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Periodical volume 8. Januar 1881, Nr. 15

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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in die Festung fliehen sah, sprengte er ans die Wahlstatt, der 
junge Pikenier hatte eine Wunde im Arm, aber nicht der Feld- 
scheer, sondern der Rittmeister Lindholz selbst verband sie ihm. 
Ungeschickt genug stellte sich der grobe Gesell dazu an, aber 
die hellen Thränen rannen ihm über das Angesicht und in 
den verwitterten Zügen zuckte und zitterte es wie lauter grim 
mige Freude. 
„Wer sind die Beiden?" fragte der Kurfürst den Feld- 
marschall. 
„Zwei Berliner Kinder, Durchlaucht," erwiderte Derff- 
lingcr, der sich an dem Bilde ergötzte wie ein Anderer an 
dem Anblick der schönsten Frauen, „der Rittmeister Lindholz 
und sein Brnderssohn, der Pikenier Lindholz, sie haben die meisten 
Ehren vom heutigen Tag!" 
„Obcrstwachtmeister Liudholz!" rief der Kurfürst mit seiner 
Fcldherrnstimmc. 
Andreas fuhr zusammen, im nächsten Augenblick stand 
er in der gehörigen Haltung vor seinem Kurfürsten die Augen 
zu ihm aufgeschlagen, so stolz, so freudig, daß er fast schön 
aussah. War's nur die neue Würde, die ihn so stolz aus 
schauen ließ? 
„Ihr habt hellt einen Ehrentag, Lindholz," redete der 
Kurfürst feinen neuen Obcrstwachtmeister an. 
„Ja, Durchlancht," rief der mit hellem Jubel in der 
Stimme, „einen Ehren- und Frelldentag, beim meine Augen | 
sahen meines Bruders einzig Kind bluten für Brandenburg 
und seinen Kurfürsten." 
„Ihr seid ein wackerer Degen, mein alter Lindholz," 
erividerte der Kurfürst gütig nnb reichte ihm die Hand zum 
Kliffe. 
„Bist Du schwer verwundet, mein Sohil," ivandte er 
sich dann an Heinrich, der das Kaskett abgenommen hatte; 
so daß ihm die Sonne hell auf die goldenen Locken schien; 
die schönen blauen Angen schimmerten felicht, seines Lebens 
stolzester Augenblick war gekommen. 
„Durchlaucht," erwiderte er fest und doch bescheiden, „als | 
sie die Leichen der Helden voil Fehrbcllin durchs Spandaucr ! 
Thor trugen lind ich die Schlachtenrosen auf ihrer Brust blühen ] 
sah, da habe ich mich gesehnt, auch solche Rosen zu brechen ; 
für Brandenburg, was frage ich danach, daß diese Rosen ! 
auch Dorilcil haben, die mir die Haut ivund ritzen!" 
„Meine Herren," wandte sich der Kurfürst an die ihn 
umgebcildcn Offiziere, „ist's Euch genehm, weiln der Pikenier 
Lindbvlz Einer der Euren wird, ich denke, es schadet ihm nicht, 
daß er von der Pike auf gedient, willst Du mein Offizier sein, 
mein Sohn?" fragte er den jungen Mann, als die Herren j 
eilunüthig nickten. 
