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Periodical volume 2. Dezember 1882, Nr. 10

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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Die Baronin hatte gleich nach Martha gefragt und zu 
ihrem maßlosen Erstaunen erfahren, daß sic seit zwei Tagen 
Braut sei. 
„Aber wo ist denn nun meine Tochter, die Du mir doch 
versprochen, Conrad?" hatte Frau von Erlenroth weiter ge 
forscht. Als ihr Conrad ohne Umschweife geantwortet, daß ich 
es sei, die er liebe und stets geliebt habe, sei Frau von Erlen 
roth erst etwas stutzig geworden, habe dann auch mein Ver 
lobtsein mit Wilhelm Conrads Wünschen entgegen gestellt, 
über welche durch Hildegard herbeigeführte absichtliche Täu 
schung der Sohn sie aber sofort aufgeklärt habe. „Als die 
Mama sah," schreibt Taute Sophie wörtlich weiter, „daß 
Courads Neigung so tief sei, daß sie nichts erschüttern konnte, 
gab sie bald ihre Zustimniung, sie hatte Dich ja immer so 
lieb gehabt, Alice und brauchte nur Zeit, sich wieder von 
einer Lieblmgsidee loszureißen. Ja, was hast Du gesagt, 
daß sie sich gleich entschloß, den Sohn nach Berlin zu be 
gleiten und sich das Töchterchen selbst zu holen? Ein schmerz 
liches Gedenken an ihre erste Tochter Alice nrachtc es ihr 
wohl auch wünschenswerth, die Verlobung selbst nicht gerade 
hier zu feiern!" — 
„Noch eins, Alice, muß ich Dir erzählen: als wir beim 
Thee saßen und der alte August Conrad etwas präsentirte, 
sagte Letzterer: „Nun August, was meinst Du, morgen geht's 
nach Berlin und ich hole mir Fräulein Alice als Braut 
zurück" — und der gute treue Mensch hätte vor Schreck bei 
nahe den schönen chinesischen Teller hinfallen laffen. Aber 
die Freude strahlte ihm aus den Augen, und im Ncbenzinimer 
setzte Brigitte plötzlich klirrend eine Tasse hin, sie horcht, wie 
Du weißt gerne und hatte wegen des Liebesgrußes von Vet 
ter Wilhelin, den sie Dir genommen und der all die Wirren 
angerichtet, ein schlechtes Gewissen." — — Bis hierher war 
ich mit dem Lesen von Tante Sophien's Brief gekommen, 
als ich bemerkte, daß Conrad, mir über die Schultern sehend, 
mit las, ich wandte mich um und er sagte, mich an sein 
Herz drückend: „Da Du Dir aber die Liebesbricfchen so 
unter den Händen wegnehmen lässest, Licie, habe ich wirklich 
Angst, Dir viele zu schreiben, ich glaube es ist am besten, ich 
hole Dich recht bald als Herrin nach Karlsauc!" 
Äns alter Zeit. 
Eine Erzählung von ürinridi fiufrfi. (Fortsetzung.) 
n. 
In dem Eckhause auf der rechten Seite am Eingänge 
des schmalen Gäßchens in der breiten Straße in Cöln an 
der Spree, welches nach der Brüderstraße führt, wohnte seit 
hundert Jahren die Patrizier-Fainilie von der Hosen. Der 
Ahnherr derselben war auf Einladung des Brandcnburgi- 
schcn Markgrafen aus seiner Heimath Holland nach Cöln 
gekommen. Er hatte drirch Fleiß und Sparsamkeit sich zu 
einem der reichsten Kaufherren aufgeschwungen, und hatte 
das Haus gebaut. Die Nachkommen erhielten nicht nur die 
ererbten Reichthümer, sondern vermehrten sie, so daß sic 
Geld genug besaßen, Bankiers des Kurfürsten zu sein. Dieser 
einfllißreiche Mann hatte einen hochfahrenden Sinn und 
harten Charakter, so daß er viel mehr gefürchtet als geliebt 
wltrde. Aber auch er hatte seine schwache Seite, er liebte 
seine Kinder, einen Sohn Albrecht und eine Tochter Marga 
rethe mit einer fast zu zärtlichen Hingebung. 
