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Volume 6. November 1880, Nr. 6

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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war heut gar nicht gewillt, Entsagung zu lernen, traurig 
sah sic all' den fröhlichen Menschen zu, und hätte fast ge 
zürnt mit all' den rosigen Psarrtöchterlein, die sichso sorg 
sam mühten, die traurige junge Frau aufzuheitern; sie waren 
cs nicht gewohnt, am St. Bartholomäus-Tage traurige Ge 
sichter um sich zu sehen, denn der 24. August war ein hoher 
Festtag für die Stralower Pfarre. Seit mehr denn hundert 
Jahren wurde an diesem Tage der Fischfang wieder eröffnet, 
von den fünf Zügen aber, die an diesem Tage gethan wurden, 
erhielt der Pfarrer die vier ersten; es war feine Haupt-Ein 
nahme , von diesem Tage hing für ihn und seine Familie gar 
viel ab, darum der festliche Putz, die fröhlichen Gesichter und 
die vielen Gäste, denn noch immer hatte Gott den Stralower 
Fischzug besonders reich gesegnet. 
Aber nicht nur in der Pfarre, im ganzen Dorfe ging es 
hoch her am Bartholomäus-Tage; Bartholomäus und Petrus, 
die der Herr vom Fischfang weg zum Apostelamt berief, sie 
sind feit alten Zeiten die Heiligen aller Fischer gewesen, darum 
feierten auch die Stralower Fischer seit alten Zeiten den Bartho- 
lvmäustag, bis mit der Reformation die fröhlichen Heiligen- 
und Kirchweihfeste aufhörten, „die Welt frömmer und besser, 
aber auch grausam langweilig tvurde," wie ein alter Geschichts 
schreiber sagt. Da vcrhalf der gestrenge Kurfürst Johann 
George, den sie ob feiner Sparsamkeit Oeeonomus nannten, 
den Stralowern wieder zu ihrem alten Bartholomäusfeste, durch 
seine Bestimmung, cs solle an diesem Tage die Fischerei wieder 
eröffnet werden. Nun hatten die Stralower ihren alten Festtag 
wieder und auch aus Berlin wanderte gar mancher in das 
Fischerdörflcin hinüber, um das Fischer-Fest mit anzusehen. 
Der Herr Pfarrer hatte sich schon feit einer Weile zurück 
gezogen, jetzt läuteten die Glocken der Kirche und das ganze 
Haus fast folgte ihrem Ruf. Als sie über die Schwelle traten, 
zogen aber die Fischer in feierlichem Zuge in das Gotteshaus, 
ehrsam in lange blaue Röcke gekleidet, ihre Jnnungsfahnen in 
den Lüften flattern lassend, vorauf die Fischmeister, die Amt 
leute, die Strvmwärtcr und der Pritzstabel, der das Fischerei- 
geräth zu untersuchen, die Fischer beim Fange und Verkaufe 
zu beaufsichtigen hatte. Der alte Findcldci war ein gelernter 
Fischer, aber er hatte sich in aller Herren Länder umhergetrieben, 
manchen Feldzug mitgemacht und war der Schrecken aller un 
redlichen Fischer. 
Drinnen in dem mit Grün und Blumen geschmückten Kirch 
lein hielt Pastor Memhardt eine richtige Fischerpredigt über 
Petri Fischzug und mahnte seine Hörer daran zu denken, „wie 
sehr hoch und viel die Kurbrandenburg unserm lieben Gott zu 
danken habe wegen der schönen Fischereien, damit nicht allein 
dies ganze Land, sondern auch alle umliegenden Stellen, die 
wenige Fische haben, reichlich versehen und versorget werden." 
Er warnte sie auch vor Uebermuth, den Gott straft, wie er an 
den Leuten zu Rostock gezeigt habe, die einst so viel Dorsche 
gefangen, daß sic selbige den Schweinen vorgeworfen, deswegen 
sie Gott gestraft, daß sic hernach keine mehr haben fangen 
können, denn Gott will," so fuhr der würdige Herr fort, „daß 
man seine Geschenke und Gaben mit dankbarem Herzen erkennen 
und keineswegs mißbrauchen soll. Ich Habs auch oft gesehen 
und erfahren, daß der Adel den armen Bauern verboten hat, 
daß sie in ihren Wassern nicht fischen sollen, so hat sie Gott 
also gestraft, daß die Fische alle vergangen und wegkommen 
sein. Haben sie aber wiederumb Fische haben wollen, so haben 
sie den Leuten das Fischen wiederumb vergönnen müssen. Doch 
kann und muß mans auch leiden, daß Obrigkeiten etliche Hege- 
gewasser und andere Sachen haben, aber Gott will auch seinen 
Nächsten, arme Leute, Kirchen, Schulen und Hospital in Acht 
genommen haben, denn er hat nicht Alles um eines, zweier 
oder mehr Menschen willen erschaffen, sondern um aller Menschen 
willen, wie er denn auch seinen geliebten Sohn nicht um eines, 
zweier oder mehr Menschen in den Tod gegeben hat, sondern 
um aller Menschen willen." 
