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Volume 1. Oktober 1882, Nr. 1

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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mir ins Herz, als ich daran dachte, daß ich ihn wohl über 
haupt nie mehr wieder sehen würde. Plötzlich hörte ich einen 
„guten Abend" neben mir und als ich aufblickte, war er an 
meiner Seite, an den ich eben gedacht. Ich war so verlegen 
und verwirrt, daß ich den freundlichen Gruß gar nicht er 
widerte. „Wohin gehen Sie so eilig und so allein mein gnä 
diges Fräulein?" forschte mein Nachbar, ich erzählte ihm, daß 
wir morgen aus die Koppe wollten, daß wir daher nicht so 
lange draußen bleiben wollten, um gehörig auszuruhen, daß 
ich auf der Post gewesen, kurz Alles was ich wußte, mir kam 
es vor, als hätte ich einen alten lieben Freund getroffen. 
Er begleitete mich, wie ganz selbstverständlich bis an unser 
Haus und als er mir zum Abschied die Hand reichte, legte sich 
meine Rechte mit so innigem Druck hinein, daß mir nachher 
vor Scham das Blut bis in die Haarwurzel stieg; er hatte 
aber auch etwas so Bestrickendes in seinem Auge, in seiner 
Stimme, so daß ich ordentlich froh war, daß wir den Abend nicht 
auch noch zusammen verlebten, ich hätte ihn sonst garnicht 
mehr vergessen können. Onkel und Tante saßen bei saurer 
Milch in der Laube und warteten schon. „Du hast Dir wohl 
auch Dein Reisebündel für morgen geschnürt"? scherzte der 
Onkel, als ich eintrat. Ich konnte fast nichts essen und die 
Thränen saßen mir immerfort in der Kehle; ich bat, bald auf 
mein Zimmer gehen zu dürfen, da ich sehr müde sei, wurde 
auch sofort entlassen und als ich oben am Fenster stand, brach 
ich in Thränen aus, ich weiß nicht, was es war, mir war 
das Herz zu schwer; hätte ich Dich hier gehabt, mein Klärchen, 
ich hätte mich an Deinem lieben Herzen ausweinen mögen. 
Die Reise, die vielen neuen Eindrücke, die schöne Natur, die 
mir ganz fremd war, dies Alles hatte mich angegriffen, ich 
war sterbens müde und konnte mich nicht entschließen, mich 
niederzulegen. Wie lange ich so gesessen, weiß ich nicht. 
Die schöne Gebirgskette vor mir, war in Purpur getaucht als 
ich in mein Zimmer trat, als ich jetzt hinausblicktc hatte ein 
dunkler Neutralton die Conturen sanft verwischt, einzelne 
Sterne tauchten am Himmel auf, der Mond goß sein Silber 
licht gerade auf den Koppenkegel und unter meinem Fenster 
schritt ein einsamer Wanderer rüstigen Schrittes dem Dorfe 
zu und eine wundervolle Baritonstimme sang: „Gute Nacht 
Du mein herziges Kind!" Ich schloß das Fenster, hüllte mich 
fröstelnd in mein Nachtkleid und ging zur Ruhe. Ich konnte 
kaum mein Abendgebet zu meinem himmlischen Vater senden, 
zwei dunkelblaue Sterne sahen mich immerfort an und ver 
wirrten mich so, daß ich mitten im Gebet einschlief. — 
Am nächsten Morgen weckte mich der helle Sonnenstrahl, der 
über mein Bett hinhuschte; schnell sprang ich auf, ich hatte gestern 
Abend meine Uhr nicht aufgezogen, es war gewiß schon spät. 
In Eile zog ich mich an, packte meine Toilettentasche, Regen 
mantel und Plaid zusammen und eilte hinunter, es war erst 
7» 5 Uhr, Onkel und Tante schliefen noch, und ich konnte 
mich noch recht satt sehen an der schönen Gotteswelt. Ich 
trat vor das Hofthor, ein mit Weiden dicht bestandener Teich 
lag vor mir, dahinter die Berge, rosig, in zarten Duft ge 
hüllt, je weiter zurück je bläulicher waren die Tinten, ich 
konnte mich nicht satt sehen, hätte ich doch hier einige Tage 
bleiben und malen können, ich setzte mich auf einen Stein am 
Thor, zog mein Skizzenbuch hervor und zeichnete. Wenigstens 
in Bleistift ausgeführt, wollte ich den schönen Blick zum An 
denken mitnehmen. Da rollte ein leichter Wagen an mir vor 
bei, zwei blaue Sterne leuchteten mich an und eine sonore 
Männerstimme rief: „Guten Morgen". „Auch ein Koppen 
steiger", sagte unser Wirth, der hinter mir gestanden hatte; 
ich fuhr erschreckt in die Höhe und sagte nein, der fährt heute 
nach der Hütte." — „Da geht der Weg aber nicht hier vor 
bei", meinte der Wirth und gleich darauf rief der Onkel zum 
Frühstück. — Ich wurde sehr belobt, daß ich schon reisefertig 
sei, wir tranken Kaffee und hatten kaum die Hüte ausgesetzt, 
als unser Wagen auf den Hof rollte. — 
(Fortsetzung folgt.) 
