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Volume 6. November 1880, Nr. 6

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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Abtragung gewisser Pflichten und Dienstleistungen. Mit Martini 
endigte das Ackerbaujahr. Hier wurden die Pachtzinsen fällig 
und hier begann das neue Pachtjahr. Es war dies auch ganz 
naturgemäß. Nachdem die Ernte eingebracht, der Gelderlös ge 
wonnen, konnte am bequemsten der Pachtschilling gezahlt werden. — 
Aus vorchristlicher Zeit stammen dann noch die Martins - 
feuer, welche sich in verschiedenen Formen bis heute erhalten 
haben. Das Martinsseuer bezieht sich, wie das Julfeuer um 
Weihnacht (daher der Weihnachtsbaum) oder Lichtmeß, wie das 
Ostra- oder Maifcuer und wie das Johannis- oder Petri-Paul- 
feuer auf den Beginn einer neuen Jahreszeit, welche stets 
durch ein Feuerfest — eine sinnbildliche Fcucrreinigung aller Dinge 
— von der alten abgeschieden wird. 
In einzelnen Gegenden machen die Kinder einen Umzug, und 
bitten durch Absingung von Liedern um Holz für's Martinsfeuer. 
In vielen Städten, wie z. B. in Erfurt, Brandenburg ziehen 
die Schulkinder am Martinsabend mit Kürbislaternen aus 
und singen: 
„Marten, Marten, 
Marten is ein guter Mann 
Steckt ihm tausend Lichter an!" 
In anderen: 
„Sanct Martin 
Mach' Feuer in's Kamin!" 
Ucbcrhaupt sind die Kinderumzüge und das Absingen ähnlicher 
Verse, wie die obigen, in fast allen Gegenden Deutschlands ge 
bräuchlich, und ich bitte unsere Leser, zur Vervollständigung dieses 
Artikels unserem Blatte mittheilen zu wollen, was für Gebräuche 
sonst noch am Martinstage in der Mark und in den Nachbarpro 
vinzen bestehen. 
Eine besondere Sitte, in der Mark Brandenburg am Martins- 
abcnd üblich, mag noch Erwähnung finden. Es ist dies das „Rüben 
stechen". Der Vater läßt in Gegenwart der Kinder und des 
Gesindes einen Korb mit Rüben in die Stube tragen, steckt in die 
Rüben Geldstücke von verschiedenem Werthe, rüttelt sie durcheinander 
und heißt dann die Anwesenden mit Gabeln oder spitzen Stöcken 
in den Korb stechen. Nach dem „Rübenstechen" stellt man das Licht 
auf den Boden und alle Anwesenden springen hinüber. Wer es 
auslöscht, muß sich einer beliebigen Buße unterwerfen. — 
Aus all dem Vorigen geht hervor, daß das Martinsfest 
ein uraltes Ackerbau-Fest, ein aus vorchristlicher Zeit datirendes 
Freudenfest ist. Der Franzose hat diese Bedeutung noch in der 
Sprache festgehalten, er sagt für „sich lustig machen" l'airs la St. Martin. 
Der Grund zu solcher Jubelfeier war das glücklich voll 
brachte ländliche Jahr, war der Gedanke, die Ernte sicher 
geborgen zu wissen, und den jungen Wein unverdorben in der 
Kelter zu haben. 
Das Fest ist so alt, wie der Ackerbau. Wie bei den meisten 
althergebrachten Festen, ließ die Kirche dem Volke bei Einführung 
des Christenthums seine alten tiefwurzelnden Sitten und Gebräuche, 
verwandelte nur die alten Götter in Heilige. 
An die Stelle des Wuotan setzte sie den Apostel 
Galliens, den heiligen Martin. 
Aber wenn man von St. Martin und Gallien nicht mehr 
viel wissen wird, das Erntedankfest zu Ansang November wird in 
der Erinnerung der Menschenkinder bleiben, so lange der Landmann 
säet, erntet und Gott dankt. — 
Die erste Berliner Gasanstalt vor dem Halle'schen 
Thor. 
(Hierzu die Illustration Seite 65.) 
