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Periodical volume 9. Dezember 1882, Nr. 11

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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nicht dadurch belästigt zu werden, waren sie hinter dem Zuge 
geblieben. Ein Geräusch und Geschrei, als flöge ein Volk Reb 
hühner auf, erschallte. Das Fräulein erschrak über den un 
gewöhnlichen ihr unbekannten Ton; auch ihr Pferd stutzte und 
bäumte- Das feine Thier witterte die Mannen und wollte 
nicht vorwärts. Gleich darauf ein Mark und Bein durchdringender 
Schrei — es war der Todesschrei eines vv» einer Lanze durch- j 
stvchenen Cölners. Gleich im ersten Anlauf wurden 3 Mann j 
erstochen. 
In diesem Augenblick rief auch mit mächtiger Stimme der 
Rottmeister: Verrath, Verrath, wir sind in die Scheercn des 
Krebses gerathen. — Haltet Euch zusammen — hierher zu mir, 
daß wir unser Leben theuer verkaufen. 
Zahlreich krachten die Hiebe auf Helm und Panzer und 
aus mancher Wunde rann das Blut. Die Pferde an den 
Wagen, deren Stränge durchhauen waren, stürzten zur Erde. 
Die Hinteren Wagen fuhren ineinander. Das Schreien, das 
Fluchen der Fuhrleute und Söldner, das Aechzen der Ver 
wundeten und Sterbenden hallte schrecklich im Walde wider. 
Die Cölner an der Spitze des Zuges waren fast alle im 
Kriege ergraute Landsknechte, die nicht so leicht vom Platze 
wichen. 
Reinhard hatte einen harten Stand. Sein Gegner war 
der Rottmeister, doch gelang es ihm, demselben einen Hieb 
über das Gesicht beizubringen, wodurch er kampfunfähig und 
mit Blut überströmt zum Gefangenen gemacht wurde. Nach 
und nach erlahmte die Kraft der Cölner; wer nicht todt oder 
verwundet war, warf die Waffen von sich, bat mir Gnade und 
wurde gefangen. Friedhelin hatte den Auftrag, die Fuhrleute 
zu überwältigen, was er ohne große Blühe ausführte. Die 
Feiglinge und diejenigen Cölner, welche aus den von dem 
Wildensteiner geschilderten Leuten bestanden, wandten sich zur 
Flucht oder verbargen sich zwischen den Wagen und Pferden, 
um dem Verderben zu entgehen, aber Friedhelms Mannen 
hielten sie auf, zogen sie hervor und verwundeten oder tödteten 
mehrere. Der Anfall kam zu unerwartet und geschah mit zu 
großer Gewalt und Ungestüm. Auf Seite der Cottbuser 
gab es nur einige Verwundete. Diejenigen Cölner, welche 
die Flucht nach rückivürts ergriffe» hatten, fielen in die Hände 
des Wildensteiner. Da gab es für die Feiglinge keinen 
Pardon. Sehr gut wußten die Ersteren die Lotterbuben und 
Strolche von den tvirklichen gedienten Soldaten au der Hand- ! 
habung der Waffen zu unterscheiden. Diesen rief der Wilden 
steiner zu, daß sie sich ergeben sollten, weil sie brave Lands 
knechte seien, deren Blut er nicht vergießen wolle. 
Das Fräulein und ihr Bruder Albrecht verloren nicht die 
Geistesgegenwart. Letzterer zog sein Schwert und wollte nach 
der Spitze des Zuges eilen, sobald der Kamps begonnen hatte. 
Da traf ihn aber von hinten die Streitaxt des Wildensteiners 
auf den Helm, der von gutem flandrischen Stahl war, glitt 
auf die Halsbcrge und brachte ihm in der Schulter eine breite 
Wunde bei. Zugleich ergriff ein anderer die Zügel des 
Pferdes, im Nu war er aus dem Sattel geriffcn und wehrlos 
gemacht. 
Herr Emmerich hatte alle Geistesgegenwart verloren und i 
zitterte am ganzen Leibe. Auch ihn zog man vom Pferde und 
machte ihn wehrlos. 
Des Fräuleins flinkes und gewandtes Pferd hatte rück- ! 
wärts gedrängt und wollte seitwärts in den Wald hinein, , 
doch eine Faust ergriff die Zügel. Das Fräulein hatte den 
Dolch, den sie am Gürtel trug, gezogen; sie stach nach dieser 
Faust und >var so glücklich, sie so nachdrücklich zu treffen, daß 
zwei Sehnen durchschnitten wurden und das Pferd frei war. 
