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Periodical volume 20. November 1880, Nr. 8

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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beide Ellenbogen auf den Tisch stützte, „wenn es aber einen ' 
vollen Krug vor sich sieht, dann muß es sich mühen, denselben 
eiligst zn leeren. Ans Dein Wohl und daß Du auch bald ein 
fideles Bierhuhn werden mögest!" 
Wieder versenkte er seine lauge Habichtsnase in den Hum 
pen, aber ein anderer Offizier, es war ein Knesebeck, ergriff 
das Wort: „Mit Verlaub, Herr Oberstwachtmeister, aber ein 
fideles Bierhuhn hat noch andere Eigenschaften, es ist auch 
schönen Frauen hold." 
Andreas lachte ingrimmig. „Verbotene Frucht für den 
Lieutenant Lindholz, er ist beweibt!" 
Alles lachte; einmal konnte man sich das junge Gesicht 
nicht mit der Würde eines Ehemannes zusammen reimen, daun 
aber wußte man, daß auch die beweibten Krieger nebenbei gern 
manche holde Blume pflückten, obgleich der Kurfürst streng 
auf Zucht und Sitte hielt. 
Heinrich Lindholz biß die Zähne zusammen; haftete ihm 
denn der Fluch des Lächerlichen unlösbar durch diese unselige 
Heirath an? Noch hatte er sich nicht entschließen können, eine 
Botschaft in die Heimath zusenden; wenn er Ruhm und Ehre 
errungen, wenn er sagen kormte, „ich stand wie ein Branden 
burger," dann wollte er Lottchen einen Brief schicken, damit 
sie sah, daß sie doch nicht nur einem Knaben vermählt 
sei; heute hätte er's thun können, er hatte heut Auszeichnung 
genug erfahren, und der Kurfürst sandte Boten nach Berlin 
an seine Gemahlin, er hätte einen Brief mitgeben können, 
aber der Groll gegen Lottchen nahm wider überhand; was 
lag ihr daran, von ihm zu hören, sie liebte ihn so wenig wie 
er sie, er, der um ihretwillen auf Frauenliebe verzichten mußte. 
Manche blonde unb braune Schöne hatte sein Herz schneller 
schlagen lassen, seit er im Ländchen Bellin gewesen, der 
Märchen-Hanne gedachte er kaum noch, aber wie Andreas 
Lindholz sagte, es war verbotene Frucht für ihn. Da wandte 
sich ein junger OWer an ihn mit der ganz unerwarteten 
Frage: „Um Vergebung, wenn Ihr Lindholz heißt, Herr, 
und beweibt seid, dann seid ihr der Alaun der schönen blassen 
Frau mit den großen traurigen Augen, die Euren Minen 
trug und die ich in Stralow bei meinem Großvater sah, ich 
heilte damals meine Wunde von Fehrbellin aus." 
Erstaunt horchte Heinrich auf. Große traurige Augen, 
ja die hatte seine Frau, bleich war sie auch, aber schön, das 
war sie nie gewesen. Dennoch sagte er leicht hin: „Ihr mögt 
Recht haben, Herr!" 
Man trank ihm zu auf das Wohl seiner schönen Frau, 
schön mußte sic sein, da Lieutenant Memhardt cs gesagt hatte, 
der für einen Kenner galt. Er nahm es kühl ans, doch Mem- 
hardt filhr fort: „Da war auch ein Jugendgespiele von Euch, 
ein Junker von Scharben, ich höre, daß er sich Eurer Krau 
sehr treu annimmt." 
Der Oberstwachtmcister lachte hell auf, mehrere der jün 
geren Offiziere lächelten. 
„Ihr braucht nicht zu hohnlachen," fuhr Memhardt auf, 
„Frau Lindholz steht in höchster Achtung in der ganzen Stadt, 
ich hab' das dem Herrn Lieutenant nur erzählt, weil ich dachte, 
es sei ihm lieb zu hören, daß sein Weib nicht ohne Schutz, 
während er im Felde ist." 
„Ich danke Euch Herr," erwiderte Heinrich nicht ohne Würde, 
„inskünftig aber überlaßt es mir, meiner Frauen Ehre zu ver 
theidigen; ich hoffe, es wird Niemand wagen, sie anzutasten!" 