Professor Kitz Schaper. 
(Hierzu das Portrait Seite 1.) 
Der Schöpfer des Göthedenkmals im Berliner Thier 
garten, welches wohl Jedem unserer Leser bekannt sein dürfte, ist 
am 31. Juli 1841 zu Aschersleben im Mansfeld'schen geboren. 
In seinem sechszehnten Jahre kam er nach Halle zu einem Stein 
metz in die Lehre, wo er drei Jahre blieb. Dann machte er 
auf der Berliner Kunstakademie einen zweijährigen Kursus durch, 
nach dessen Beendigung er in das Atelier Albert Wolffs trat. 
Schon seine erste selbstständige Arbeit, eine aus zwei sitzenden 
Figuren bestehende Gruppe, „Bacchus, der die verlassene 
Ariadne tröstet", erregte Aufsehen. Die Ausführung war noch 
etwas besangen und schüchtern, es lag noch zwischen der Absicht 
und dem Können ein gewisser Zwiespalt, den die junge Kraft noch 
nicht überbrücken konnte. Aber auf dem Ganzen ruhte bereits 
ein Hauch von bezaubernder Anmuth, namentlich in der holdseligen 
Art, wie Ariadne gleichsam noch unter Thränen zu lächeln beginnt. 
Ein Jahr darauf, 1867, erhieft Schaper in der Konkurrenz 
um das Uhlanddenkmal für Tübingen den ersten Preis, 
unternahm alsdann eine Reise nach Paris zur Weltausstellung, 
wo das Studium der ftanzösischen Plastik nicht ohne Einstuß 
aus sein Streben nach feinster Durchbildung der Form war. 
Später ging er nach Wien und München. 
Größere Studienreisen hat er nicht gemacht, dazu ließen ihm 
die Aufträge, die nun schnell nacheinander folgten, keine Zeit. 
Zunächst waren es das Grabdenkmal für den Kommerzien- 
rath Boltze in Salzmünde bei Halle und das Denkmal 
zum Gedächtniß der Gefallenen von 1866 für die Stadt 
Halle, die seine Thätigkeit in Anspruch nahmen. 
Während das Göthedenkmal langsam seiner Vollendung cnt- 
gegenreifte, ging noch eine Reihe anderer Arbeiten, zum Theil von 
großer Bedeutung, aus dem Atelier des rastlosen Künstlers hervor. 
Im Jahre 1876 betheiligte er sich an der Konkurrenz um ein 
Lutherdenkmal für Eisleben, in welcher er seine beiden Mit 
bewerber, Siemering und Keil, entschieden schlug. Wie aber im 
Jahre 1873 Siemering hinter ihn zurücktreten mußte, so wurde 
ihm dieser jetzt vorgezogen, eine Art Revanche, die vom Stand 
punkt der Billigkeit durchaus gerechtfertigt war, die aber beweist, 
daß die Konkurrenzen ein zweckloses Komödienspiel sind, welches 
allmählig auch die tüchtigsten Kräfte aufreiben wird. 
Im Jahre darauf errang Schaper den ersten Preis in der 
Konkurrenz um ein Denkmal des Fürsten Bismarck für 
Köln, welches am 1. April 1879 enthüllt wurde. Auch das 
Moltkedenkmal arbeitete er für Köln. Im Jahre 1878 voll 
endete Schaper auch die neun Fuß hohe Statue eines Altdeut 
schen Landsknechts, der mit der Sturmfahne des deutschen 
Reichs in der Linken, mit dem Schwerte in der Rechten gegen 
den Feind anstürmt. Diese Statue bildet jetzt, in Bronze gegossen, 
die Krönung eines Siegesbrunnens für Halle. In demselben 
Jahre wurde ihm auch die Statue des Mathematikers 
Gauß für Braunschweig übertragen; und endlich gewann er in
	        
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