Seine Frau Brigitte, aus dem Patrizier-Geschlecht derer 
von Rot gebürtig, war vor zwei Jahren, als die Pest grassirtc, 
gestorben und die damals achtzehnjährige Tochter hatte die 
Führung des großen Hauswesens seit dieser Zeit allein über 
nommen. 
Zu den Hausgenossen gehörte außer der alten Ursula, 
der Wärterin Margarethens aus den Kindcrjahren, bcn übrigen 
Dienern und Krämergesellen, der junge Herr Albin Einmerich 
aus Görlitz, dessen Vater einer der reichsten Bürger dieser be 
rühmten Stadt war- Letzterer hatte seinen Sohn in die 
Handlung v. d. Hosen gegeben, damit er seine kaufmännischen 
Kenntnisse erweitern und in der Hauptstadt, wo der Kurfürst 
Hof hielt, moros lernen sollte. Im Stillen hoffte jedoch der 
alte Kaufherr v. d. Hosen, daß sich zwischen dem jungen 
Emmerich und Margarethe ein Verhältniß bilden würde, welches 
zur Hcirath führen könnte, denn er wußte, daß die Reichthümer 
des alten Herrn Emmerich so bedeutend waren, daß seine 
Tochter ohne Kümmerniß in die Zukunft blicken konnte. 
Der junge Herr Emmerich war ein ordentlicher, sparsamer 
Mann, ein tüchtiger Kaufmann, aber auch weiter nichts. Mar 
garethe hatte die Mägdleinschule bei der Kantors-Wittwe Anna 
Pinkwart besucht, lesen unb schreiben gelernt und als sic das 
15. Jahr erreicht, hatte der Probst von Cöln, der ein gern 
gesehener Gast und Freund des Hauses war, ihr weiteren 
Unterricht in den Humaniora und anderen seltenen Disciplinen 
ertheilt, so daß sie ein für ihre Zeit mit seltener Bildung 
ausgestattetes liebenswürdiges Fräulein war, wodurch sie alle 
ihre Gespielinnen überragte. Doch fehlte es ihr nicht an 
praktischem Sinn und Energie, die sie von ihrer Mutter ge 
erbt hatte. 
Da ivar es ihr freilich nicht immer angenehm, weiter 
nichts als von den Handelsunternehmungen, Gewinn und 
Verlust zu hören, von welchen Gegenständen der junge Herr 
Empierich ihr nur zu oft erzählte. Sic schätzte und achtete 
ihn, aber ihm den Vorzug vor allen andern Männern zu geben, 
war ihr nicht möglich. 
Als der Spätsommer des Jahres 1419 herangekommen 
war, kam die Botschaft von den Emmerichs in Görlitz, daß 
die Frau Mutter des jungen Herrn, die immer Gebreste gehabt, 
doch noch einmal den Sohn und auch die zukünftige Haus 
frau, als welche man die Jungfrau Margarethe v. d. Hosen 
jetzt schon betrachtete, sehen wollte, ehe sie das Zeitliche segnete; 
denn sic glaubte den bevorstehenden Winter nicht mehr zu 
überleben. Margarethe willfahrte auch diesem Verlangen, doch 
war es mehr der geheime Wunsch, die berühmte Stadt Görlitz 
zu sehen und eine Reise mit vielerlei Abenteuern zu bestehen, 
als die Mutter des jungen Emmerichs heimzusuchen. Mit 
der Hcirath hatte es, da die Sache so schlimm stand und die 
Traucrzeit erst vorüber streichen mußte, noch Jahr und Tag 
Zeit. Da ihr Bruder Albrecht sic begleiten unb die alte Ursula 
ihr mitgegeben werden sollte, so war sie einverstanden, mit 
dem Waarcnzugc der Herbstsendung, welche nach Görlitz gehen 
sollte, ju reisen. An besondere Fährlichkeitcn dachte man nicht, 
da nach eingezogener Erkundigung die Straße völlig sicher war. 
Auch beschloß Herr v. d. Hosen statt der üblichen Bedeckung 
von 20 Söldnern deren 30 mitzugeben. Es wurde für die 
alte Ursula und das Fräulein ein besonderer Wagen, in welchem
        
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