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Volume 6. November 1880, Nr. 6

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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Grenze gezogen war. Ueber der melancholischen Wasserfläche 
in ihrer Todesstille säuselten und flüsterten nur die Kiefern 
des benachbarten Berges; einsames Schilf umkränzte den 
Wasscrrand, nur mit letzten Nachzüglern von weißen Mummel 
rosen hier und dort abwechselnd umzogen. Es war ein Moment 
geweihter Stille, wo unsere Seele der Volkspoesie nachempfindet, 
welche auch an die Stellen der Abgeschlossenheit und der Ein 
samkeit anknüpft, und dort wo der wechselnde Gedanken-Austausch 
der illachbaren und Reisenden fehlt, in dem eigenen Phantasiespiel 
seine Unterhaltung sucht, und daraus die sich immer wiederholenden 
Sagen vom Teufelsspuk und dem versunkenen Schlosse, von der 
schonen aber zu spröden Fürstentochter und einem gewaltigen 
Zauberer als verschmähten Liebhaber dichtet, wie solche auch von 
diesem Teufclsec besteht. 
Gegenüber einer solchen melancholischen Stimmung wirkt dann 
der Gegensatz um so erfrischender, wenn man den nicht zu beschwerlichen 
Anstieg aus die Höhe des Berges überwunden und nun die groß 
artigste Aussicht genießt, welche ineincn Begleiter zu dein an dein 
Anfang dieser Schilderung gestellten Ausruf über die Aehnlichkeit mit 
jenem Blick an der Vereinigung der ©eine und Marne veranlaßte. 
Solch eine Aussicht beschreibt sich nicht, solche Aussicht kann man 
nur zeichnen, nur malen bei dieser Beleuchtung, welche wir an 
jenem glücklichen 'Nachmittag genossen. Die Worte sind zu lang 
sam in ihrer Wirkung auf das Gemüth des Lesers, um das Frap 
pante nachfühlen zu lassen, uin die momentanen Offenbarungen des 
reichsten Detaillebcns aus dem großen Gesammtbilde als Augen 
blicksbild zu fixiren,' welchem dann bei den streifenden Sonnen 
blitzen ganz übenaschend ein ähnlicher Lichtblick an unerwarteter 
fernerer Stelle folgte. 
Schon legten sich die Sonnenstrahlen, wenn sie von dem 
großen Chor zerfetzter Wolkcngestalten einmal zum Durchblick zu 
gelassen wurden, in langen Streifen auf die Ebene zu unseren 
Füßen, vergoldeten dann feurig die Untcrflächen der ringsum ver 
streuten Kiefernkuppen, tvelche auf der Schattenseite mit um so 
dunklerem Grün ihre Forsffachsuniforin zur Geltung brachten, als 
die eigentlichen Alliirten der edlen Waidmannsfreude. Die Strahlen 
streiften jetzt die wunderbar modcllirten Bergrücken, auf denen 
wir standen und verliehen ihnen hierbei eine so plastisch wirkende 
Beleuchtung, daß das Auge unwillkürlich angeregt war, nivellitische 
Höhencurven einzuzeichnen, um dieser kartographischen Preisaufgäbe 
zur Lösung zu verhelfen. 
Welcher von den heimischen Malern hätte mir dieses Bild 
malen können? Ein Bild, in welchem die große Verkehrsbedeutung 
unserer Oberspree in reicher Staffage zum Ausdruck kommen müßte, 
in welchem aber auch die romantischen Erinnerungen an unsere 
srühmärkische Vergangenheit, an die Wendische Heidcnzeit hineinspielen 
sollten, denn wir genossen ja den Rundblick auf einer Bergkuppe, 
welche deutlich erkennbar den Stempel an ihrer Stirn trug, daß 
dort die heidnischen Opfcrer sich ehemals versammelten, daß dort 
einst dem Iutro Boy geopfert worden, dem Repräsentanten des 
Lichtgestirns, welches trotz des Wechsels von Sonnenaufgang und 
Sonnenuntergang doch einen ewigen Segnungsbund mit dem armen 
Erdenbürger geschlossen hat und dem er seine Existenz verdankt. 
Ich ließ meinen Blick unter unseren tüchtigen märkischen 
Malern Steinte passiren, den verstorbenen und den gegenwärtigen, 
diesen besonders verdienstvollen Männern, welche zuerst dem un 
gläubigen Publikum die Schönheiten der Mark erzählten und das 
Interesse, ja den Glauben daran erweckten, welche jetzt glücklicher 
Weise schon einen Wetteifer darin suchen, in jeglicher wieder 
kehrenden Kunstausstellung mit Landschaftsbildcm der Mark Bran 
denburg hervorzutreten und ihre Schönheit mit den allein un 
widerlegbaren Worten und Dichtungen eines stimmungsvollen Ge 
mäldes ztt besingen. Ich dachte hierbei zuerst an meinen Altmeister, 
Carl Friedrich Schinkel aus Neu-Ruppin, ivie er unvergleichlich 
die Schönheiten der Mark gezeichnet; wie stark mochte wohl seine 
Wechselwirkung auf die großen märkischen Apologeten, auf die 
Männer von der Feder, einen Fontane, einen Hesekiel sein? 
