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Volume 1. Oktober 1882, Nr. 1

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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Du weißt, Wilhelm steht jetzt in Görlitz, Helene ist in Berlin, 
ich soll nun die Briefe der Liebenden vermitteln, beide Ver 
lobte senden ihre Liebesepistcln in doppeltem Couvert an mich 
und ich bin postillon d’amour. Helene ist meine Pensions 
freundin und Wilhelm mein Vetter, in unserm beiderseitigen 
regen Briefwechsel kann Niemand etivas finden; mir ist es 
aber so unheimlich, als ginge ich auf verbotenem Wege, ich 
will auch noch sehen, ob ich dies Arrangement nicht rückgängig 
machen kann. 3)fit Helene war ich nie enger befreundet, aber 
Wilhelm steht mir nahe, er ivar stets lieb und gut zu mir, 
ich tröste mich noch immer mit dem Gedanken, ein so streng 
rechtlicher Mensch wie Vetter Helm wird nichts Unrechtes von 
nur verlangen. In ähnliche Betrachtungen versunken, die das 
verborgene Berloque wieder herauf beschworen hatte, stand ich 
am Schaufenster des Schmuckladens und hatte Onkel gar nicht 
kommen hören. „Nun Alice, was hast Du Dir denn ausge 
sucht?" schallte es plötzlich neben mir, uird mit meinem schlechte» 
Gewissen und dem verhängnißvollen Kleinod, wurde ich 
dunkelroth und stammelte etwas von Amethysten. Der gute 
Onkel, der meine Verlegenheit falsch deutete und glaubte, ich 
spräche von einem Ringe mit einem Amethysten, der mir zu 
nächst lag, trat in den Laden, fragte ohne Weiteres nach dem 
Preise desselben, und ehe ich zur Besinnung kommen konnte, 
hat ich das nutzlose Ding, nach dem ich mich gar nicht sehnte, 
ain Finger. „Hier, meine kleine Alice, trage den Ring zur 
Erinnerung an Deinen alten Onkel, der es immer gut und 
treu mit Dir gemeint hat und laß Dich durch dies kleine An 
denken manchmal an mich gemahnen; wenn ich könnte, hätte 
ich Dir etwas Besseres geschenkt; trage den kleinen Reif so 
lange auf dem Liebesfinger, bis ein würdigerer ihn ersetzt!" 
Der alte liebe Onkel war ganz weich geworden und ich mußte 
mich sehr zusammennehmen, um die Thränen, die mit Macht 
hervorquollen, tapfer hinunter zu schlucken. 
Wir gingen dann weiter nach dem Kursaal um Plätze für 
Mittag zu bestellen; Nachmittag war Concert und Abends Illumi 
nation, wo wir nicht zu lange verweilen wollten, um morgen recht 
frühe auf die Berge zu steigen. — Wir wanderten gemächlich nach 
Hause, wo wir Tante auf, und recht verstimmt antrafen, sie hatte 
heftige Kopfschmerzen, verwünschte zehnmal die Nachtreise und 
war durchaus nicht gewillt, zum Essen zu gehen. Ich machte 
mich leise aus dem Staube und ging aus mein Zimmer, um 
etwas Toilette zu machen. Um '/, 1 Uhr rief der Onkel, es 
war verabredet, daß wir, d. h. Onkel und ich, zu Tisch gingen, 
der Tante das Essen aber geschickt würde. — Tante schlief 
und ich ging niit Onkel Fritz leise sott, um sie nicht zu stören. 
Ich hatte mein schwarzes Grenadinkleid, mit spanischen Spitzen 
garnirt, ang^ogcn, das mir die Tante Louise (Gräfin Guido 
Holm) zum Abschied geschenkt und auch hatte machen lassen; ich 
kam mir sehr elegant vor. Der Onkel fand auch, ich sähe ganz 
„patent" aus, nur etwas düster und als wir vor dem Kur 
saal einen Gärtnerburschen mit prachtvollen Rosen trafen, 
kaufte mir Onkel zwei dunkelrothe, von denen ich eine ins 
Haar, eine an den Hals stecken mußte. Die Verschönerung 
war kaum beendet, als es zur tablo diiöte läutete; wir be 
kamen unsere Plätze angewiesen, worauf drei Zettel mit Onkels 
Namen lagen. Onkel ging nur noch in die Küche, um zu be 
stellen, daß das dritte Couvert geholt werden würde, als der 
servirende Kellner einen Herrn neben mich geleitete und ihn 
mit den Worten zum Sitzen einlud: „Hier fällt ein bestelltes 
Couvert aus, der Herr können hier Platz nehmen." — Gleich 
darauf wurde die Suppe gereicht unb der Onkel kam nsieder- 
Mein Nachbar zur Linke», der Herr, der unseren dritten 
Platz eingenommen hatte, stellte sich Onkel und mir vor; bei dem 
Klappern und Räuspern konnten wir aber den Namen nicht 
verstehen, — Onkel nannte seinen Namen, präscntirte mich 
als Nichte und wir unterhielten uns in den Pausen sehr gut. 