„Bis in den Tod," rief dieser und das Knie beugend j 
berührte auch er mit seiner Lippe in tiefster Ehrfurcht die Hand 
seines Kurftirsten, der langsam sein Roß wandte und mit 
seinem Gefolge seinem Zelt zliritt. Die Offiziere umringten 
den neuen Kameraden, sie beglückwünschten ihn und führten 
ihn im Triumph mit sich fort. Der Name Lindholz hatte 
einen guten Klang nnb das Offiziercorps des großen Kur 
fürsten bestand durchaus nicht aus lauter Edelleuten. Mcht 
Geburt und Wappen, die persönliche Tapferkeit allein öffnete 
im brandenburgischen Heer den Weg zu den höchsten Stellen 
und die adligen Offiziell verkehrten mit den bürgerlichen wie 
mit ihresgleichen. Jener Geist der Kameradschaft, der noch 
heut durch das preußische, durch das deutsche Heer geht, den 
hatten die Offiziere des großen Kurfürsten schon, und daß sie 
ihil hatten, das war eüls der unsterblicheil Verdienste des 
alten Derfflinger, der diesen Geist erweckte und nährte, wo er 
konnte. Er lvar nicht nlir der grimme Haudegen, der die 
Schlachten schlug, er war auch ein Erzieher, ein Zuchtmeister 
im edelsten Siilne des Worts. Heinrich Lüldholz ließ Alles 
mit sich geschehen; die Gesellschaft der Offiziere that ihm wohl; 
er fühlte sich uilter seines gleichen, denn der Berliner Patrizier 
sohn dünkte sich jedem Edelmanne ebenbürtig. Seine Wuilde 
schmerzte ihn nicht sehr, besonders seit der wenig kunstgerechte 
Verband des Oberstwachtmeisters durch einen neuen ersetzt 
worden war. Man kleidete beit neuen Offizier in die ihm zu 
kommende Tracht, das heißt, man gab ihm den mit goldener 
Borte umsäumten, ansgekrempten Federhut, man setzte ihm die 
Perrücke über die goldenen Locken, gab ihm Schärpe und Degen. 
Glänzend sah der junge Offizier nicht ans, denn die Kameraden 
hatten ihn vorläufig aus ihrem eigenen Vorrath heraus staffirt 
und die Garderobe der Herren war durch die monatclange Be 
lagerung nicht besser geworden. Dann vereinigte man sich zu 
einem fröhlichen Mahl, auf dem sogar der Feldmarschall Derff 
linger erschien und die erste Gesundheit auf seinen neuen Oberst 
wachtmeister und den neuen Lieutenant ausbrachte, obgleich 
der nur vom Fußvolk war. Daß er das war, ließ sich nicht 
ändern, und cs war der einzige bittere Tropfen in dem Freuden- 
kelchc, den der Obersttvachtmeister Lindholz heut leerte. Jubelnd 
hatte er den jungen Mann empfangen, dem es gelungen war, 
das Lager des Kurfürsten vor Stettin zu erreichen, aber seine 
Freude hatte sich gemäßigt, als ihm Heinrich erzählte, er habe 
sich bei den Pikenieren anwerben lassen. Warum war er nicht 
ein frischer, fröhlicher Rcitersmann geworden? Aber Heinrich 
wollte nicht bei der Waffe dienen, unter der sein Oheim stand; 
der sollte ihm die Wege nicht ebnen, er wollte sie ganz allein 
gehen und Niemand sollte sagen können: Dazu habe ich Dir 
geholfen. Auch war ihm das Wesen des Oheims nicht immer 
recht, er wollte nicht unter seine Zucht kommen. Heute erst 
hatten sich die beiden Verwandten eigentlich gefunden, der 
Händedruck, den sie tauschten, war ein wärmerer, und beinah 
zärtlich schaute Andreas dem Brudcrsohn in die Augen. Es 
war doch gut, daß der seinen Rath befolgt hatte und seinem 
dummen kleinen Weibe davongelaufen war; nun aber sollte 
er auch sein Leben genießen. 
„Ein rechtes fideles Bierhuhn sollst Du werden," rief er 
ihm zu, mit beiden Händen einen riesigen Humpen emporhebend, 
der mit schäumendem Bier gefüllt war, „ein fideles Bierhuhn, 
wie wirs Alle sind!" 
„Ja, fidele Bierhühner sind wir!" riefen die Andern, 
deren Köpfe auch zu glühen begaunen. 
„Weißt Du, lvas ein fideles Bierhuhn ist?" fragte Lind 
holz den jungen Offizier, nachdem er einen schier unglaublichen 
Zug, einen mächttg tiefen Trunk aus seinem Humpen gethan. 
Heinrich schüttelte den Kopf. 
„Nun so will ich Dir's sagen," lachte der Oberstwacht- 
meister, die Zeltwände geriethen immer bedenklich ins Schwanken, 
wenn Andreas Lindholz lachte, „ein fideles Bierhuhn kann 
keinen leeren Humpen stehen sehen, er muß ihn sich stracks 
füllen lassen," damit reichte er den seinigen rückwärts dem 
Aufwärter, der ihn aufs Neue vollzapfte, dann sprach er weiter, 
indem er den Humpen abermals mit beiden Händen faßte und
        
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