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Volume 25. November 1882, Nr. 9

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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die Prinzessin eigenhändig an einen Verleger gesendet und mit 
einem Empfehlungsbriefe versehen. Es entstand deshalb das Ge 
rücht, die hohe Frau sei selbst die Verfasserin des Buches, desien 
rascher Erfolg wahrscheinlich dadurch befördert worden ist. 
Die Prinzessin Wilhelm hat indessen niemals geschriftstellert, 
obwohl sie reich an Geist und Gemüth war; die Theorie von der 
Erblichkeit der Intelligenz, die von den Müttern auf die männ 
liche Nachkommenschaft übergehen soll, hat sich in merkwürdiger 
Weise bewahrheitet, denn ihr Enkel ist der geniale König Lud 
wig II. von Bayern und ihre Söhne, die Prinzen Adalbert 
und Waldemar, waren gleichfalls hochbegabt. 
Die Prinzessin saß manchen Abend in der Dachstube der 
„pensionirten Titanide" und ließ sich von ihr die romantischen 
Reminiscenzen erzählen, von denen die blinde Greisin so gerne 
sprach, der Seelenbund mit Schiller war natürlicherweise ihr Stolz; 
sie versicherte immer wieder, daß alle Blüthen ihrer Seele auf 
gegangen wären unter dem Sonnenstrahl seiner Dichteraugen. 
Auch Schiller selbst hat in den Briefen an Körner ihrer mit glut 
vollen Worten gedacht, ja er gestand, daß sie sein Frauen-Jdeal 
sei und ihm vorgeschwebt habe, als er seine besten weiblichen Ge 
stalten schuf. Erst als er Charlotte von Lengefeld kennen lernte, 
wurde sein Verhältniß zu Frau von Kalb umgestaltet, er schrieb 
ihr noch zuweilen, aber in sehr verändertem Ton. Als er sie 
zum ersten Male sah, war sie erst einige zwanzig Jahre alt und 
seit Kurzem ohne Neigung verheirathet. Sie war ein reiches 
Fräulein Marschalk von Ostheim gewesen, aller Wahrscheinlichkeit 
nach hatte ihr Mann sie des Geldes wegen geheirathet, denn er 
war stellenlos und hatte schon vergebens sein Glück in Amerika 
gesucht, doch soll er sehr gebildet gewesen sein, auch befreundete er 
sich innig mit dem Verehrer seiner Frau, der sich damals noch 
„vr. Ritter" nannte. Man sagt, daß Schiller stets in große 
Verlegenheit gerieth, wenn Kabale und Liebe gegeben wurde, 
worin er den Namen „Kalb" so schlimm behandelt hatte. Er 
dachte übrigens ganz ernsthaft daran, Frau von Kalb zu heirathen 
und machte sogar ihrem Manne den Vorschlag, sich scheiden zu 
lassen, wozu dieser nicht übel Lust gehabt haben soll. 
Nach Schillers Sinnesänderung wurde die Titanide leiden 
schaftlich verehrt von Jean Paul und von dem poetischen Schwär 
mer Hölderlin. Sogar Goethe korrespondirte mit ihr und fragte 
um ihre Meinung über seine Dichtungen an. Auch Herder und 
Wieland standen in lebhaftem Verkehr mit ihr. Sie schriftstellerte 
nicht ohne Talent, doch mangelte es ihr an Klarheit. Der 
einzige gute Roman, den sie schrieb, enthielt ihre Lebensgeschichte 
und wurde erst nach ihrem Tode von ihrer Tochter, der oben er 
wähnten Hofdame, herausgegeben. Letztere lebte im Schlosse 
Monbijou nach dem Tode der Mutter und wurde einige achtzig 
Jahr alt. Es giebt in Berlin noch viele Personen, welche die 
alte originelle Dame näher kannten; es war ihr Hauptvergnügen, 
in der Hof-Equipage, die ihr zur Disposition stand, einige ihrer 
Altersgenossinnen zum Spazierenfähren abzuholen und ihnen auch 
sonst Gutes zu thun, namentlich war es Alwine Frommann, eben 
falls eine Reliquie aus Weimar, die man oft in ihrer Begleitung 
sah. Die beiden gutmüthigen alten Damen, welche heiter plaudernd 
in königlicher Equipage durch den Thiergarten fuhren, leben gewiß 
noch in der Erinnerung Vieler, obgleich sie lange todt sind. 
Das alte Hoffräulein von Kalb ward auch vom König Fried 
rich Wilhelm IV. mit Vorliebe in die Unterhaltung gezogen und 
bekam oft einen jovialen Scherz zu hören; so sagte er einmal zu 
ihr: „Fräulein Kalb, es ist ja ein Verwandter von Ihnen an 
gekommen, der General von Ochs." Derselbe war nämlich 1847 
als kurhessischer Militärbevollmächtigter nach Berlin beordert 
worden. Er war der jüngste Bruder meiner Mutter und erzählte 
diese Anekdote selbst sehr gern. 