Alles dies geschah in kürzerer Zeit, als es erzählt werden 
kann. Wie schon oft ein gutes Pferd die Rettung seines 
Reiters gewesen, so auch hier. Mit Windesschnelle stürmte es 
seitwärts in den Wald, fand glücklicher Weise einen Weg und 
trabte in die Wiesen, welche damals mit Erlcngebüsch be 
wachsen, sich heute noch dort befinden. Dennoch tväre das 
Fräulein, obgleich sie von den Wegelagerern befreit war, in's 
sichere Verderben hineingerathen, wenn der heiße Sommer 
diese Wiesen nicht ausgetrocknet, und das Pferd nicht festen 
Boden unter den Hufen gefunden hätte. So trabte es in dem 
Erlengebüsch vorwärts. Die eintretende Dunkelheit und die 
Unebenheiten des Bodens ließen cs öfter straucheln, bis es in 
eine unbeachtete Vertiefung gerieth, stürzte und das Fräulein 
über des Pferdes Kopf hinweg auf den weichen Rasen siel. 
Das Pferd war wieder aufgesprungen und stand wie ein Lamm 
neben der Reiterin, welche sich nicht rührte. 
Da trat ein Mann hinter einem Erlcngebüsch hervor, 
griff geschickt nach dem Zügel des Pferdes und band es an 
einen Ast fest. Dann ging er zu der Betäubten, hob sie auf 
und setzte sie an einen Baumstamm, holte in dem Becher, 
ivelchen er von seinem Gürtel löste, Wasser aus einer nahen 
Vertiefung, sprengte ihr davon in's Gesicht und wusch ihre 
Stiru. Das Fräulein erwachte und machte eine Bewegung 
des Schreckens, als sie den Mann wahrnahm. Dieser aber 
sing sogleich in seiner wendisch-deutschen Redeweise an, sie zu 
beruhigen: Braucht Euch sich nicht zu fürchten, bin sich kein 
Spitzbube, >vic die da. Dabei wies er nach der Gegend des 
Kampfplatzes hin. Bin sich der Pettow, der Herren vom 
Rath in Cottbus Förster i» Stadtforst. Weiß schon, wer Ihr 
seid! hab' Euch heut früh gesehen in Vetschau, bin sich auch 
in Vetschau gewesen. Sind alle, alle Spitzbuben! Habt Euch 
Schmerzen an Arm oder Bein oder Kvpp, könnt Ihr gehen, 
prvbiret, ob Ihr könnt gehen! Ich will Euch führen, Bude 
is nicht weit, wo ich wohne. Meine Frau sehr gut is! 
Deutsch grit versteht! Hat gedient bei Herrschaft in Stadt. 
Das Fräulein verlor bei dieser Rede alle Furcht, erhob 
sich und konnte ihren Führer, so gut es bei der Dunkelheit 
anging, betrachten. Ec hatte das Aussehen eines ächten 
Wenden, war eine kurze gedrungene Gestalt mit breiter Brust, 
gelbblondcn Haaren, tiefliegenden kleinen Augen und einem 
breiten Mund- Bekleidet war er mit einem verwcttertcn grünen 
Tuchrock, leinenen Beinkleidern, auf dem Kopfe einen Hut 
mit breiter Krämpe, in der Hand einen Jagdspicß und eine 
Armbrust auf dem Rücken. Neben ihm lief sein Dachshund 
Mathes. 
Kommt, lieber Förster, sagte sic, ich werde mit Euch gehen. 
Bin ich aber auch sicher, daß sie mich bei Euch nicht finden? 
Ich, der Pettow, schlauer als die da. Wieder wies er 
mit der Hand nach der Gegend des Kampfplatzes, nahm das 
Pferd am Zügel, rief seinem Hunde und schritt an der Seite 
des Fräuleins durch die Büsche seitwärts dem hohen Walde 
zu. Nach einer halben Stunde sahen sie das-Feuer eines Ka 
mins durch die Fenster eines kleinen Häuschens schimmern, 
welches von einigen Wirthschaftsgebäuden umgeben war. Der 
Hund lief voraus und kratzte an der Hausthür, aus welcher
        
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