Ich gedachte dann wehmüthig des verstorbenen Blechen, ja, 
der hätte zu meinem Bilde das ganze Malerzeug gehabt, Phan 
tasie und korrektes Naturstudium, einen unübertroffenen Farben 
sinn, Compositionstalent und Alles verklärt durch den poetischen 
Hauch der Romantik — dahin — der Tod hat ihn zu ftüh ent 
rissen. — Aber von den Lebenden wird ein Bennewitz von Lösen 
mein Bild malen können, wird er, dem die lyrischen Töne so un 
vergleichlich zu Gebote stehen, aus dem Rahmen des üsu'/Aiov 
heraustreten, und das heroische Gewand behandeln können, in 
welches ich jenen Landschaftsblick gekleidet wünschte? 
Nach solchen Momenten tiefer Erregung, wie sie jener Rund 
blick auf den Müggelbergcn bot, wird man glauben, daß alles 
Folgende schaal und verblaßt erscheinen müsse, aber weit gefehlt; 
den Träitmer rüttelt bei der fortgesetzten Tour schon der steile 
Abstieg auf, er hat genug zu thun, um nur gut in das 
Flußthal hinunter zu kommen, ohne in eine gefährliche 
Rutschparthie zu gerathen; dann nimmt den Wanderer wieder 
ein frisches üppiges Waldesgrün auf, es folgt selbst herrlicher 
Eichenwald, mit tief versteckten, heimlichen Waldwiesen; dann 
gelangt man zum Fährplatz an der Dahme um sich im Nachen 
nach Grünau übersetzen zu lassen, wo bald wieder die heimwärts 
führende Eisenbahn erreicht wird. 
Neue entzückende Bilder bietet in Grünau nochmals der 
Ueberblick von der Galerie des Gesellschaftshauses auf die 
vorbeifließende Dahme mit ihren großen seeartigen Windungen, 
mit den reichbelebten Wasserflächen, welche den Schiffsverkehr 
nach Königs-Wusterhausen vermitteln. 
Doch es würde ermüden, wollte ich alle die Schönheiten dieser 
Tour, oder anderseits einer Grunewaldstvur nach Hundekehle, 
Paulsborn und dem Grunewald-Jagdschloß, oder der weiteren 
Touren, immer unter der Leitung des Ausflugsführers Hennes 
erzählen; es sind alles Schönheiten, welche sich sehen lassen können, 
selbst ohne die, unter der hohen Schule der Architectur verfeinerte 
Potsdamer Landschaft in den Vordergrund zu stellen, welche ihrer 
seits den vorgenannten Parthien schon wie die geschnürte Pensions 
dame den einfachen Bauernmädchen gegenübertritt; sie sind alle 
schön genug, um den Dresdener seine Lokalschweiz, den Itheinländer 
sein Siebengebirge vergessen zu machen. 
Aber die volle Menschen-Einsamkeit der Wege, die ich auf 
meinen Wandertouren betrat, besagte mir, daß der Geschmack der 
Berliner Bevölkerung noch lange nicht hierher gewandt ist, daß 
man noch iinmer vorzieht, in der Ferne dem nachzujagen, was 
man in nächster Nähe so schön haben könnte. Darum sah ich 
mich veranlaßt, diese beglückenden Offenbarungen märkischer Land- 
schastsschönhcit aufzuzeichnen, uin vielleicht auch einen späten 
Urlauber zu verführen, mir nachzufolgen und in der wahrhaft 
schönen Berliner Umgebung sich an Leib und Seele zu erfrischen. 
W. P. Tuckermann. 
M i s 11111 n. 
Die Wiederöesetzung der Stelle eines Konservators der 
preußischen Kunst-Denkmäler, welche bekanntlich in der letzten 
Session des preußischen Abgeordnetenhauses durch eine Resolution 
desselben empfohlen wurde, ist wieder besetzt worden, und es ist 
die Wahl einer Persönlichkeit ftir dieselbe auf Hrn. von Dehn- 
Rotfelser, den verdienten Mit-Herausgeber des Inventariums der 
Baudenkmale ini Reg.-Bez. Caffel, z. Z. Reg.- und Brth. in 
Potsdam, gesallen. Nach den Erklärungen — schreibt die „Deutsche 
Bauzeitung," — welche die Staats-Regierung bei Berathung der
	        
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