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Periodical volume 25. November 1882, Nr. 9

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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Den Nachmittag tranken wir noch, d. h. Frau v. Erlen- 
roth, Tante Sophie und ich, zusammen Kaffee, dann fuhren 
die beiden Damen Schlitten und wollten direkt danach zu 
Zerners. — Ich war allein — ich war übrig. — 
Ich eilte auf mein Zimmer, um mich satt zu weinen. 
Was hatte ich gethan, daß ich so behandelt wurde? — Mein 
Stolz bäumte sich auf, ich wollte nicht an die Schmach denken, 
die man mir zugefügt, eilends warf ich einen warmen Mantel 
über und flog mehr als ich ging in den Park; auf der Brücke 
kam mir der Schimmel mit dem hübschen Schlitten von gestern 
entgegen, des Barons Diener lenkte ihn und hatte den kürzeren 
Weg durch dcu Park eingeschlagen. Ich blieb unwillkürlich stehen 
und streichelte das hübsche Thier, der Diener meinte, der Baron 
habe ihn nach Hause geschickt, ohne gefahren zu sein und jetzt 
solle er packen, morgen ginge es auf das Gut des Barons. 
Was mochte nur gewesen sein, der Baron war wie um 
gewandelt, morgen wollte er fort und gedachte doch erst bis 
zuin fünften zu bleiben?! — 
Ich schritt weiter in den Park hinein, da streckten die 
kahlen Aeste ihre Arme in den blauen Himmel hinein, ich hätte 
auch flehend incine Arme aufheben mögen und beten, beten 
und weinen, bis mir das Herz brach; ich ging zum Erb- 
begräbniß, durch die vergitterten Fenster sah ich hinein, da 
hingen noch die Kränze, die wir zusammen aufgehängt, jetzt 
duftete es nicht nach frischen Blumen, kalte, dumpfe Moder- 
luft hauchte mir entgegen! 
Wer doch dort so schlummern könnte, wie Du, arme Alice 
— arm aber doch reich an Liebe deffen, dein Dein Herz 
gehörte! 
Ja Clärchen, schelte mich thöricht, mein Herz gehörte schon 
längst, ohne daß ich es ganz verstand, Conrad; — aber 
seit jener Schlittenpartie, gestern war es ja erst — ich möchte 
auflachen und aufschreien zu gleicher Zeit, wenn ich daran 
denke, daß es erst gestern war — weiß ich es genau, ich liebe 
ihn mit der ganzen Kraft meines marinen Herzens, das nie, 
außer Deinem, ein Bild so in Liebe heiß uinfaßte! Heiße 
Thränen tropften auf ineine zitternden Hände, die immer noch 
das Gitter bei den Todten festhielten und gemahnten inich, 
weiter zii schreiten. Lange, lange ging ich kreuz und gucr 
durch die Bäume des Parks und weinte, weinte mir das Herz 
entzwei und doch nicht leichter. Als ich zu Hause kam und 
in mein Zimmer trat, gewahrte ich Licht in des Barons Stube. 
War er da, oder packte der Diener, mir galt's gleich. — 
„Nun ist er hinaus in die weite Welt, hat keinen Abschied 
genommen!" das kann ich jetzt auch sagen. Heute als ich zum 
Frühstück hinunter ging, war der Baron schon im Zimmer, 
er hatte sich von Brigitte Kaffee machen lassen, er wollte um 
7 Uhr mit dem Zuge fort. — Er saß rauchend am Fenster, 
den Kaffee neben sich, und hatte die Briefe vor, die eben mit 
der Posttasche gekomnien waren. Es war auch einer aus Görlitz 
dabei, an Helene Sommer, er reichte ihn mir, ein malitiöses 
Lächeln umspielte seinen schönen Mund, aber seine Hand schien 
mir zu zittern, als er laut sagte: „Fräulein v. Werden, aus 
Görlitz! " Dann fixirte er mich und sagte: „Wissen Sie, was 
es heißt, mit der Liebe sein Spiel treiben? Wissen Sie, was 
cs heißt, meineidig werden am Herzen eines Mannes?" 
Ich war leichenblaß geworden. Was meinte er? Wußte 
er, daß ich die Briese verinittelte? Fand er das im Rückblick 
auf die heimliche Liebe seiner Schwester so sträflich von mir? 
