Path:
Periodical volume 16. Dezember 1882, Nr. 12

Full text: Der Bär Issue 9.1883

143 
dem er seinen Gästen die Krüge anf's Nene gefüllt, verließ 
er mit Wolfart das Zimmer nnd begab sich in den Pferdestall. 
Hier lenkte der geistliche Herr das Gespräch wieder ans 
den Ueberfall und sagte: Herr Wolfart, ich kenne Euch und 
Euren Herrn Vater als ehrenfeste deutsche Männer und habe 
mein ganzes Vertrauen in Euch gesetzet in einer Sache, die 
mich und auch Euch nahe angehet, und ich hoffe, daß Ihr 
dies Vertrauen rechtfertigen werdet, auch Lust und Muth habet 
einem Unglücklichen nnd Verfolgten, der es werth ist, zn helfen. 
Der junge Mann, sichtbar überrascht bei dieser Anrede, sammelte 
sich bald und sagte: Ehrwürdiger Herr! Euer Stand und 
Amt giebt mir Bürgschaft, daß Ihr Eure Hand nicht zu einer 
ehrlosen Handlung hergeben werdet, doch müffet Ihr Euch 
näher erklären, ehe ich Euch antworten kann. Auch kann ich 
ohne Zustimmung meines Vaters nichts versprechen. 
Wollet Ihr mir auf das Evangelium schworen, dasjenige, 
was ich Euch kund thun will, heimlich zu halten vor Jeder 
mann, außer Eurem Vater, da Ihr doch dessen Einwilligung 
erlangen müsset? 
Der junge Mann leistete ohne Anstand den Schwur, den 
ihm der Pfarrer vorsagte- 
Nun so wisset, fuhr der Pfarrer fort, das Fräulein ist 
bei mir verborgen im Pfarrhause und sie ist es, die Eurer 
Hülfe bedürftig ist, weil der Wildensteiner einen grausamen 
Schwur geleistet hat, daß er sie doch in seine Hand bekom- ! 
men wollte, wenn er auch die ganze Lausitz durchsuchen sollte. 
Wollet Ihr sie wieder zu ihrem Vater nach Cöln zurückführen? [ 
Lange stand der junge Mann sprachlos da; endlich 
sagte er: Es sei! Ich will Alles wagen, sie zu den Ihrigen 
zurück zu bringen. 
Jetzt, sagte der Pfarrer, wisset Ihr genug, denn schon 
zu lange, fürchte ich, sind wir von Euren Gefährten geblieben. 
Sprechet mit Eurem Vater! Sendet mir morgen einen Boten. 
Bringt er mir einen Apfel in zwei Hälften, so weiß ich, daß 
Euer Vater meiner Bitte nicht willfahren will; bringt der 
Bote aber den Apfel ganz, so komme ich nächsten Donnerstag, j 
an welchem ich Weizen zum Markt in die Stadt führe, mit 
dem Fäulein in Euer Haus. Wir wollen dann das Weitere 
berathen. Nun kommt zu Euren Gefährten. 
Diese waren in lebhaftem Gespräch begriffen, denn das 
starke Bier hatte sie aufgeregt, und so hatten sie die Zeit 
nicht beachtet, welche seit dem Hinausgehen des Pfarrers und 
des jungen Wolfart verstrichen war. 
Wo bleibet Ihr, Herr Wolfart, riefen sie diesem entgegen, 
schon längst sollten wir auf dem Wege nach der Stadt sei», 
doch nun setzet Euch und trinket noch Eins mit uns. Werdet 
Ihr das Pferd kaufen? 
Das weiß ich noch nicht, muß meinen Vater erst befragen, 
entgegnete Wolfart. 
Können wir es nicht auch sehen? 
Aber der Pfarrer siel ins Wort: Heut zeig' ich Euch das 
Pferd nicht mehr, findet Euch am Donnerstag ein bei Herrn 
Wolfart, ich bringe Weizen in die Stadt, da könnt Ihr es 
sehen. Sitzet lieber und trinket, wenn es euch behagt, bis 
die Sterne am Himmel funkeln! Die Männer saßen noch eine 
Weile fest und die Sonne ging zur Rüste, ehe sie aufbrachen. 
Sie lobten die Gastfreundschaft des Pfarrers und sein Bier 
gebührend. 
