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Volume 13. November 1880, Nr. 7

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

unter ihnen lagen Berlin und Cölln; über die Wipfel des 
Thiergartens, der am Jägerhof endete*), ragten kaum die 
Thürme von Sanct Nikolai und Petri, weit drüben schim 
merte es im Sonnenglanz, das mußte die Spree sein, welche 
die beiden Städte theilte, viel >var nicht von ihnen zu sehen, 
und auf der andern Seite dehnte sich einförmig und sandig der 
Teltow aus. Hie tmb da ein Stück Kiefcrnhaide, ein Kirch- 
thurin am Horizont, ein Kornfeld, eine Wiese, die eben zu 
grünen begann, auf der Landstraße nach Dresden zu alte 
Lindcnbäume, die auch noch recht kahl waren, drüben nach 
Maricndorf zu hie und da ein „Puhl", dessen Wasser hell 
blitzte, wenn ein Sonnenstrahl darauf fiel und an dessen Rande 
Vergißmeinnicht dem Geplauder des Röhrichts lauschten. Drüben 
an dem einen Wasser rechts von der Landstraße lag eine 
Schmiede, das Hämmern und Pochen schallte bis herüber und 
die rothe Flamme leuchtete auf gegen den wolkigen April- 
himmel. 
Jda gab keine Antwort aus die Frage des Junkers, aber 
sie breitete plötzlich beide Arme aus. 
„Was hast Du?" fragte Levin und in seinen dunkeln 
Augen schimmerte es feucht. 
„Ich möchte Alles an mein Herz drücken, was ich sehe," 
sagte sie leise, das lachende Gesichtchen war ernst geworden, 
„es ist so wunderschön!" 
„Das sandige Teltow," lachte der Junker, aber in seiner 
Stimme klangs wie tiefe Rührung. „Und Du willst kein 
märkisch Kind sein?" 
„Gchts Euch denn auch so?" fragte sie erstaunt, daß 
zwei Menschen dasselbe Gefühl haben sollten. 
„Freilich," nickte er, und manchmal draußen in der 
Fremde, selbst in meiner Mutter sonnigem Heimathlande, hat 
mich die Sehnsucht gefaßt nach Sand und Sumpf, nach Kicfcrn- 
dust und dem alten Hause hier." 
Das Mädchen hing sich an den Arm des jungen Mannes; 
„ich weiß aber, wo es noch schöner ist, als in Tempelhof, 
so sehr ichs liebe," sagte Lottchen näher tretend. 
„Das möchte ich wissen," sagte Lcvin lachend. 
„In Berlin auf dem Molkeninarkt," entgegnete sie ganz 
ernsthaft. 
„Ja, Du bist eben mit Sprcewasser getauft," meinte der 
Junker, „aber draußen auf dem Weinberg ists doch bester." 
Lottchen wandte ihre Schritte jetzt wieder der Wohnung ihrer 
Mutter zu, Lcvin und Jda begleiteten sie, aber ohne sich eigent 
lich um sie zu kümmern; die Beiden hatten beut so viel mit 
einander zu flüstern und zu lachen, daß in Lottchcns Seele 
eine leise Bitterkeit aufstieg. War sic schon wieder einmal 
überflüssig? 
Drinnen im Hahnchof saß Frari Antonia in ihrer unver 
änderlichen Trauertracht am Spinnrocken; ihre hageren Züge 
hatten mehr und mehr etwas Starres bekommen, düster und 
unfreundlich blickte sie darein, am düstersten aber aus die beiden 
jungen frohen Menschenkinder, die mit ihrer Tochter über die 
Schwelle traten. Je einsamer das Leben um die alternde 
Frau ward, desto feindseliger trat sie Allem gegenüber, was 
schön, froh und sorglos war, auch hier ein Widerspiel ihrer 
Tochter, die sich heimlich stets zu den Gliicklichen und Frohen 
hingezogen fühlte. 
Lcvin und Jda merkten es, wie wenig willkommen sie 
der alten Frau waren und entfernten sich bald; der junge 