Aber ich war doch deshalb nicht meineidig?! Mein Stolz bäumte 
sich auf, dauu stiegen mir heiße Thränen in die Augen, ich 
sah den Sprecher bittend an. 
„Ich will versuchen, Ihnen zu verzeihen, und hoffen, daß 
auch Sie nie an Ihr Unrecht in harter Weise gemahnt werden," 
sagte er traurig und stand auf, seiner Mutter Lebewohl zu 
sagen, die noch in ihrem Schlafzimmer weilte. — 
Ich ging wieder hinauf auf mein Stübchen, denn Brigitte 
hatte mir gesagt, daß die Baronin erst um 9 Uhr den Kaffee 
trinken wollte. Unten fuhr der Schlitten klingelnd zur Bahn, 
ich horchte, so lange der Silberklang der Schellen ihren Ton 
hier herauf trug, dann sank ich an meinem Schreibtisch in die 
Knie und schluchzte bitterlich. 
Es mochte wohl 8 Uhr sein, als leises Pochen an meine 
Thür mich aus meinem Schmerze aufrüttelte. Ich eilte, schnell 
meine Thränen trocknend, zu öffnen; es war Tante Sophie- 
Sie sah mein verweintes Aussehen und fragte nach der 
Ursache. Ich machte allerlei Ausflüchte, die sie ungläubig 
lächelnd aufnahm, dann setzte sie sich aber zu mir aufs Sopha 
und klagte, wie trübe die so schön begonnene Weihnachtszeit 
jetzt ende. Conrad sei, wie Brigitte gesagt, sehr aufgeregt gestern 
Abend nach Hause gekommen, habe weder Hildegard mit dem 
Schlitten abgeholt, noch sei er zu Zerners gekommen. Als 
Tante Sophie und die Baronin gegen 10 Uhr nach Hause 
gekommen, sei er schon lange mit Packen beschäftigt gewesen, 
habe ihnen gesagt, dringende Briefe seines Inspektors riefen 
ihn schon jetzt auf sein Gut, er müsse fort. 
Die Baronin habe ihn zu beruhigen versucht, habe ihn 
angefleht, sich doch noch vorher mit Hildegard auszusprechen. 
Darauf habe es eine heftige Scene gegeben, Conrad habe be 
stimmt erklärt, niemals an Hildegard gedacht zu haben und 
er würde ferner nie mehr der Mutter Haus betreten, wenn 
sie ihm nicht gelobe, diesen Gedanken ganz und für immer 
aufzugeben. — 
Die Baronin wäre die halbe Nacht weinend in ihrem 
Zimmer auf und ab geschritten und habe nun heftiges Kopfweh, 
so daß sie heute wohl gar nicht ihr Zimmer verlassen würde. — 
„Zu Ihnen aber, liebe Alice, bin ich eigentlich nicht ge 
kommen, um Ihnen eine Geschichte zu erzählen, die Sic ja 
nicht interessiren kann, sondern uin Sie noch einmal zu warnen, 
nicht Alles, was Sie interessirt und erregt, gleich an Hildegard 
zu berichten." Ich beschwor Tante Sophie, mir doch zu 
sagen, von was sie eigentlich spräche; da meinte sic: „erstens, 
inein Herz, haben Sie ihr das Geheimniß mit ihrem Vetter 
anvertraut." Ich warf ein, daß Hildegard darum schon ge 
wußt, als ich hierher gekommen sei. 
„Dann" fuhr Tante Sophie fort, „kleine an sich un 
bedeutende Sachen, die nur Wichtigkeit gewinnen, wenn man 
sie weiter erzählt; z. B- haben Sic Hildegard anvertraut, daß 
die Baronin Ihnen zugeredet, des Baron Wolde» Bewerbungen 
nicht zurück zu weisen; daß die Baronin gewünscht, Conrad 
möchte Hildegard bei der Schlittenpartie fahren und die ganze 
Verhandlung dabei, zwischen Mutter und Sohn;" — sie wollte 
noch mehr aufzählen, da siel ich ihr ins Wort und schwor ihr 
bei dem Andenken meiner Eltern, daß ich die erste Geschichte 
nie gegen Jemanden erwähnt, seit der Schlittenpartie aber 
Hildegard noch gar nicht gesehen habe-
        
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