Der junge und der alte Herr Wolfart saßen an diesem 
Abend lange im heimlichen Gespräch in ihren: Stübchen bei 
einander. Als die beiden Männer einig tvaren, tvurde auch 
die Hausfrau hinzugezogen. 
Am anderen Morgen ging ein Bote durch das Sprein- 
berger Thor, der ein kleines Bündel nach Art der Landleute 
in der Hand trug. Darin befand sich ein Stück Brod zur 
Wegzehrung und ein schöner rothaugiger Apfel, welchen er 
dem Herrn Pfarrer in Grvß-Döbbern überbringen sollte. 
Der nächste Tag war ein Donnerstag und Markttag in 
Cottbus. Kaum graute der Morgen, als ein Wagen, mit zwei 
braunen Pferden bespannt, das Pfarrhaus in Groß-Döbbern 
verließ. Der Wageir war mit einigen Säcken von Getreide 
beladen, auf denen ein junges Mädchen in wendischer Tracht 
saß. Den Kutscher inachte der ehrwürdige Pfarrer selbst. Die 
Pferde griffen gut aus und in nicht zwei Stunden war das 
Thor von Cottbus erreicht. Die Wachinannschaft grüßte den 
geistlichen Herrn, unangehalten fuhr der Wagen in die 
Stadt und hielt vor dem Hause des reichen Kaufherr,: Wol 
fart.*) Der an der einen Seite des Hauses befindliche Thor 
weg wurde geöffnet und der Wagen fuhr in den Hof, tvorauf 
das Thor wieder geschlossen wurde. 
So war denn das Fräulein Margarethe v. d. Hosen 
— dein: sie war natürlich das junge Bauermädchen — wohl 
behalten bei Freundeil angekommen. Der junge Wolfart ivar 
sogleich bei der Hand, hals ihr vom Wagei: und führte sie 
in ein Ziinmer, wo seine Mutter, eine ehrtvürdige Frau, sie 
freundlich willkommen hieß; mit gleicher Frenildlichkeit wurde 
sie vom alten Kaufherrn empfangen. 
Darauf wurde sie in ein Stübchen geführt, dessen Fenster 
nach den: Hofe hinausging, und das alle Bequeinlichkeiten 
enthielt. Als später die Hausfrau bei ihr eintrat, empfing 
Margarethe dieselbe in ihrer städtischen Kleidung. Frau 
Wolfart erftnunte nicht wenig über die Schönheit, die vor 
nehme Haltung, Anmuth und Liebenswürdigkeit, mit welcher 
Margarethe ihr entgegen kam und um ihren Schutz und ihr 
Wohlwollen bat. Sie setzte sich zu ihr, und ein Stündchen, 
auch wohl inehr, verging, ehe sie gegeilseitig ihre Erlebnisse 
ausgetallscht hatten. Frau Wolfart war so entzückt von den: 
Mädchen, daß sie dasselbe, als sie zu ihrem Gemahl zurück 
kehrte, nicht genug rühmen konnte. Margarethe hatte sich in 
diesen wenigen Stunden so in das Herz der Frau einge- 
schlichen, daß sie wünschte, sie immer bei sich zu behalten, zu 
mal ihr nur zwei Söhne geschenkt waren, aber keine Tochter. 
Der alte Herr sowohl, als auch der junge, konnten nicht die 
Zeit erwarten, sie kennen zu lernen, denn nur ain Abend 
durfte sie zu ihnen in das Wohnzimmer kommen, da am 
Markttage der Verkehr in dem Kaufhause bedeutend war. 
Den Mägden und der Dienerschaft wurde bekannt gemacht, 
daß Margarethe eine Schwestertochter des Pfarrers sei, die 
von ihren Verwandten i:ach einiger Zeit abgeholt werden 
würde. 
Mit dem Pfarrer hattei: die beiden Herren eine lange ge 
heim e Unterredung, worauf der erstere das Haus verließ. 
Der ehrwürdige Herr, welcher mit dem Schloßherrn befreundet 
war, begab sich auf's Schloß, um womöglich Erkundigungen 
über den Stand der ganze:: Angelegenheit nnd wie es mit 
den: Herrn Albrecht ginge, einzuziehen. Durch geschickte Fragen 
*) Jetzt das Haus des Kaufmann Herrn Bange am Marktplatze.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.