Das Berliner Beleuchtungswescn war bis zur Einführung 
des Leuchtgases, bis zum Jahre 1826, recht traurig. Oellampen 
beleuchteten die Berliner Straßen und Plätze, vermochten aber 
das tiefe Dunkel kaum zu erhellen. Geregelt war das Berliner 
Beleuchtungswesen schon unter dem Großen Kurfürsten. Den ersten 
Anfang der Erleuchtung machte er im Jahre.1679 dadurch, daß 
aus jedem dritten Hause eine Laterne mit brennendem Lichte aus 
gehängt werden mußte, so daß die Nachbarn darin abwechselten; 
und im Jahre 1682 brachte er durch Beiträge der Einwohner die 
Laternen auf Pfählen zu Stande. Ein besonderes Reglement 
erschien, wie ich das einer vor mir liegenden Schrift entnehme, 
welche sich betitelt: „Ordnung vom Anstecken lind Brennen derer 
Lampen auf den Straßen in Berlin, Cöln und Werder für das 
1682ste Jahr, verfertigt durch Matth. Hasse, Inspektor der Stadt 
leuchten". Darin heißt es zum Beispiel: „Die Versorger der 
Stadtleuchten sollen verpflichtet sein, denselben Oel und Baum 
wolle zu gebrauchen, welche ihnen von dem Inspektor zur Hand 
verschafft sind." „Sie sollen auf allen Ecken der Straßen, so 
bei den Brücken ausschießen, allezeit eine halbe Stunde Oel mehr 
in die Lampe thun, als in die anderen." „Sie sollen zu allen 
Zeiten des hellen Mondes, sobald als die Lampen nicht des Nachts 
brennen, die Leuchter rechtschaffen rein machen". „Sie sollen an 
ihrem Lohne gestraft werden für eine Lampe, die eine Stunde vor 
der Zeit ausgeht, mit 3 Schilling re.". In dem Buche befindet 
sich eine Tabelle, welche die Stunden angiebt, „zu welchen die 
Lampenleuchter angesteckt und gelöscht werden sollen." Da brannten 
die Lampen z. B. am 1. Januar von 5 Uhr Abends bis 7 Uhr 
Morgens, somit 14 Stunden, am 1. Februar von 5 1 /» Uhr bis 
6'/- Uhr, somit 13 Stunden re. Unsere Leser sehen daraus, daß 
das Beleuchtungswesen schon zur Zeit des Großen Kurfürsten sehr 
sorgfältig geregelt war. Hundert Jahre später, im Jahre 1787, 
gab cs in Berlin bereits 2354 Laternen, im Jahre 1803 verschwan 
den die Laternen auf hölzernen Pfählen, und es wurden größere 
mit „Reverberen" und jede mit zwei Lichtern versehen, entweder 
an eisernen Stangen an den Häusern, oder auf Granitpfählen, 
oder endlich an Stricken, quer über der Straße hängend, angebracht. 
Im Jahre 1826 erschien das Leuchtgas der „Jmperial-Kon- 
tinental-Gasassocation", deren Anstalt unser Bild zeigt und welche 
„vor dem Halle'schen Thore links an der Stadtmauer Nr. 4" 
gelegen war, resp. heute noch liegt. 
Die erste Einrichtung kostete 40,000 Thaler und war dem 
Ingenieur I. Perks übertragen. Die Beleuchtung der Straße 
„Unter den Linden" begann den 19. September 1826, dieser 
folgten die anderen Straßen, in etwa Jahresftist waren sämmt 
liche Straßen mit Gas und zwar mit 2800 Lampen erleuchtet. 
Ich werde diese Andeutungen gelegentlich in einem Artikel 
behandeln, welcher die „Geschichte des Berliner Beleuchtungs- 
Wesens" vollständiger geben wird. D. 
Ein Urlaub in Berlins Umgebung. 
„Hier ist die Natur ebenso großartig malerisch, just wie die 
Aussicht vom Uonck Point; bei Gravelle nächst Vincennes, zwischen 
Charenton und St. Maur" erklärte mein vielgereister Begleiter, 
als wir auf dem Kamm der Müggelberge standen und hinüber 
sahen einerseits nach den Seegebilden der Spree, andererseits 
denen der Dahme. 
Mit diesem hohen Vergleich hatten wir zwar unsere Berliner 
landschaftliche Umgebung, welche wir durchwanderten, für cour- 
und gesellschaftsfähig erklärt, mußten aber beide darüber lachen, 
daß auch wir, trotz unseres Bestrebens nach Vorurtheilsfteiheit, 
uns den Schwächen derjenigen Periode deutscher Vergangenheit 
nicht entziehen konnten, welche durch die eigene Unterschätzung, 
nicht bloß der Leistungen, selbst des vaterländischen Bodens 
charakterisirt ist.
	        
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