Drohend blickten die blauen Augen sich um; man beeilte 
sich, ihm zu versichern, daß er vollkommen im Rechte sei, er 
aber wandte sich zu dem jungen Memhardt und sprach längere 
Zeit mit ihm; nach Lottchen fragte er freilich nicht mehr, 
worüber sich der junge Offizier im Stillen wunderte. 
Als sich Heinrich von seinem Oheim verabschiedete, sagte 
dieser: „Ein Narr bist Du doch, Heinz, wärst im Stande 
ein Duell auszufechten um die dumme Lotte!" 
„Sie hat noch Keinem Grund gegeben, schlecht von ihr 
zu denken," cntgegnetc Heinrich. 
„Wird schon kommen," lachte Andreas, „ein junges ver- 
laffenes Weib, werden schon Tröster kommen und mir soll's 
lieb sein, vielleicht läuft sie mit einem davon, dann bist Du 
frei!" 
„Um diesen Preis nimmermehr," schrie Heinrich Lind 
holz fast auf, „Schmach für den Namen Lindholz!" 
„Dann hättest Du zu Haus bleiben müssen," erwiderte 
Andreas. 
„Oheim, Ihr seid ein Teufel," fuhr ihn Heinrich an. 
„Der ist auch nicht so schwarz, wie er gemalt wird," 
erwiderte Andreas, „nichts für ungut, Junge." 
Widerstrebend nur schlug Heinrich in die Hand des Oheims 
ein, dann ging er in das Zelt, das Memhardt für diese Nacht 
mit ihm theilte. Schweigen herrschte im Lager, nur die Posten 
! wurden von Zeit zu Zeit untersucht oder abgelöst. Das jung- 
: frauliche Stettin lag ebenso schweigend, ebenso bewacht. 
„Wir müssen es doch haben," sagte Dorotheas Memhardt. 
„Wir werden es auch haben," entgcguete Lindholz. 
„Hundert und acht große Geschütze, 31 Mortiers, die 
sechs bis sieben Centncr werfen, 15,000 Centner Pulver, 
200,000 Stiickkugelu, 800 große Granaten, 10,000 Brand 
kugeln, 300 Büchsenmeister, 40 Feuerwerker und 24 Minirer 
hat des Kurfürsten Durchlaucht bei anbrechendem Frühling ans 
Berlin mit ins Lager genommen," erzählte Meinhardt, „ohne 
was die treffliche Festung Ciistriu gegeben und von Lippstadt, 
Bielefeld und Minden zugeführt worden. Mit 25 ansehnlichen 
Regimentern und 4000 Lüneburgischen liegen wir hier vor 
Stettin und haben» nicht übermocht." 
Die grauen Augen des jungen Mannes funkelten zornig, 
seine breite Brust hob sich höher. 
„In allen kurfürstlichen Landen wurde Mittwochs vor 
Pfingsten ein Buß- und Bettag gehalten," erwiderte Heinrich, 
j „aber bis jetzt scheint Gott die Gebete nicht erhört zu haben." 
„Es ist noch kein deutscher Fürst besser ausgezogen, fuhr 
Memhardt fort, sie müssen über kurz oder lang doch acevr- 
diren." 
Endlich begab sich auch Memhardt zur Ruhe, Lindholz 
! zögerte noch immer, er dachte an seine Frau, nicht in Liebe, 
aber doch vermochte er die Gedanken nicht von ihr abzuwenden. 
Große traurige Augen! Das Wort ging ihm im Kopfe herum 
und es war ihm, als sähe er durch die Finsterniß die großen 
j traurigen Augen auf sich gerichtet. Sein Gewissen klagte ihn 
: an, es sei nicht recht, daß er ein so junges Weib allein und 
j schutzlos zurückgelassen habe, aber jetzt konnte er nicht um- 
j kehren auf dein Pfade, den er betreten, jetzt, wo leuchtend 
; Ruhm und Ehre ihm die schönsten Ziele zeigten. 
Als er sein Lager aufftichtc, sprach Aiemhardt im Traume, 
wie vorhin im Wachen: „Wir muffen es doch haben!" 
Da wichen alle anderen Gedanken, er war nur noch
        
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