Mann hielt Lottchens Hand in der seinen- und sich zu ihr 
niederneigend sagte er, während seine Augen freundlich auf 
ihrem Gesicht ruhten: „Wenn Du erst nach dem Fest heimkehrst, 
geleite ich Dich hinüber, ich sehe Dich aber doch noch bei 
meiner Mutter." 
Er küßte die kleine Hand, während Jda an der jungen 
Frau hinaufsprang und sie stürinisch umarmte. Dann gingen 
sie Beide und Lottchen setzte sich, ebenfalls zum Rocken greifend, 
neben die Mutter- 
Eine Weile spannen Beide schweigend, dann nahm die 
Mutter in hartem Ton das Wort: „Ich wundere mich, daß 
Du so ruhig von Hause weg bleiben kannst, da Marie doch 
nur Heinrich und Dir gehorcht." 
„Sie schläft," entgegnete Lottchen, „Ihr wißt, daß ich 
diese Tage immer benutzte, um nach Tempelhof zu kommen, 
mein Haus hütet dann die alte Röse, die ist ja mit der Armen 
aufgewachsen." 
„Aber Marie schläft nicht sechs Tage und die bist Du hier, 
wenn Du das Fest über bleiben willst, Röse kann nicht allein 
mit ihr fertig werden, wenn sie erwacht." 
„Ich habe seit Monden eine Magd, der sie fast bester 
gehorcht als mir und die sich auch mit der Röse verträgt!" 
„Also einer Magd überläßt Du Dein Haus und Deine 
schwerste Pflicht," ries Frau Antonia heftig, „dainit Dir hier 
ein Junker schön thun kann. Dir, einer verheirathcten Frau!" 
„Gott sei's geklagt, daß ich's bin," entgegnete Lottchen, 
„Ihr habt mich nicht gefragt, Mutter, Ihr habt mir be 
fohlen, den Vetter zu heirathen, ich hab's gethan, weil ich nicht 
wußte, was ich that, nun aber laßt mich meines Weges gehn, 
ich sagte es Euch schon mehrfach und den Junker laßt ganz 
aus dem Spiel; bin ich eine verhcirathctc Frau so weiß ich 
auch, was einer solchen ziemt!" 
„Ehrerbietung und Liebe bis ins Grab gegen die Bkutter, 
sollte ich meinen," schalt die ältere Lindholzin. 
„Die schuldige Ehrerbietung versage ich Euch nie, Liebe 
habt Ihr mir wenig gegeben und noch weniger verlangt." 
Die alte Frau starrte ihr Kind an, war es hart und böse 
getvorden durch das Unglück gleich ihr? Langsam ging Lottchen 
aus dem Zimmer, ruhelos wandelte sie auf und ab im Hause, 
sie dachte nicht daran, zur Ruhe zu gehen, auch als im ganzen 
Dorfe die Lichter erloschen waren und sogar Frau Antonia 
schlief. Der Mutter Wort hatte sie tief getroffen, nicht das 
von der Vernachlässiignng ihrer Pflichten, sondern das vom 
Junker- War es wirklich Lcvin, der sie nach Tempelhof zog, 
dachte sie des glänzenden, schönen, ritterlichen Junkers mehr 
als der verheirathcten Frau geziemte?-Sie war hinaus ge 
treten auf den kleinen steinernen Altar, zu dem einige Stufen 
hinauf führten und blickte gedankenvoll hinaus in die schwei 
gende, stille Osternacht. Drunten im Hof stand eine Wanne 
mit Wasser, die Mägde hatten sie dorthin gesetzt, um bei 
Sonnenaufgang das Osterlamm darin springen zu sehen. Hier 
und da huschte eine weibliche Gestalt, den Krug im Arm, den 
Kopf in ein Tuch gehüllt, durch die Dorfstraße, um Osterwaster 
zu holen; vorsichtig folgte ihr ein Bursche, um durch irgend 
eine Neckerei die eitle Dorfschönc zum Reden und um das ge 
priesene Schönheitsmittel zu bringen, denn schweigend muß 
das Osterwaster geschöpft werden, wenn es Mitternacht schlägt. 
*) Die heutige Reichsbank.
	        
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