Misrellen. 
Iriedrich Eberhard von Wochow. In der städtischen Schul 
deputation war kürzlich davon die Rede — schreibt die Volks 
zeitung — eine Gemeindeschule „Rochowschule" zu benennen zu 
Ehren des verdienten Reformators des Volksschulwesens Friedrich 
Eberhard von Rochow, Erbherrn auf Krahne, Rekahn und Göttin 
bei Brandenburg. Dorf Rekahn war gegen Ende der Regierung 
Friedrichs des Großen das Wallfahrtsziel der Pädagogen aller 
Länder, und der Direktor des Gymnasiums zum Grauen Kloster 
in Berlin, Konsistorialrath Büsching, gab 1776 ein Buch von 
400 Seiten mit Abbildungen und Plänen über seine Reise nach 
Rekahn heraus. Friedrich Eberhard von Rochow war am 11. Ok 
tober 1734 geboren, bis 1758 Offizier im Regiment Gardes 
du Corps, und nahm damals seinen Abschied, weil ihm im Duell 
die Pulsadern der rechten Hand durchhauen worden waren. Er 
widmete sich nun der Verwaltung seiner väterlichen Güter und 
sah dabei, wie weit zurück die geistige Bildung seiner Bauern 
war. „In bitteren Gram versenkt," erzählt Rochow selbst, „saß 
ich einst (es war am 4. November 1772) an meinem Schreibtische 
und zeichnete einen Löwen, der in einem Netze verwickelt dalag. 
So, dachte ich, liegt auch die edle kräftige Gottesgabe, Vernunft, 
die doch jeder Mensch hat, in einem Gewebe von Vorurtheilen 
und Unsinn dermaßen verstrickt, daß sie ihre Kraft so wenig wie 
hier der Löwe die seinige gebrauchen kann. Ach, wenn doch eine 
Maus da wäre, die einige Maschen aus diesem Netze zernagte, 
vielleicht würde dann der Löwe seine Kraft äußern." Rochow 
faßte nun den Gedanken: Wie, wenn Du diese Maus würdest? 
und beschloß bei sich: Ja, ich will die Maus sein, Gott nur helfe 
mir! Sofort ging er ans Werk und schrieb die Titel der dreizehn 
Kapitel seines nachmals so berühmten Schulbuches „Der Kinder- 
sreund". An seinem Prediger Rudolph land Rochow einen ver 
ständigen Helfer seiner Pläne. „Mit Handwerkern und unwisienden 
Bedienten muß keine Schule besetzt werden", meinte Rochow, 
„sondern womöglich fürs Erste mit Kandidaten der Theologie. 
Die Lehrer müsien wenigstens 100 Thaler baares Geld außer 
Wohnung, Feuerung, Garten rc. haben, damit sie sich ganz dem 
Schuldienste widmen können, ferner müssen wenigstens zwei Klassen 
in jeder Schule sein, die Schulgebäude müssen hell und mit Unter 
richtsmitteln aller Art versehen sein." Rochow ging alsbald bei 
sich selbst ans Werk und Rekahn wurde bald eine Musterschule 
von großer Berühmtheit. Der Minister von Zedlitz schrieb an 
Herrn von Rochow: „Daß ein Domherr für Bauernkinder Lehr 
bücher schreibt, ist selbst in unserem aufgeklärten Jahrhundert eine 
Seltenheit. Heil und Lob also dem trefflichen Mann, den nur die 
Rücksicht auf die Allgemeinheit des Nutzens, welcher gestiftet 
werden kann, zu solchen Unternehmungen antreiben konnte." Im 
Jahre 1773 begann Rochow sein Werk in dem von ihm errichte 
ten neuen Schulhause, und schon bei seinem Besuche im Juni 
1775 bemerkte Büsching: „Erwachsene wie Kinder in Rekahn 
erweckten durch ihr Betragen einen sehr vortheilhasten Begriff von 
diesem Orte. Denn anstatt des bäuerischen Wesens, welches man 
auf den Dörfern anzutreffen gewohnt ist, erwiesen uns diese Leute 
eine unerwartete Höflichkeit." Das Rochow'sche Beispiel fand 
weit und breit Nachahmung, und selbst fürstliche Personen wall- 
fahrteten zum Studium nach Rekahn. Der uneigennützige Volks 
freund starb am 16. Mai 1805. Seinen Namen durch Benennung 
einer Schule zu verewigen, erscheint in der That passend, und ist 
aus Gründen, die zu würdigen sind, keine Geneigtheit für die 
Benennung „Rochow-Schule" vorhanden, so möge man die An 
stalt „Friedrich Eberhard-Schule" nennen. 
Die Königt. Mühten. (S. Illustration S. 113.) Wir 
brachten kürzlich das Projekt einer an Stelle des jetzigen Mühlen 
damms zu errichtenden Brücke. Weil dieselbe über kurz und lang
	        
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