Path:
Periodical volume 25. November 1882, Nr. 9

Full text: Der Bär Issue 9.1883

MWWWWM'. 
Line Chronik für's tzaus 
M 
Erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch alle Buchhandlungen, Zeitungsspeditionen und Postanstalten für 2 Mark 
IX. Jahrgang. vierteljährlich zu beziehen. - Jm Postzeitungs-Latalog eingetragen unter Nr. 21S8. den 2Z. November 
Nr. 9. Herausgegeben von Emil Dominik. Verlag von Gebrüder Paetel in Berlin W. 1882. 
Meine erste Reise in Schlesiens Serge. 
Novelle von kt. non Smlen. (Fortsetzung.) 
Nachdruck verboten. 
Gesetz v. II. VI. 70. 
l 
Clärchen, was war das heute für ein Tag! Gestern war 
ich so selig, gewiß zu selig — denn heute, ich mag nicht daran 
denken, — ich bin zu unglücklich!! — 
Heut in aller Frühe wurde ich durch die Depesche von Dir, 
die mir Deine Verlobung meldete, geweckt, ich war so innig froh 
über Dein Glück, ich betete zu Gott, Dir Alles zu senden, was 
Dein liebes treues Herz be 
seligen könnte; war es 
Sünde, daß zwei blaue 
Augen mich iin Geiste dabei 
anblickten und eine heiße 
Sehnsucht in meinem Herzen 
aufstieg nach Glück? 
Es nmß wohl Sünde 
gewesen sein, denn die Strafe 
folgte' auf dem Fuße. — 
Ich ging zum Früh 
stück hinunter. Die Baronin 
freute sich herzlich über die 
Verlobung ihres Neffen, ich 
mußte viel von Dir erzählen 
und war so recht warm ge 
worden im Schildern meiner 
süßen Herzensfreundin, als 
der Baron zum Kaffee kam, 
seiner Mutter und Tante 
Sophie die Hand reichte, 
mich aber mit Eiseskälte 
begrüßte, daß mir fast das 
Herz stille, stand. 
Als die Baronin ihm 
Vetter Stettens Verlobung 
mittheilte, fragte er, indem 
er mich sarkastisch lächelnd anblickte: „hat sich Ihre Freundin 
auch in der Pension verlobt?" — 
Ich wußte nicht, was das heißen sollte und erwiderte. 
daß Ihr Euch diesen Soinmer erst kennen gelernt hättet- 
Herr v- Erlenroth überging plötzlich die Verlobung ganz und 
fing an vom gestrigen Feste zu erzählen, daß er es bcdaure, 
nicht gleich hingegangen zu sein; daß er sehr viel getanzt habe, 
daß Hildegard enorm gefeiert worden wäre. — 
Dann stand er, nach der Uhr sehend, auf, er habe sich 
mit Bekannten verabredet, 
werde auch nicht zu Tische 
kommen, da er mit verschie 
denen Freunden im Hotel 
essen wolle. Nachmittag habe 
er Hildegard eingeladen, er 
wolle sie Schlitten fahren 
und bliebe dann den Abend 
bei Zerners, die Baronin 
möchte doch mit Tante 
Sophie auch hinkommen! — 
Von mir war nicht die Rede. 
Er ging und sagte mir 
nicht ein Mal k Dien — 
und gestern — ich darf nicht 
daran denken. — 
Als der Baron fort 
war, mußte ich es noch mit 
anhören, wie Frau v. Erlen- 
roth zu Tante Sophie 
die Vermuthung aussprach, 
gestern habe sich Conrad er 
klärt, er gehe jetzt gewiß zu 
Zerners und wollte ihnen 
Abends das Bräutchen vor 
stellen. — 
Mein Herz horte auf zu 
j schlagen, in dieser Stimmung mußte ich die Gratulation an Dich 
schreiben, — verzeihe mir Clärchen, daß ich mich so wenig beherr- 
' scheu konnte. Du weißt ja, wie sehr ich Dir Dein Glück gönne! 
Johann Äutius Wilhelm Zpindlrr. 
Originalzeichnung. (S. S. 114.)
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.