Die ernsten Fischcrgcsichter verzogen keine Miene; sie hörten 
andächtig zu. Trotz des dreißigjährigen Krieges, der so manches 
Band gelockert hatte, stand die Kirche noch so mitten im Leben 
des Volkes, daß ohne sie nichts unternommen wurde, mochte 
es Geistliches oder Weltliches sein. Nach dem Gottesdienst 
aber strömte Alles zur Spree hinunter und wieder schritten 
in feierlichem Zuge die Fischer einher: nun aber hatten sie die 
blauen Röcke abgeworfen und auf den Schultern trugen sie 
ihre Garne. Die ganze Gemeinde und was an Fremden in 
Stralow war, stand ain Ufer, athemlos harrend. Auch Lottchen 
befand sich mit Jda unter den Harrenden, sie stand neben 
Gleichen, die ihr dunkles Köpfchen mehr als einmal umwandte, 
worauf jedesmal eine der Schwestern sagte: „Aber Gleichen, 
Otto hat Dirs ja gesagt, er komme erst gegen Abend." Was 
halft, Gleichen schaute doch sehnsüchtig nach derselben Richtung, 
obgleich es noch Morgen war. Ueber das Wasser der Spree 
hin klangen die Töne der Musik, die vom Lande her ertönte, 
das große Garn war ausgeworfen, mit hallender Stimme 
sprach der Geistliche einen Segen darüber,.als sie es aber wieder 
herauszogen, da mußten sie Alle an des Petri Fischzug denken, 
denn die Netze zerrissen fast. Beinah alle scchsundzwanzig 
Arten Fische mit Schuppen und fechszehn ohne Schuppen, die 
man damals in der Mark Brandenburg zählte, schienen vertreten 
und die Frau Pastorin faltete dankend die Hände. Wenn es 
so fort ging, waren sie für dieses Jahr reiche Leute. 
Musik, Flintenschüsse und lauter Jubel begleitete den Fisch 
zug, die Wiese an der Kirche hatte sich mit Buden aller Art 
bedeckt, in denen Eßwaren und gute Dinge verkauft wurden; 
sogar ein Seiltänzer zeigte seine Kunststücke. In der Pfarre 
ging cs hoch her, da gab's zu Mittag gebratene wilde Enten 
mit Brombeermuß, gekochte Fische, gebackene Fische, gebratene 
Fische, Weinmuß und Weißkraut mit Effig, dazu kühles Bier 
und sogar einen Trunk Wein. Nach Tische zog das junge 
Volk ans den Festplatz, um bcn Seiltänzer zu sehen und in 
der Würfelbude einen Fisch und Pfefferkuchen zu gewinnen- 
Die jungen Männer aber nahmen allerlei gräuliche Masken 
vor und neckten die Mädchen damit. Lottchen hatte sich mit 
hinaus ziehen lassen, obgleich sie lieber in der Pfarre geblieben 
tväre. Da saß das alte Paar mit dein Oheim in der kühlen 
Stube; Gretchen hütete die kleinsten Kinder, die nicht mit 
hinaus konnten und nähte an einem Stück ihrer Ausstattung 
dazu, während sie leise vor sich hinfang. Die Braut konnte 
ohne den Bräutigam nicht auf dem Festplatz erscheinen, ver 
langte auch wohl nicht danach. 
Draußen iin Getriebe des Festes verlor Lottchen Jda aus 
den Augen und ängstlich suchte sie nach ihr, ohne darauf zu 
achten, daß sie sich von den Andern entfernte und weiter hin- 
j aus an den Fluß gerieth, wo nur wenige Menschen noch zu 
sehen waren. Die Stille, die hier herrschte, that ihr wohl, 
I und obgleich es heiß genug war, so dünkte ihr doch hier kühl
	        
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