Mein Nachbar war von Breslau auf einige Tage im Ge 
birge, kannte hier die ganze Gegend genau und wollte am nächsten 
Tage den Kamm belaufen. Ich würde ihn für einen Guts 
besitzer gehalten haben, wenn er uns nicht erzählt hätte, daß 
er in Breslau wohne. Wir hatten uns so eifrig unterhalten, 
daß ich wenigstens gar nicht bemerkt hatte, daß schon das 
Dessert präsentirt wurde. — 
Während Eis, Kaffee und dergleichen verzehrt wur 
den, erschien ein niedliches Kind, das Blumen verkaufte, 
mein Nachbar wählte drei schöne Rosen aus und legte 
sie mit liebenswürdigem Lächeln auf meinen Platz: „Darf 
ich Sie bitten, mein gnädiges Fräulein, sich an dem Duft 
der Blumen zu erfreuen?" Ich dankte verbindlich und 
blickte zum ersten Male meinen Tischgenoffen ordentlich 
an, ich war aber vollkommen srappirt voir dem männlich 
schönen Gesicht und begegnete einem paar prachtvoll ernsten 
dunkelblauen Augen, die mich ganz erstaunt anblickten- In 
der Verlegenheit ließ ich meine Serviette fallen und als ich 
mich danach bückte, brach die Rose aus meinem Haar ab und 
rollte meinem Nachbar zu Füßen, der sie mit der Serviette 
zugleich aufhob und verstohlen in seine Brusttasche gleiten ließ. 
Ich wurde dunkelroth und der Onkel, der das Intermezzo 
„Komm, Alice, Du bist schon ganz roth von dem vielen Wein, 
Du mußt in die Luft!" 
Wir hatten bei Tisch davon gesprochen, daß wir die 
Tante nach Mittag holen und Concert und Illumination 
mitmachen wollten, und so sprach Herr v- X. X- (so will 
ich ihn nennen, da ich seinen Namen nicht weiß) die Hoff 
nung aus, uns heute nochmals zu begrüßen, eine Hofsttung, 
die ich lebhaft theilte. — 
Leider fanden wir zu Hause Tante Agathe zwar wohl 
auf, aber zu angegriffen, um unter Menschen gehen zu wollen. 
Ich vertauschte nur mein elegantes Kleid mit einem Kattun- 
anzuge und dann gingen wir einen einsamen Feldweg, der 
nach einem benachbarten Dorfe führt, entlang spazieren. Wie 
bei allen nervösen Naturen, war auch bei der Tante die 
Stimmung nach der längeren Ruhe vollständig umgeschlagen, 
sie war heiter und nachgebend gegen den Onkel unb so liebe 
voll gegen mich, wie sie es lange nicht gewesen war. Unter 
wegs wurde der Reiseplan zu morgen festgesetzt, wir tvollten 
um 6 Uhr früh zu Wagen bis Krummhübel, dort zwei Träger 
für die Tante nehmen und direkt nach der Koppe wandern. 
Der Onkel schlug vor, heute nicht mehr zu weit zu gehen, 
da wir morgen Füße und Kräfte noch tüchtig brauchen würden. 
So gingen wir denn in unser hübsches Banernhäuschen zurück, 
und während Onkel und Tante das Abendbrod bestellten und 
die Sachen zur morgenden Gebirgsreise zurechtlegten, eilte ich 
auf mein Zimmer, verpackte und signirte das Geschenk für 
Helene und eilte über die Promenade nach der Post; es war 
'/z8 Uhr und ich mußte tüchtig darauf los gehen, wenn ich 
vor Schluß der Post meine Sendung abgeben wollte. Ich
	        
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